Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1891)
- Date
- 1891-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448191--32808-2480671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1388 Wunsche zu entsprechen — denn meine Seele ist betrübt und mein Herz erzittert in bangen Schlägen." „Und weßhalb, Sennora?" fragte der Geistliche teilnahmsvoll, „Ihr wisset, es ist nicht eitel Neugier, die mich diese Frage stellen heißt. — Der innigen Freundschaft, die mich Eurem Gatten verbindet, entspricht es wohl, daß ich Euch bitte, mir zu sagen, was denn so Schweres Euch getroffen hat." „Ihr wisset, hochwürdiger Herr," hatte Bianca erbebend erwiedert, „es ist heute der Sterbetag unseres theuren Kindes, an das ich noch immer nicht vergessen kann." „Heute, Sennora?" fragte der Geistliche verwundert, „ich glaube Ihr irret." „Gewiß, Du irrst, Bianca," fiel ihr Gatte lebhaft ein, „nicht heute, sondern erst am Beginn der folgenden Woche ist der Todestag unseres Kindes." „So lasset Euch erbitten, Sennora, und wenn Euch die Stimme versagen sollte, so erfreut uns durch Euer seelenvolles Spiel und ich hoffe mit Zuversicht, auch Eure Trauer wird verrauschen in den zaubervollen Tönen, die Ihr Eurem Instrumente entlockt, und Euer Herz wird ruhiger schlagen. — Ich versichere Euch," wandte er sich an den Hausherrn, „nie hörte ich solch' ausdrucksvolles Spiel, nie ahnte ich den Zauber, den man den Saiten der Mandoline zu entlocken vermag, als bis ich Eure edle Gattin spielen hörte." „Laß' Dich nicht länger bitten, Bianca", sprach ihr Gatte. Und sie ließ sich nicht länger bitten, sie nahm das Instrument, das der Geistliche ihr darbot, sie griff in die Saiten wie mit wilder Gewalt, es war ein Akkord wie der Aufschrei eines verzweifelnden Herzens — fünfzig Jahre waren verstrichen, seit er ihn vernommen, und in seinen Träumen wähnte Rabbi Juda manchesmal noch ihn zu hören — im nächsten Moment erfolgte ein Krach, sämmtliche Saiten des Instrumentes waren gleichzeitig gesprungen, Bianca stieß ein grelles Lachen aus und stürzte in Zuckungen zu Boden. Mit lautem Angstschrei waren beide Männer auf sie zugeeilt, hatten mit vereinten Kräften die bewußtlos Umsichschlagende emporgehoben und sie in ihr Zimmer gebracht; der rasch herbeigerufene Arzt hatte sein Möglichstes gethan — umsonst — Bianca hatte das Bewußtsein nicht wiedererlangt, ein hitziges Fieber hatte sie ergriffen und nach wenigen Tagen dahingerafft. Der Schmerz ihres Gatten war grenzenlos. Er achtete nicht der Gegenwart seiner Kinder, nicht der des Geistlichen, von dem ein Wort ihn in's Verderben bringen konnte — aufgelöst in Thränen, warf er sich über die Leiche und erging sich in wilden Selbstanklagen. Wieder und immer wieder nannte er sich ihren Mörder, in herzzerreißenden Worten erflehte er ihre Verzeihung, daß er ihrem unablässigen Drängen nicht nachgegeben, nicht längst mit ihr das Land verlassen hatte, das ihnen das Heiligste geraubt. Und dann schien er plötzlich vergessen zu haben, daß sie bereits aufgehört hatte zu athmen, halblaut flüsterte er Liebesworte ihr in's Ohr, und versprach ihr, gleich morgen ein Schiff zu miethen, das sie alle hinwegführen solle aus ihrer unglückseligen Heimath, weit fort in ein freies Land, wo sie dem Gotte ihrer Väter würden dienen können. Der Geistliche hatte sich als aufrichtiger Freund erwiesen. Wiederholt hatte er versucht, den vor Schmerz Sinnlosen zur Besinnung zu bringen, doch als er erkannte, daß ihm das nicht gelingen werde, da war er nicht von seiner Seite gewichen, und hatte dafür gesorgt, daß kein unberufenes Ohr Zeuge der Selbstanklagen des Unglücklichen werde. Bald war es zweifellos; die böse Krankheit, der Bianca erlegen, hatte auch ihren Gatten ergriffen, hatte auch ihn in wenigen Tagen dahingerafft. (Fortsetzung folgt.) «JSvaekt" und „Jeschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16'Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Duchhandel )N beziehen bei E. F. Kt rinacker« Leipzig« Doßpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland mck Oeßerr^ch 14 Reichs-Mark oder 8 fi. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco «nptsende«. Inhalt (Hauptblatt>: Leitender Artikel: Sprüche der Väter. (Fortges. von Liepm. PH. Prins, Frankfurt a. M.) — Zeitungsnachrichten und Eorrelpondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Frankfurt a. M. Weißenburg i. E. — Frankreich: Paris. — England: London. — Australien: Melbourne. — Vermischtes. — Feuilleton: Sabbatai Zewi. Historische Erzählung von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Der Kolonisationsplan des Baron Hirsch. —Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Breslau. — England: London. — Türkei: Salonichi. Verantwortliche Redaction: OscarLehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschuruu", Schottstraße Nr.2, Mainz. Druck und Verlag der Ioh. Wi rt h'schen Hofbnchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.