Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1891)
- Date
- 1891-09-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Zweite Beilage,u M 72 «Israelit«. Iefchurun" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutsch! and. Myslvwitz. Am 30. August trafen mehr als taufend Auswanderer auf dem hiesigen Bahnhofe ein. Nach fünfstündiger Arbeit hatte die Sichtung ihr Ende erreicht, und 1015 Köpfe wurden weiterbefördert. Vom Berliner Comits waren in 20 großen Kisten Kleidungsstücke hier eingegangen, dergleichen aus Ratibor. Um 3/44 Uhr Nachmittags dampfte der Sonderzug nach Hamburg ab. Eine vom hiesigen Hilfscomittz beförderte junge Frau ist auf dem Transporte vom Irrsinn befallen und nach hier zur Beförderung in ihre Heimath zurückgesandt worden. Vorläufig ist die Bedauernswerthe hier in ärztlicher Behandlung. Aus der Provinz Posen, 5. September. Das 25jährige Jubiläum als Rabbiner und Prediger der israelitischen Gemeinde in Fraustadt feierte am 1. d. M. Herr Rabbiner Groß, ein Mann, welcher sich der allseitigsten Hochachtung und Liebe erfreut. Korporations-Vorstand und Repräsentanten- Kollegium, ehemalige Schüler, Freunde und Bekannte in überaus großer Zahl wetteiferten, um dem Jubilar ihre Sympathieen durch Gratulationen und sinnige Angebinde zum Ausdruck zu bringen. Als erste offizielle Gratulanten erschien eine Abordnung des Korporations-Vorstandes und des Repräsentanten-Kollegiums, welche eine prächtige Adresse überreichten. Die ehemaligen und jetzigen Schüler und Schülerinnen, denen der Jubilar ein fürsorgender Religionslehrer, brachten durch Comites stilvoll ausgeftattete Photographie-Albums mit Widmung dar, und der Magistrat, mit dem Herrn Bürgermeister Simon an der Spitze, und das Stadtverordneten-Kollegium, durch das Bureau vertreten, überbrachten die Glückwünsche der Stadt. Möge dem Jubilar noch eine recht lange und gesegnete Thätigkeit beschicken sein. W. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Geras im Waldviertel. Selten dürfte es wohl der Fall gewesen sein, daß eine Gerichtsverhandlung so bemerkenswerthe Folgen für eine ganze Stadt gehabt hätte, wie die, über welche wir nachstehend berichten. Der unfreiwillige Held derselben war eine in Wien ziemlich bekannte Persönlichkeit, ein Intimus Schönerer's, Herr Franz Xaver Kießling, Turnwart des Ersten Wiener Turnvereins. Herr Kießling hatte seit einigen Jahren die benachbarte Stadt Drosendorf zu seiner Sommerfrische erkoren und daselbst eine äußerst rege Thätigkeit als antisemitischer Agitator entfaltet, die es zuwege brachte, daß Drosendorf bis vor Kurzem als die antisemitischeste Stadt des ganzen Waldviertels galt. Der einzige Jude, der seit 18 Jahren daselbst ansässig war, ein allgemein geachteter Kaufmann und größter Steuerträger, mußte anläßlich der gegen ihn inscenirten Hetze die Stadt verlassen, ebenso ein k. k. Hauptmann, der daselbst die Sommerfrische genoß und in unfläthiger Weise beleidigt wurde, weil er sich offen gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte. Gegen den dortigen Stadtarzt, Dr. Joseph Knoll, wurde ein Pamphlet verbreitet, weil er das Verbrechen begangen hatte, der einzigen daselbst zur Sommerfrische weilenden Israelitin, einem Fräulein Rosenstengl aus Wien, ärztlichen Beistand zu leisten. Mit der Zeit jedoch wurde den Drosendorfer Bürgern diese antisemitische Hetze unheimlich, und in öffentlicher Gemcinderaths-Sitzung vom 24. Januar 1891 wurde der Beschluß gefaßt, daß Herr Franz Xaver Kießling in einem höflichen Schreiben ersucht werden möge, die Stadt Drosendorf nicht mehr als zeitweiliges Domicil zu erwählen. In einem Schreiben an die Gemeindevertretung erklärte Herr Kießling, daß er diese Zuschrift nicht anerkenne. Thatsächlich erschien auch, zum größten Befremden der Drosendorfer Bürger, Herr Kießling vor mehreren Wochen daselbst abermals zu längerem Aufenthalte, obwohl dieser Affaire mit der Gemeindevertretung eine andere bezirksgerichtltche Ehren- Affaire erfolgte, die ihm wenig Lorbeeren brachte. In jener Gemeinderathssitzung, in welcher seine „Verbannung" beschlossen worden war, äußerte sich nämlich der Gemeinderath und Stadtarzt Dr. Joseph Knoll, „Herr Kießling sei ein charakterloser Mensch ohne Ehre." Herr Kießling dem diese öffentliche Aeußerung hinterbracht wurde, bemühte sich vergeblich, Herrn Dr. Knoll zum Widerruf dieser Aeußerung zu bewegen, und war schließlich gezwungen, gegen den Letzteren die Ehrenbeleidigungs-Klage beim Bezirksgerichte Geras zu erheben. Bei dieser Verhandlung erklärte sich Herr Kießling bereit, von der Anklage zurückzutreten, wenn Dr. Knoll die Erklärung abgebe, daß er diese Aeußerung nicht absichtlich gethan habe und dieselbe bedauere. Dr. Knoll, welchen der Notar von Geras, Dr. Leopold Gübert, vertheidigte, erklärte jedoch, er habe die Aeußerung allerdings absichtlich gethan, er bedauere dieselbe nicht, und eher lasse er sich etnsperren, bevor er Kießling die Hand reiche. Hierauf wurde die Verhandlung vertagt, weil Dr. Knoll den Wahrheits-