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Der Israelit · 1891-09-10 · Heft 72 (10.9.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 72 (10.9.1891)
Date
1891-09-10
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1370 T^ssessKaasTssmeaam :\ beweis anzutreten erklärte. Bei der zu diesem Behufs angeordneten neuen Verhandlung trat Herr Kießling, vor Durchführung des Wahrheitsbeweises, ohne daß ihm irgend eine Satisfaction zu Theil geworden wäre, von seiner Anklage zurück, und Dr. Knoll wurde vom Richter freigesprochen. Welch wohlthätige Folgen diese nicht zu Ende geführte Gerichtsverhandlung für die Stadt Drosendorf zu Tage förderte, erhellt aus nachfolgender Thatsache: Bei den vor wenigen Tagen stattgehabten Gemeinderathswahlen bei der Stadt Drosendorf drang kein einziger antisemitischer Kandidat durch. In allen drei Wahlkörpern unterlagen — ein in Drosendorf seit der antisemitischen Bewegung unerhörter Fall — die Antisemiten gegenüber der liberalen Partei, der Partei des Friedens und gegenseitiger Duldsamkeit, ein Resultat, das einzig und allein Herrn Kießling aus Wien zu verdanken ist. > vermischtes. «4- Berlin, 1. September. In der Strafsache gegen den Schriftsteller Dr. Christoph de Jonge und den Freiherrn v. Hammerstein, Chefredakteur der Kreuzzeitung, wegen Beleidigung des Bezirksphysikus Dr. Baer und des Königl. Polizeipräsidenten v. Richthofen ist nunmehr, wie die Saale- Ztg. mittheilt, von der königlichen Staatsanwaltschaft das Hauptversahren gegen die beiden Angeklagten eröffnet worden. Die öffentliche Verhandlung findet am 16. Oktober vor der Strafkammer des Landgerichts I statt. Der Anklage liegt bekanntlich die s. z. großes Aufsehen erregende Enthüllung des ersten Angeklagten zu Grunde, wonach er infolge seines Uebertritts zum Christenthum von seinen Angehörigen auf jede mögliche Weise verfolgt und auf ihren Antrag entmündigt und in eine Irrenanstalt gebracht worden sei. Die „Kreuz- Ztg." hatte dieser „Enthüllung" bereitwillig ihre Spalten geöffnet. Berlin. Am 5. September waren es gerade hundert Jahre, daß einer der hervorragendsten Tondichter Giacomo Meyerbeer geboren wurde. Bei der Unsterblichkeit, die dieser nicht bloß im Reiche der Töne, sondern auch in aller Welt errungen, wäre es nicht erst nöthig seinen Ruhm zu verkünden und seinen Namen zu verherrlichen. Wenn wir jedoch seiner an dieser Stelle gedenken, so ist es die Bewunderung seiner Charaktergröße, mit der er bis zu seinem Lebensende Jude geblieben ist und die sich am schönsten wiederspiegelt in seiner einem preußischen Minister auf deffen Frage, ob er getauft sei, ertheilten Antwort: Excellenz, ich bin Jude, würden darum meine „Hugenotten" besser geschrieben sein, wenn ich kein Jude wäre? So dachte Meyerbeer zu einer Zeit, wo der Jude noch unter dem Drucke despotischer Willkür und allgemeiner Vorurtheile seufzte. Mit Stolz erfüllt uns der Gedanke, daß er trotz seiner Glaubenstreue Gemeingut aller Nationen geworden. Der Schriftsteller Dr. Adolph Kohut schreibt über ihn in der ihm gewidmeten Biographie*): „Wohlthätig und herzensgut, spendete er den Armen mit vollen Händen. Niemand ging leer aus. Besonders that- *) Musiker - Biographien 12. Bd. Meyerbeer. Von Dr. Adolph Kohut. Leipzig, Philipp Reclam.jun. kräftig unterstütze er Künstler, Dichter und Schriftsteller — und er gab, was so wenige kennen, mit Takt und Discretion." Selbst Richard Wagner, welcher in