Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 71 (7.9.1891)
- Date
- 1891-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1341 greise Graf Stroganoff und es wurde still im Saale. In wenigen eindringlichen Worten wies er darauf hin, welchen Nutzen das jüdische Hospital der Stadt gewähre, indem es Kranke ohne Unterschied der Konfession aufnehme. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, sagte er, daß die Stadt dieser nützlichen Anstalt eine jährliche Subvention von 9000 Rubeln gewähre. Selbstverständlich wurde sein Antrag einstimmig angenommen. Im vorigen Jahre starb seine Schwester und Hausgenossin, und sein Verkehr beschränkte sich nur noch auf einen einzigen Freund, Herrn M., einen ebenfalls sehr alten und würdigen Odesfaer Einwohner. Dieser Herr M. war nun aber ein Jude, auf den, wie der antisemitische „Grashdanin" zugibt, die ganze Menschheit stolz sein kann! Zur Zeit, als noch Graf Lüders, Ober-Commandirender in Odessa war, also während des Krimmkrieges, bot dieser dem Juden M. eine Lieferung ffür's Militär an. M. lehnte dieselbe direkt ab und erklärte, daß er diese Art der Geschäfte nicht kenne und es daher für unehrlich halte, ein solches Geschäft zu übernehmen. — „Sie können aber doch dabei eine Million verdienen . . — „Ich brauche sie nicht", antwortete M. (M. war anfangs in einem der Südhäfen Agent einer Dampfergesellschaft, sparte sich dabet ein Kapital von 60,000 Rubel zusammen und zog sich dann, bereits hochbejahrt nach Odessa zurück, wo er das Geld bei einem Bankier deponirte.) Kurz vor dem Tode Stroganoff's ereilte seinen Freund ein großes Mißgeschick : der fünfundsiebzigjährtge Greis verlor durch die Insolvenz seines Bankiers sein großes Kapital und wurde zum Bettler. Allein der greise Jude hielt den Schlag heldenmüthig ans. Eines Morgens erscheint Graf Stroganoff, der von dem Unglück gehört hatte, bei feinem Freunde und fragte ihn so leicht hin, warum er so niedergeschlagen sei. — „Ich weiß nichts davon", sagte M. — „ich bin derselbe, der ich war." Der Graf wollte von ihm eine Mittheilung über das Unglück herauslocken und versuchte es auf verschiedenen Umwegen, allein M. ließ kein Wörtchen darüber fallen. Da nimmt Graf Stroganoff ein Packet aus seiner Tasche und legt es auf den Tisch. — „Was wollen Sie sich vor mir verstellen", sagte er, „Sie haben Ihr ganzes Vermögen verloren, ich weiß es: nehmen Sie bitte diese 60,000 Rubel von mir an: in Ihren Jahren ist es schwer, sich an die Armuth zu gewöhnen." — „Graf", entgegnete M., — „wir sind miteinander lange Jahre befreundet; wie lange wir es noch sein werden, weiß ich nicht, allein, soviel ich auch noch zu leben habe, ich will nicht, daß irgend Jemand sagen oder denken könnte, daß Sie mich für die Freundschaft mit diesem Gelde bezahlt hätten. Nehmen Sie das Geld wieder fort!" Der Graf, stolz auf sich und seinen Freund, begriff, daß sein Freund Recht hatte und nahm das Geld mit einer Entschuldigung zurück. — Bald darauf erhielt aber M. in Odessa eine Anstellung, die ihm ein sorgenfreies Leben sicherte. Bulgarien. Sophia. Die Juden von Vratza, ungefähr 800 Personen unter einer Bevölkerung von 11,400 Seelen, befanden sich vor eingen Tagen in großer Furcht, da sich das Gerücht verbreitet hatte, daß ein bulgarisches Mädchen, welches vermißt wurde, von ihnen getödtet worden sei. Die Aufregung vergrößerte sich noch, als die Polizei ihre Häuser zu durchsuchen begann und sich zu dem gleichen Zwecke auch in die Schule und Synagoge begab, ohne aber eine Spur des vermißten Kindes aufzufinden. Als nun gar ein Priester von Schenke zu Schenke zog und der irregeführten Menge erzählte, die Juden wären verpflichtet, Christenblut zu rituellen Zwecken zu verwenden, wurde die Situation für die Inden geradezu gefährlich. Sie baten um den Schutz des Präfekten, der ihnen die Versicherung gab, sie hätten nichts zu fürchten und er würde ihnen mit Aufbietung seiner ganzen Autorität seinen Schutz angedeihen lassen. Sobald der Zwischenfall in Sophia bekannt wurde, telegraphtrte Dr. Grekoff, Minister für auswärtige Angelegenheit und für Eultns und Unterricht, es seien zur Sicherheit der Inden sofort die energischsten Maßregeln zu ergreifen. Da jedoch die entfesselte Leidenschaft des Pöbels sich noch immer nicht beruhigen wollte, gab der Premierminister Stambuloff in seiner Eigenschaft als Minister des Innern neuerliche und strikte Instruction an den Präfecten: die Juden seien in der wirksamsten Weife vor den Ausschreitungen des Pöbels zu schützen. Vermischtes. Gimbsheim (Rheinhessen), 30. August. Gestern Abend verschied dahier im Alter von nahezu 79 Jahren Frau Sarah David, geb. Sonnenberg. Von der Liebe und Achtung, deren sich die Verstorbene erfreute, legte ihr Leichenbegängnitz beredtes Zeugniß ab. — Nutzer der engeren und weiteren Familie, zahlreichen Kindern, Enkeln u. s. w., hatten sich die Glaubensgenossen aller Nachbargemeinden, sowie viele Nichtisraeliten unserer Gemeinde eingefunden. Herr Lehrer Marx, Alsheim, schilderte in ergreifenden Worten die Verdienste der Dahingeschiedenen um ihre Familie und Gemeinde, hob ihre schlichte, aufrichtige Frömmigkeit, ihr von wahrer Gottesfurcht geleitetes, rastloses Streben und wohlthätiges Wirken hervor. Möge ihr in jenem Leben vergolten werden, was sie hinieden verdient hat. I. Ledermann, Lehrer. BreSla«, 2. September. In der „Brest. Ztg." finden wir folgende seltsame Notiz: Großes Aufsehen und eine lebhafte Beunruhigung unserer Bevölkerung erregen die