Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1891)
- Date
- 1891-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1354 / nicht will; aber die eingeschlagenen Wege müssen notwendiger Weise dahin führen, wenn eine baldige gründliche Rückkehr nicht erfolgt. Die ersten Anzeichen, daß eine strengere Scheidung der Stände sich anbahnt, sind für Jeden, der sehen will, bereits bemerkbar. Gehen Euch, Ihr Männer, die Ihr in gutem Glauben der antisemitischen Bewegung gefolgt seid, denn wirklich nicht die Augen auf über das Gebühren mancher Führer, die Ihr kennt? Werdet Ihr denn nicht stutzig, daß aus einmal Männer aus den sogenannten besseren Ständen kommen, um Euch zu belehren, wo es Euch eigentlich fehlt, und daß diese Männer, wenn immer thunlich, auf jeder Versammlung Sorge tragen, daß den gehaltenen Hetzreden nicht öffentlich entgegen getreten werden kann? Haltet Ihr es wirklich für erwiesen, daß nur die Antisemitenführer wahre Patrioten, wahre Volksfreunde, die edelsten, uneigennützigsten Menschen sind, die Nichtantisemiten dagegen als Feinde des Volkes, als durch Judengold erkaufte Wichte betrachtet werden müssen? Glaubt Ihr wirklich, daß Eure Mitbürger, die dem Antisemitismus nicht huldigen, von denen aber Viele ihre ganzes Leben hindurch im Dienste der Humanität gewirkt haben, ihre Gesinnung für schnöden Lohn verkaufen würden? Was würden denn die Antisemitenführer dazu sagen, wenn wir den Spies umwenden und Euch, Ihr Antisemiten, folgende Fragen zu Eurer Selbstbeantwortung vorlegen würden: Gehen Euch denn die Augen nicht auf, wenn diese Führer erklären: Euer ganzes Elend kommt von den Juden. Kauft doch nicht mehr bei den Juden! Kauft doch Alles bei den im „Reichs-Herold", dem Hauptblatte der Antisemiten, empfohlenen Geschäften! Kauft doch nur noch Kohlen beim Mitteldeutschen Bauernverein, dessen Vorstand Dr. Böckel in Marburg ist. Kehrt doch nur in einem Wirthshause ein, wo der Reichs-Herold aufliegt. Leset doch die Zeitungen nicht mehr, welche über uns schimpfen, sondern nur noch den „Reichs-Herold". Und wenn Euch ein solches Käse- und Schundblättchen ärgert, gebt doch die einzig richtige Antwort darauf: Laßt sofort 1000 Exemplare „Reichs- Herold" von Marburg kommen und laßt sie mit Abonnementszettel von Haus zu Haus tragen. Verbreitet den Reichs-Herold. Sendet Geld zum Preß- und Agitationsfond. Und wenn außerdem beim Eintritt in die Versammlung, wie in Sandbnch oder beim Schluß einer Antisemiten-Versammlung, wie in Crumstadt, Geldsammlungen veranstaltet werden, regt sich auch dann noch kein leiser Zweifel, daß es denn doch nicht blos Euer Wohl gelte? . Und steigt Euch denn nicht die Ahnung auf, wohin es führen muß, wenn, wie Ihr in Nr. 416 des „Reichs-Herold" auf dem Titelblatt ersehet, vr. Böckel als Verfolgter, als Märtyrer aufgeführt wird? Ueberlegt Ihr nicht, wohin es führt, wenn Ihr im Reichs-Herold unter Hinweis auf das eben bezeichnete Titelblatt aufgefordert werdet: „Parteigenossen, kauft keine andern Kalender, auch wenn sie früher kommen, sondern wartet auf unfern Partei-Kalender, den altbekannten Kehraus!" Findet Ihr auch nichts in Annoncen des „Reichs-Herold" wie die folgenden: Wir ersuchen alle Orts grupp en und Consumvereine, ihren Bedarf an Weizenmehl, Brodmehl, Spe ise- und Vieh salz, Reismehl, Raps, Erdnuß- und Palmkuchen, Mais, Kleie, Chilisalpcter u. s. w. für Herbst, Winter und nächstes Frühjahr jetzt schon aufzugeben, da durch frühzeitige Bestellung, große Abnahme und Abpassen eines günstigen Zeitpunktes zum Einkauf, niedere Preise möglich sind? I. V. Struckmeyer et Co., Marburg. Lager des mitteldeutschen Bauernvereins. Zu dieser Annonce tritt sofort eine andere, welche die Consumvereine und Ortsgruppen zum gemeinschaftlichen Bezug von Kaffee, Reis, Zucker, Cichorien, Nudeln, Erbsen, Linsen, Bohnen, Cigarren, Sämereien, Graupen, Heringe, Petroleum, Pfeffer, Rosinen, Rüböl, Salz, Soda, Seife, Stärke, Thran, Wichse u. s. w. auffordert. Ueberlegen denn unsere Geschäftsleute in Stadt und Land nicht, daß der von den Antisemiten in dieser Richtung eingeschlagene Weg mit Nothwcndigkeit dahin führen muß, den Antisemitenführern und deren Freunden das Monopol für den Vertrieb aller Lebensbedürfnisse zu verschaffen? Haben Manche ihr Vermögen durch Juden verloren und Tausende mit jüdischer Konkurrenz zu kämpfen, dann werden sicher, sobald die Antisemiten die Presse und das bezeichnete Monopol in Händen haben, die Uebertölpelten nach Millionen zählen. Es ist hohe Zeit, daß die Aufmerksamkeit auch derjenigen, welche der Fahne der Antisemiten folgen, auf diese Punkte hingelcnkt wird. Es ist um so mehr an der Zeit, diese Dinge endlich zur öffentlichen Besprechung zu bringen, um den Antisemitenführern zu zeigen, daß es recht empfindlich ist, wenn einem eigennützige Beweggründe untergeschoben werden, auch wenn man sich frei von jedem Eigennutz weiß. Warum also diejenigen, welche eine andere Ansicht über gewisse Dinge haben, als wir, sofort öffentlich in ein schlechtes Licht stellen, sie grundlos verdächtigen? (Aus „Fiedler, Sind die heutigen Judenverfolgungen gerechtfertigt?")