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Der Israelit · 1891-09-17 · Heft 74 (17.9.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 74 (17.9.1891)
Date
1891-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1399 IeLtttrrgSnachrichtett itttb Correfpoudenzeu. Deutschland. Lübeck, 11. Sept. Im Beiblatt zu Nr. 71 Ihrer Zeitung brachten Sie eine Correspondenz aus London vom 1. September, worin eine Zuschrift des Herrn A. White an die „Times" erwähnt wird, die mich zu folgenden Bemerkungen veranlaßt. — Ich übergehe die darin enthaltenen politischen Andeutungen; denn ob es für die russischen Juden gut sein wird oder nicht, wenn Gladstone wieder an's Ruder kömmt, das verstehe ich nickt und vermag es nicht zu beurtheilen. Etwas anderes schon ist es mit dem Guildhall Meeting. Herr White glaubt, wenn er offen reden dürfte, so könnte er leicht beweisen, welchen Schaden es angerichtet hat. Herr White ist nicht blos ein edler, sondern auch ein höchst einsichtsvoller und — worauf es hier besonders ankömmt — mit den russischen Verhältnissen sehr vertrauter Herr. Und doch kann er es Niemanden verübeln, darin anderer Ansicht zu sein, und so lange der Beweis nicht erbracht ist, an den Schaden des Meetings nicht zu glauben. Freilich besser ist es in Rußland nach dem Meeting nicht geworden, die Bedrückungen und Ausweisungen nehmen ihren" ungestörten Fortgang; aber daß sie aufgehört hätten, wenn das Meeting unterblieben wäre, das wird Niemand glauben, und wenn auch alle russischen Wortführer darin k übereinstimmen sollten. Unbequem und unangenehm war gewiß den russischen Machthabern dieses Eintreten der edelsten und angesehensten Männer für das gekränkte Menschenrecht der verachteten Juden; es wäre ihnen viel lieber, sie könnten ihre Preßcensur über die ganze Welt ausdehnen und jede Feder unterdrücken, welche die an Juden verübten Greuel registrirt und jeden Mund stopfen, welcher für sie an die Menschlichkeit appellirt. Und da sie das nicht können, legen sie Herrn White den Rath in den Mund, daß „Jeder, welcher den Juden wirklich helfen will, nur 2 Dinge zu thun habe, 1) seinen Mund über Rußland zu halten und 2) seine Hand in die Tasche zu stecken, um einer armen Familie die Reise nach Süd-Afrika oder Amerika zu ermöglichen." Schweigen soll man, schweigen. Stumm, wie die Schafe, sollen die Juden sich von Haus und Hof vertreiben, drangsaliren, zur Schlachtbank führen lassen und ja nicht mucksen. Denn, wenn sie in ihrem unsagbaren Schmerz aufschreien, oder Andere, von dem Elend gerührt, für sie die Stimme erheben, dann, ja dann wird es nur noch schlimmer und die Wuth der Unterdrücker kennt keine Grenzen. Das hat man auch früher bei allen Judenverfolgungen und Rechtsverkümmerungen gesagt und die Erfahrung hat gelehrt, daß die Besserung nicht durch Schweigen kam. „Es gibt eine Ansicht", sagt Dr. Ri^ßer, „welche meint, es könnten Nationen und Regierungen von dem Unrecht, das sie einer wehrlosen Minderzahl thun, auf's klarste überzeugt sein, ohne darum auf Abhilfe zu denken — weil sie eben gar keinen Anspruch darauf machten, gerecht zu handeln. Ich kann dieser Ansicht nichts anderes entgegen setzen, als daß ich sie für eine unwürdige Verleumdung der Menschennatur halte, daß sie von der Geschichte, in der immer ein sittliches Moment, ein Recht, ein Glaube, ein Gedanke, die Massen beherrscht und die gewaltigsten Bewegungen erzeugt hat, Lügen gestraft wird. Ich glaube vielmehr, daß die bloße reine Wahrheit auch aus dem Munde des Unbedeutensten, durch keine Autorität, durch keine Fähigkeit unterstützt, nicht ganz machtlos ist, und daß dem Augenblick der vollen ernsten Ueberzeugung des Unrechts die Abhilfe nach kurzem Zwischenraum Nachfolgen muß." Und an anderer Stelle sagt derselbe: „Die Erfahrung lehrt, daß jene feige Demuth bei den Meisten Verachtung, bei einigen Wenigen, besonders gutmüthigen, höchstens ein unfruchtbares Mitleid erregt, nirgends aber den ernsten Willen, zu helfen, hervorruft, vielmehr die verderbliche Vorstellung befördert, als sei der Zustand der Unterdrückung der Sitte, dem Charakter, der Gesinnung der Unterdrückten nicht ganz unangemessen. Gibt es doch rechtliche Leute, die für gewisse Völker und Länder den DespoUsmus, die Leibeigenschaft und andere Zustände menschlicher Entwürdigung für natürlich und nothwendig halten, weil sie dem Grad der herrschenden Bildung, der allgemeinen Ansicht der dienenden selbst nicht ernstlich widerstreben. In einer Sache, bei der es sich freilich nicht um Tod und Leben, aber um etwas unendlich ernsteres, um Freiheit und Unterdrückung, um Recht und Unrecht, um Ehre und Schande, um Wahrheit und Lüge, um das rechtliche, vielleicht um das sittliche Sein oder Nicht-Sein von Hunderttausenden handelt — wäre jedes Verschweigen, jeder Rückhalt, jede Schonung eine Sünde wider den heiligen Geist der Wahrheit und der Menschlichkeit." So weit Rießer. Und bezogen sich auch seine Aeußerungen auf eine andere Angelegenheit, so dürften sie doch auch auf die Zustände unserer russischen Brüder anwendbar, und jedenfalls eine Rechtfertigung für diejenigen sein, welche eine von Herrn White abweichende Meinung haben. Ja, die Edlen, welche das Meeting berufen, und die Tausende, welche daran theilgenommen, brauchen ihre Thal nicht zu bereuen. Wer weiß, ob sie nicht doch die Machthaber an der Newa etwas stutziger gemacht haben. Jedenfalls aber ist seither das jüdische Mitgefühl reger und das Bewußtsein, daß unsere

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