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Der Israelit · 1891-09-17 · Heft 74 (17.9.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 74 (17.9.1891)
Date
1891-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1398 Schulen, Hospitäler religiöse Zwecke, bet den Juden nicht. Eigenthümliche Logik. Noch eigenthümlicher erscheint die Logik, wenn der Vers. Juden tadelt, welche Stiftungen mit großem Vermögen für alle Konfessionen ausgestattet und eine bestimmte Summe für Juden reservirt haben, so daß die Vertheilung der Stipendien nicht nach dem Prozentsatz der Konfessionen vorgenommen werden kann. Wir werden diesem eigenthümlichen Denker und Mathematiker wohl noch einen Dank votiren müssen, daß er sich nicht mißbilligend darüber äußert, daß die jüdischen Stifter die Juden nicht von den Wohlthaten der Stiftung ausgeschlossen haben. Nebenbei sei aber dem Verf. noch bemerkt, daß wir einen andern Begriff von religiösen Zwecken haben als er, bei uns beschränkt sich die Religion nicht auf Synagoge und Hospital, jede Förderung, die wir einem Nebenmenschen angedeihen lassen, nicht nur einem Juden, ist für uns eine religiöse Thal. Wenn aber nun der Verf. bemerkt, daß die Voraussetzungen der Emanzipation sich nicht erfüllt hätten,' so ist ja klar, was derselbe sagen will: die Voraussetzungen der Emanzipation haben sich nicht erfüllt, ergo: muß sie rückgängig gemacht werden, denn die Juden geben ja ihre Sonderstellung nicht auf. Was heißt denn aber dies? Sollten etwa die Juden zum Christenthume übergehen? Da hätte es ja der Emanzipation nicht bedurft? Erfüllen die Juden etwa ihre Pflichten nicht gegen den Staat? Verlangen sie von der Geld- oder Blutsteuer befreit zu werden? Sie unterstützen ihre Glaubensgenossen und ihre armen christlichen Mitbrüder, ist das eine Sonderstellung, die sie beanspruchen? Sie fördern Bildung und Wohlstand unter ihren Armen und erleichtern damit die Lasten des Staates, ist ihnen darüber ein Vorwurf zu machen? Sie sorgen auch, die Armuth der Glaubensgenossen in Palästina durch Förderung von Schulen und Handwerk zu lindern, ist das ein ärgeres Verbrechen, als die Sorge, die Katholiken und Protestanten für die Katholiken und die Protestanten in fernen Ländern an den Tag legen? Wenn das „praktische Christenthum" nicht so viel und so Umfassendes leistet, wie es aus den Andeutungen des Verf. hervorgeht, wie das „praktische Judenthum", ei, so setze man seinen Ehrgeiz darin, cs zu überflügeln, so löse man die soziale Frage mit der umfassendsten Thätigkeit, wie es das Im denthnm in seinem Kreise und noch darüber hinaus versucht. Denn man nehme doch einmal die Berichte über die Wohlthätigkeitsanstalten allgemeiner Tendenz und sehe einmal, in welchem Umfange und mit welchen Beiträgen die Juden hier betheiligt sind. Ja, selbst Wohlthätigkeits-Veranstaltungen rein christlicher Tendenz erfreuen sich jüdischer Unterstützung. Und nun kommt man und spricht von der Sonderstellung der Juden. Und nun als piece de resistancse: Wieviel Reichthum muß solches Stiftungsvermögen hervorgebracht haben. „Welche kolossale Macht liegt darin, zumal, wenn man bedenkt, welch' ungeheuere Reichthümer es sein müssen, aus denen innerhalb 50 Jahren 7 4/2 Millionen in Stiftungen sich heraussetzen konnten l körnten es die Juden den Christen verdenken, wenn wir über das Anwachsen eines sozial so mächtigen Faktors in unserm Volksleben bedenklich werden? Wie hat die jüdische liberale Presse früher gegen die christlichen Stiftungen gelärmt und den Staat zur Säkularisation derselben aufgefordert! Von den jüdischen Stiftungen sagen sie kein Wörtchen!" Was thut hier das fromme Blatt anderes als die Sozialdemokraten, die gegen das Kapital Hetzen? Anderes? Noch viel Schlimmeres! Die Sozialdemokratie hetzt gegen das Kapital, insofern es dem Besitzer Genüsse und Lebensführung gewährt, wie sie dem Arbeiter nicht möglich sind; hier aber gibt das Wohlthun mit Geld die Handhabe, eine Hetze ins Werk zu setzen. Das zeugt von einer Verrohung der Gesinnung und des Gemüths, wie sie nur in den Reihen der wüstesten Antisemiten gefunden werden kann. Wir beneiden den traurigen Ritter von der Feder, der dieses niederschreiben konnte, um seine Ideale nicht. Nun ist dazu der Schluß ganz falsch: erstens datirt ein großer Theil dieser Stiftungen von vor länger als hundert Jahre; zweitens gibt der Mittelstand unter den Juden mehr, als es sich der Verf. jenes Hetzartikels träumen läßt. Es wird Wenige unter den Juden geben, welche nicht den 10. Theil ihres Verdienstes, und sei er noch so gering, der Wohlthätigkeit spenden, und dadurch wird der Schein eines kolossalen Reichthums hervorgerufen, der in Wirklichkeit nicht besteht. Geben aber wohl die Juden den Christen Anlaß, ihren Reichthum zu fürchten dadurch, daß sie sich so reichlich betheiligen, wenn es gilt, allgemeines Elend zu lindern? Was aber der Verf. weiter mit Andeutungen über eine Säkularisation hetzt, so sei bemerkt, daß die Säkularisation ihren Anfang mit Beginn der Reformation genommen hat, daß später jüdische Blätter nie über christliche Stiftungen gelärmt haben, und daß, wenn dem Verf. jüdisch und liberal synonym ist, wir ihm darauf hier keine Antwort zu geben haben, daß aber endlich die Juden gar keine Stiftungen besitzen, welche einer Säkularisation verfallen könnten, da sie alle dem Staate offenbaren wohlthatigen Zwecken dienen und unter Aufsicht des Staates stehen.

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