Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1891)
- Date
- 1891-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1400 Brüder unschuldig leiden, in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen allgemeiner geworden. „Empfangen Sie", so schreibt mir am 30. Mai ein Oberlehrer des hiesigen Gymnasiums, Herr Dr. B. .., dem ich die Denkschrift über jenes Meeting zuschickte, „empfangen Sie meinen besten Dank für die freundliche Zusendung des Buches über die Verfolgung der Juden in Rußland. Ich habe dasselbe mit großer Theilnahme gelesen; jeder Gebildete mußte es als eine Beleidigung empfinden, daß derartige Barbareien in unserem Jahrhundert noch möglich sind, und doch kann man so wenig dagegen thun. So lange auch bet uns noch der Antisemitismus sein widerliches Wesen treibt, haben wir freilich kaum einmal das Recht, uns Rußland gegenüber zu entrüsten. Mit dem herzlichen Wunsche, daß der Tag der Befreiung für Ihre bedrängten Glaubensgenossen in Rußland nicht mehr fern sein möge, verbleibe ich Ihr ergebener Dr. B.." '3 onayo »pjnn *^p \)n jisaai »pysn hs naiw (Jeremija 22, 20) möchte ich, im Gegensatz zu Herrn W., all den unzähligen Unglücklichen zu rufen, erhebet ein Jammergeschrei so laut, so herzzerreißend, daß sich Holz und Stein erbarmen möchten, vielleicht erweicht es auch das Herz derer, in deren Hand die Vorsehung Euer Schicksal gelegt, vielleicht mahnt es sie, daß es einen himmlischen Richter gibt, der die Thränen der Unterdrückten schaut! Wenn aber Herr W. „die Verbreitung und Wiederholung unbegründeter Erzählungen über russische Barbarei seitens der englischen Inden nicht nur natürlich, sondern entschuldbar" findet, so kann ich ihm ebensowenig beipflichten, wie ich die Behauptung verstehen kann, daß die Zeitschrift „Darkest Rufsia" „jüdischen Quellen entstammende Enten in die Welt setzen" soll. Uebertreibungen, unbegründete Erzählungen, Enten sind nie natürlich, nie entschuldbar, sind immer schädlich. Sie wären aber ein Wahnsinn, ein Verbrechen in dieser Angelegenheit, wo die nackte, ungeschminkte Wahrheit, die einfache Aufzählung aller Thalsachen — doch was sage ich, aller, nein alle kann man nicht erzählen, weniger, einzelner Thatsachen — so grauenhafte Bilder entrollt, daß jedem fühlenden Herzen die Haare zu Berge stehen! Ich bitte nur die beifolgenden, von einem unparteiischen ch r i st l i ch e n Correspondenten geschriebenen Schilderungen abzudrucken von Ereignissen, die sich in den letzten Tagen hier zugetragen, und frage, ob noch Uebertreibungen nöthig sind, um „auf die öffentliche Meinung des Continents zu wirken Schildern kann man nicht den ganzen Jammer, man muß es mit angesehen haben, wie die in Geburtswehen befindliche arme Frau in den Schuppen getragen, und auf die harte Erde gebettet, Schmerzensschreie ausstößt!! Sie liegt jetzt todtkrank im hiesigen Krankenhaus, und ihr Mann und ihre Kinder harren in der entfernten Herberge, nicht mehr fähig zu weinen, vergeblich von Tag zu Tag der Nachricht, ob und wann sie Weiterreisen können. — Vor 8 Tagen hat man einer Frau das auf der Reise erkrankte Kind vom Kinderhospital hinweg hinausgetragen nach dem Friedhof und heute morgen folgte eine andere dem Leichnahme ihres einzigen Söhnchens auf demselben traurigen Wege. Wenn eine Henne, angsterfüllt, am Ufer aus- und abeilt, und immer und immer wieder an anderer Stelle den vergeblichen Versuch macht zu ihrer jungen Brut von Enten ins Wasser zu gelangen, so ist das ein schmerzlicher Anblick. Und doch ist es ein Kinderspiel im Vergleich zu der Angst, der Unruhe, der Seelenpein, mit der diese Mütter das Kinderhospital umlagerten, um zu ihren Kleinen zu gelangen, sie umarmen, pflegen zu dürfen, und doch nach der strengen Hausesordnung fern gehalten werden mußten und dann wieder nach der Herberge eilten, wo ihre anderen hilfsbedürftigen Kinder ihrer Pflege bedurften! Wahrlich, ich bin überzeugt davon, daß der Kaiser von Rußland von diesem Jammer keine Kenntniß hat, denn wenn ihm nur eine solche Jammerscene wahrheitsgetreu geschildert würde, er würde sicher für schleunigste Abhilfe Sorge tragen. Die beregten Artikel im hiesigen „Generalanzeiger" lauten: „Russische Auswanderer. Mit dem am Freitag Abend von Memel hier eingetroffenen Dampfschiffe „Alpha", Capt. Bendfeldt, kamen etwa 200 aus Rußland verwiesene Juden an, welche durch das israelitische Hilfscomit« im Schuppen 8 untergebracht und bis zu ihrer am Sonnabend erfolgten Weiterreise nach Hamburg verpflegt wurden. Hierbei ereignete sich ein überaus trauriger Fall, welcher das oft schreckliche Schicksal dieser Unglücklichen zu kennzeichnen vermag. Ein in den besten Jahren stehende Frau, welche ihrer Niederkunft entgegensah, mußte ihres hilflosen Zustandes wegen an das Land getragen werden. Kaum tm Schuppen untergebracht, genas sie eines Zwillingspaares, welches aber bald nach der Geburt verstarb. Die kleinen Leichen wurden einstweilen im Schuppen 7 niedergelegt, die Mutter aber, welcher Herr Dr. Adler die erste Hilfe angedeihen ließ, in einem Tragkorb in's allgemeine Krankenhaus gebracht. Der Vater blieb fast verzweifelt im Schuppen 8 zurück." „Russische Auswanderer trafen gestern Vormittag mit dem hiesigen Dampfer „Caprivi"