Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1891)
- Date
- 1891-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1366 WormS. Karl Frenzel widmet in seinen „Erinnerungen und Strömungen" auch Berthold Auerbach ein ziemlich umfangreiches Kapitel, in welchem er eine Seite des schwäbischen Dichters hervorhebt, die sicher auch für die geschätzten Leser Ihrer Zeitschrift von Interesse ist. Er schreibt: „Auerbach ist ein Deutscher und ein Jude! Darin ist der Mensch und der Dichter beschlossen. Obgleich dem jüdischen Gesetz und dem Zeremonialdienst entwachsen, hält er doch die Zusammengehörigkeit mit seinen Stammesgenoffen aufrecht. In fremden Städten besucht er die Synagoge und den jüdischen Friedhof. Er empfindet es in seiner Stellung als Verpflichtung, überall für die gekränkten Juden einzutreten. Einmal will er sich der Deputation der jüdischen Notabeln nach Rumänien anschließen, einen Brief des Fürsten Hohenzollern an ihn in der Judenfrage veröffentlicht er umgehend. Er überlegt, ob er nicht öffentlich gegen Richard Wagners Schrift: „Das Judenthum in der Musik" auftreten solle. Mit einem Spürsinn, der einen selbstquälerischen Zug hat, untersucht er eifrig das Herz und Gemüth seiner Freunde und Bekannten, wie sie sich zu dem Judenthum stellen. „Mit Gutzkow," schreibt er aus Dresden am 27. Dezemb. 1851, „kann ich es zu keiner rechten Sympathie bringen, und wenn auch alle Widersprüche unserer beiderseitigen Naturen sich friedlich aufnehmen ließen, ich weiß gewiß, er würde über alles hinaus nie den Juden in mir vergessen." Und noch bei Gutzkow Tode betont er: „Ganz ähnlich wie Richard Wagner glaubte er von den Juden nicht gefördert, ja sogar gehindert zu sein, und schon 1834 zeigte sich dieser Widerwille, und er blieb immer, wie er auch einmal offen in seiner Schrift bekannte, daß er erschrocken sei, als er gehört habe, daß Ludwig Börne ein Jude sei. Er nahm es Jedermann übel, der sich gegen gewisse Aeußerungen jüdischer Schriftsteller, die er selbst verurtheilte, erklärte. So hat er mit Dingelstedt gebrochen, weil derselbe in einer Skizze über Mosenthal einen und den andern Witz über den Juden in Mosenthal gemacht: Witze, die eben auch nicht nach meinem Geschmacke sind, aber das durchaus wohlwollende und freundliche Urtheil Dingelstedts doch für Niemand verdunkeln können. Mit Schmerz und Rührung haben wir alle gesehen, wie ihm die antisemitische Bewegung an das Herz griff; Männer, mit denen er sich für das Leben verbunden geglaubt, traten plötzlich mit aufgeschlagenem Visir gegen die Juden auf. Mit andern Waffen, mit vergifteteren Pfeilen, als es je die Scherze, das ironische Lächeln und das Achselzucken Gutzkows und Dingelstedts gewesen waren. Etwas wie Schauer und Verzweiflung ergriff ihn, als die noch unausgefüllte Kluft zwischen einem Theil des deutschen Volkes und seinem Stamme sich unerwartet vor ihm öffnete, als er gewahrte, wie die Riffe dieses Zwiespalts bis in jene Welt der Bildung hineinreichten, in der er sich so wohl gefühlt. All unsere Trostesworte konnten dies seelische Leiden nicht heilen, vielleicht nicht einmal lindern, zu viel war in ihm gebrochen. Niemand wird die Briefe, die er seit dem politischen Umschwung im Sommer 1878 dem Freunde geschrieben — für ihn ist es ein vollkommner Zusammenbruch des Idealen und Humanen — ohne wehmuthige Ergriffenheit lesen. Innerlich ist Berthold Auerbach an diesem moralischen Bankerott des deutschen Volkes gestorben." Sollen wir den Worten Frenzels noch einige hinzufügen? Wir glauben, sie sind beredt genug für Juden und Christen, für erstere, welche sich so oft ihres Judenthums schämen und für letztere, welche glauben, allein die Domäne des Deutschthums und der Menschenliebe gepachtet zu haben. I. Rothschild, Worms. Görlitz, 9. Sept. Die Strafkammer hat in dem bekannten Antisemitenprozeß die Angeklagten, den Major v. Mitzlaff und den Lieutenannt Lorenz in Görlitz, die der Beleidigung der gesammten hiesigen jüdischen Kaufmannschaft durch Hetzfiugblätter-Vertheilung beschuldigt waren, freigesprochen. Das verurtheilende Erkenntniß der ersten Jnstatlz war vom Reichsgericht aufgehoben worden. Dem Präsidenten der französischen Republik, C ar n o t, wurde jüngst ein originelles Geschenk überreicht. Es war sein Bild in Federzeichnung. Bei näherer Besichtigung entdeckt man jedoch, daß die einzelnen Linien aus mikroskopisch kleinen Buchstaben bestehen, welche die hauptsächlichsten Reden und die Biographie Carnots enthalten. Das Kunstwerk entstammt der Feder des Schreibers Sofer. Derartige Kunstleistungen in hebräischer Schrift sind nichts Seltenes. n» abbatai Hewi. H i st o r i s ch s Erzählung Vvnst Schwarz (Fortsetzung.) Wenden wir uns wiederum gen Norden, zu der Hauptstadt der Niederlande. Die Amsterdanier Judcngemeindc zählte bereits zu den bedeutendsten, doch war sie noch im Zunehmen; denn noch waren die Scheiterhaufen auf der Pyrenäischen Halbinsel nicht erloschen, noch immer kamen Nachzügler jener Unglücklichen, jener sogenannten Judenchristen, die den angestammten Glauben der Väter nicht vergessen konnten, die es hinweggedrängt hat aus der sonnigen Heimath des Südens, wo der fanatische Glaubenshaß jeden Andersdenkenden dem grausigen Feuertode weihte — und welche es nicht länger ertragen konnten, unablässig die Lüge auf den Lippen und im Herzen den Gott Zebaoth zu haben. — Es war eine furchtbare Prüfung gewesen — Tausende und Abertausende hatten sie bestanden, hatten willig alles zurückgelassen, was das Leben des Lebens Werth zu machen scheint — hatten nichts gerettet als das nackte Leben und das beseligende Bewußtsein treu erfüllter Pflicht. — Tausende hatten schon hienieden ihren Lohn gefunden, hoch im Norden unter rauherem Himmel schlugen schon damals mildere Herzen, die die Vertriebenen gastlich ausgenommen. Dankerfüllt hatten sie sich niedergelassen auf dem Boden, der dem Meere abgerungen, hatten nach der schwersten Prüfung Ruhe und Frieden dort gefunden. — Tausend und Abertausende jedoch hatten sie nicht bestanden, jene schwerste, jene furchtbarste Prüfung — sie hatten sich nicht von ihren Reichthümern trennen können, darum hatten sie sich getrennt von dem, was allein den Werth des Lebens umfaßt. Ties ini Herzen flehten sie zu dem Einig- Einzigen — und ihre Lippen bekannten sich zu einer ihrem tiefsten Innern fremden Religion. Doch oft, nur allzu oft, mißtraute man denk Bekenntnisse ihrer Lippen — und oft, wenn sie in stiller Nacht tief unter der Erde in brünstigem Ge-