Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1891)
- Date
- 1891-09-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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bte 9kige des Jahres bedeutet. Wenn ich Ihnen trotzdem noch Einiges über meine hiesigen Erlebnisse berichte, so geschieht dies weniger aus dem „vollen Badeleben," als vielmehr aus den Erinnerungen der letztverflossenen Wochen und ihrer Erlebnisse! Als ob man in einem Badeort Erlebnisse hätte! Der Tag vergeht mit Wassertrinken, Frühstücken, Baden, Mittagessen, Concerten, Spaziergängen, Abendbrot, Nachtlager — und das gleiche Programm beginnt am folgenden Tage von Neuem. Die Unterhaltung mit den Courgästen erinnert an die schönste Jugendzeit, in der man sich mit Ollendorf, Plötz und sonstigen „grammatikalischen" Größen zu befassen pflegte. „Warum war Frau Müller heute früh nicht am Brunnend" „Sie begleitete ihre Schwiegertochter zur Bahn." „In welchem Hotel sind Sie abgeftiegen?" „Ich wohne in den „vier Jahreszeiten", man wohnt da recht gut." „Das HühnerrLgout heute Mittag war ganz vorzüglich!" Nun bietet aber die Küche in dem einzigen hiesigen jüdischen Hotel in der That ganz Außerordentliches und selbst für den größten Feinschmecker dürfte es am hiesigen Platze kein „Opfer" sein, unsere Speisegesetze auf das prompteste zu beobachten; spricht man doch noch heute mit Extase von der imitirten Krebssauce, die gelegentlich einer im Juni stattgehabten Hochzeit einer russischen Millionärin mit einem Schweizer der Restaurateur Herr Braunschweig seinen Gästen vorgesetzt haben soll. Diese aus Kieler Sprotten, Kapern, Sardellen rc. hergestellte Tunke soll nicht nur das Aussehen und den Duft, sondern auch genau den Geschmack der echten Krebssauce gehabt haben, wiederum ein Beweis für den Ausspruch des Talmud, daß es für uns Juden auf dieser Erde nichts Verbotenes gibt, dessen Geschmack nicht auch im Erlaubten zu finden sei. Auch in dem Ersatz von Gelatine, dieses aus gesammelten Knochen hergestellten und in Folge dessen zum Genüsse nicht gestatteten Bindemittels, ist man hier Meister und hat nach langem Suchen eine Pflanzenfaser entdeckt, die dieselben Eigenschaften dieser größeren Küchen unentbehrlichen Masse besitzen soll. Leider ist für einen sehr großen Theil unserer hier anwesenden Glaubensgenossen die aufgebotene Mühe vergebens; sie speisen in jedem nichtjüdischen Hotel und kümmern sich auch in anderer Hinsicht nicht um die Gebote unseres Gottes. Soll es doch sogar vorgekommen sein, daß einem „Rabbiner" aus Amerika, der am Säbbatnachmittag auf der Terrasse des Kurhauses seinen Kaffee bezahlen wollte, von dem Kellner erwiedert wurde, daß er das von einem Rabbiner nicht verlange, „der Herr Rabbiner solle nur ruhig Sonntag seinen Kaffee bezahlen." Ein anderer Fall, der im Gegensatz mit dem vorerwähnten steht, hat sich jüngst in einer hiesigen Gartenwirthschaft zugetragen. Einige gesetzestreue Herrett ließen sich daselbst an einem Sabbat Bier bringen, und als sie sich anschickten den Garten zu verlassen mit der Bemerkung, am anderen Tag zu zahlen, wollte sich der Kellner hieraus um keinen Preis einlaffen. Es seien erst vor vierzehn Tagen einige Herren dagewesen, die nach opulentem Gabelfrühstück mit Aal und Champagner erklärten, daß sie des Sabbat halber nicht zahlen könnten, die sich aber nie wieder blicken ließen! Erst als man den Kellner belehrte, daß er den Verlust nur seiner Unkenntniß jüdischer Vorschriften verdanke, indem Leute die siso :n und sonstige verbotene Speisen genießen, sich auch kein Gewissen daraus machen, am Sabbat zu zahlen, erklärte er sich damit einverstanden, das Geld auch später zu nehmen. Welche Verworfenheit der Gesinnung mag dazu gehören, mögen die Betreffenden nun Juden oder Nichtjuden gewesen sein, eine religiöse Vorschrift zu einer Gaunerei auszubeuten! Ueber die hier anwesenden jüdischen Kurgäste ist Bemerkenswerthes nicht zu berichten. Ein Rabbiner aus der Nachbarschaft, der von seines Amtes schwerer Bürde hier Erholung sucht, hat auch hier seine Thätigkeit insofern nicht ganz eingestellt, als er auf den um Homburg liegenden Feldern nach der in diesem Jahre so überaus selten trockenen Frucht zu Schemuramehl fahndet. Wie wir erfahren, ist es ihm gelungen, die für seine Gemeinde nöthige Quantität zu beschaffen. — Als Merkwürdigkeit mag eine hier weilende, jüd. Oberin erwähnt sein, welcher, bevor sie ihr nunmehriges Amt im Rothschild-Hospital in Frankfurt a. M. angetreten, der Kampf, den wir heute Alle mehr oder weniger zu bestehen haben, der Kampf gegen Glaubenshaß und Voruriheil nicht erspart geblieben ist. Als sie sich nämlich in Heidelberg bei einem Professor unter der Bedingung, daß man ihr Koscherkost und am Sabbat Befreiung von Arbeit gewähre, zur Erlernung der Krankenpflege anmeldete, wurde sie, nachdem sie einen langen antisemitischen Redeschwall über sich ergehen lassen mußte, in höchst schroffer Weise zurückgewiesen. Allerdings wußte der Herr Professor nicht, daß die junge Dame auf speziellen Wunsch der Großherzogin von Baden diesen Beruf gewählt. Die hohe Frau äußerte einmal, daß die Juden, die doch sonst alle Aufgaben unserer Kultur mitzulösen so aufrichtig bemüht seien, auf dem Gebiet der Krankenpflege noch nicht auf der Höhe der Zeit stünden. Die Folge davon war, daß das erwähnte Mädchen sich entschloß, ihr Leben dieser idealen Thätigkeit zu weihen, und als sie nunmehr der Großherzogin berichtete, wie es in Heidelberg ihr ergangen, wurde von dem Professor in höchst ungnädiger Weise über sein Verhalten Rechenschaft verlangt. Natürlich erlernte nunmehr das Fräulein in Hetdel-