seiner Schrift: „Das Judenthum in der Musik" und auch sonst den Meister aufs Schärfste befehdete, hat zahlreiche Freundschaftsbeweise von ihm erhalten. Wir wissen, daß Meyerbeer den armen und verbitterten Componisten, welchen er 1840 in Paris kennen lernte, wiederholt unterstützte, sich seiner nach Kräften annahm und ihm Beschäftigung bei dem Verleger M. Schlesinger verschaffte. Er brachte ihn auch mit dem Director der großen Oper zusammen. Durch seine Befürwortung wurde die Aufführung des „Rienzi" und des „Fliegenden Holländers" in Berlin durchgesetzt. In einem Briefe Wagners an Meyerbeer heißt es: „Innig Verehrtester Herr!" und derselbe ist unterzeichnet: „Ihr ewig getreuer . . ." Er hofft, ihn, seinen „verehrten Herrn und Meister, bald wieder einmal persönlich begrüßen zu können." In seinem Verkehr war Meyerbeer überaus liebenswürdig, zuvorkommend, voll Rücksicht und Lebensart. Er gab sein Geld wie ein großer Herr und ein nicht an den Mammon klebender Künstler aus. Diese edle und zartfühlende Mensch machte aber keinen Schwall von Redensarten und leeren Complimenten, sondern seine Worte waren aufrichtig und vom Herzen kommend. Niemals machte ihn sein Weltruhm und sein großer Neichthum verblendet und überhebend. Im allgemeinen lebte er ziemlich einfach; großer Luxus war ihm fremd. So hielt er sich z. B. nie eine Equipage, sondern ging immer zu Fuß. Als man ihn einst in Paris befragte: „Warum denn, lieber Meister, leben Sie mit Ihren drei- bis vierhunderttausend Francs Renten in einem möblirten Gasthause ohne Aufwand, ohne Fuhrwerk, von einem einzigen Diener bedient?" — „Vor allen Dingen," antwortete er, „bin ich Künstler und es ist eine meiner Genugthuungen, mir zu sagen, daß ich seit meinem siebenten Jahre hätte von meiner Musik leben können. Ich habe in Berlin einen Hausstand, der meinem Vermögen entspricht; ich will nicht in Paris meine Collegen verdunkeln und den Reichen spielen; ich verlange keine Prämien für meine Werke, und wenn ich die Verfassergebühren annehme, welche durch die Verträge geregelt find, so geschieht das, damit man nicht sagen könne, daß ich zu herabgesetzten Preisen arbeite aus Verachtung gegen die Theater- Benefice." — Auch wenn er zeitweilig in seinem Huul in Berlin weilte, deffen Pracht und Reichthum, welche die Interessen seines Vermögens und seines Ruhmes gewesen, er seiner Frau und seinen Töchtern überließ, zog er sich in ein kleines Zimmer zurück, lebte dem Clavier und den Partituren und ließ nur den Diener ein, der ihm sein einfaches Essen brachte. Seine Verehrung für seine Mutter war grenzenlos. Am Tage der ersten Vorstellung von „Robert der Teufel" in Paris empfing er einen Brief seiner Mutter, mit der Aufschrift: „Zu eröffnen nach der ersten Vorstellung des Robert." Als nun am Abend der Vorhang zum letzenmale gefallen war und das jubelnde Publicum den großen Triumph des Componisten stürmisch bezeugte, erbrach dieser den Brief und fand darin die folgenden Worte: „Der Herr segne und behüte dich! Er lasse sein Antlitz leuchten über dir! Er beware dich und schenke dir den Frieden! Deine Mutter." Dieser Brief wurde für Meyerbeer ein wahrer Talisman. Stets trug er ihn in einer Brieftasche bei sich und oft ging er in sein Zimmer zurück, um diese Brieftasche zu holen, wenn er sie je einmal zufällig hatte liegen lassen." Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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