Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 71 (7.9.1891)
- Date
- 1891-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1340 auch Sie sich zu dieser Konsession bekennen. Leider ist mein ganzer Hausstand antisemitisch gesinnt, was einem Zusammenleben beiderseitig nicht förderlich sein könnte. Ich erlaube mir daher, falls meine Voraussetzung richtig ist, Sie freundlichft zu ersuchen, unser Verhältnis wieder zu lösen. — Selbstredend bin ich gern bereit, Ihnen die entstandenen Unkosten zu ersetzen. Achtungsvoll B." Eines Kommentars bedarf dieser Brief nicht. Herr B. hatte sich in seiner Voraussetzung nicht geirrt. Herr Marx ist in der That israelitischer Konfession; er war aber thöricht genug, sich mit dem Ersatz der ihm entstandenen Reisekosten zu begnügen, statt weitere Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Der B.'sche Hausstand kann jetzt, unberührt durch die Nähe eines israelitischen Pharmazeuten, beruhigt sein. Oe ft err.- Ungar. Monarchie. Wien, 8. August. Vor dem Bezirksgerichte in Währing wurde der pensionirte Militär-Beamte Alexander Pagliarneci v. Kieselstein zu einer Geldstrafe von 100 Gulden verurtheilt, weil er sich in einem Tramway-Waggon zum Condukteur Eduard Frieser, der es verweigerte ihm für seine beiden über 10 Jahre alten Kinder halbe Karten zu geben, folgendermaßen geäußert habe: „Sie sind ein frecher Jude und kecker Kerl. Es ist den Juden angeboren, frech und keck zu sein und den Leuten das Geld aus der Tasche herauszuziehen." Auch bet der Vorweisung des Tarifs sagte er, das sei ein „Judentaris". Der Richter hatte bei der Strafbemessung die Schmähung einer Confession als besonders erschwerend angenommen. In der gestrigen Verhandlung vor der Berufungsinstanz stellte der Verklagte zwar einen Theil der Aeußerungen in Abrede; das Gericht gab der Berufung im Punkte der Schuld keine Folge, setzte aber das Strafmaß auf fl. 25 herab, nachdem der klägerische Vertreter Dr. Ehrenthetl sich mit Rücksicht auf die Lage des Beklagten mit einer Milderung der Bestrafung einverstanden erklärt hatte. Rußland. Petersburg, 26. August. Die Erregung unter der Landbevölkerung und den Arbeitsklassen in den Städten wächst immermehr und in dieser Beziehung hat das Ausfuhrverbot, namentlich in den nordwestlichen Gouvernements', bereits sehr traurige Früchte gezeitigt, von denen übrigens in der Presse nur gar wenig verlautet. Insbesondere die Gouvernements Kowno und Witebsk sind in der Zeit vom 16. bis 21. August der Schauplatz grausamer Exzesse gewesen, bei denen sogar Blut geflossen ist. Am tollsten ging es am 20. d. M. in Witebsk her. Ein Augenzeuge schilderte die Vorgänge als schauerlich. Zweihundert Waggons wurden von einer Horde, unter Führung von Weibern, gestürmt, erbrochen und ihr Inhalt auf den Boden gestreut; man watete in Korn und Mehl und warf es den Soldaten und Gendarmen in die Augen, so sie blendend. Viele Soldaten wurden mit Knütteln und Steinen verwundet; brüllend und johlend zogen die Tumultuanten durch die Straßen und hetzten Kornhändler, zumal Juden. Das Haus eines jüdischen Großhändlers wurde gestürmt und Alles darin kurz und klein geschlagen; er selbst entkam, gleich Anderen, mit Noth und Mühe. Schließlich gab das Militär zwei Salven ab. Das wirkte für den Augenblick. Als mau aber merkte, daß es blinde Schüsse waren, wurde der Lärm um so größer. Nun wurde scharf geschossen, und als vier Männer blutend znsammenbrachen, ergriff die Menge die Flucht. Jetzt wiederholte sich die Hetze in umgekehrter Ordnung. Wer ergriffen ward, wurde geknutet und eingesperrt. Auf dem Marktplatze sind Kanonen aufgefahren, das Militär kampirt dort und beim Bahnhof, und die ganze Stadt und Umgegend ist in der größten Erregung. Odessa. Der dieser Tage verstorbene General Graf Stroganoff war unter Nicolaus zwei Jahre Minister des Innern. Vor einer Reihe von Jahren an der Spitze von Neurußland und Beßarabien gestellt, entwickelte der Heimgegangene Graf Stroganoff eine seltene Thätigkeit zum Wohle der Provinzen, die seiner Verwaltung übergeben worden waren. Nach der Thronbesteigung des Kaisers Alexander II., des Wohlthäters der Juden, war es Graf Stroganoff, der ein Memoir über die Juden überreichte. In dieser Denkschrift plädirte er für die Sache unserer Glaubensgenossen von dem Gesichtspunkt des Staatsmannes und russischen Patrioten. Er weist darm nach, daß es im Interesse des Landes ist, ihre Rechte nicht nur nicht zu schmälern, sondern im Gegentheil ihnen alle Rechte zu geben. — Bet keiner Gelegenheit unterließ er es, mit der ganzen Macht seiner Ueberzeugung für sie einzutreten. Als in Odessa die Reform der Städteverwaltung eingeführt wurde, wurde Graf Stroganoff zum Stadtverordneten gewählt. Er hatte früher schon auf seinen Posten als Generalgouverneur verzichtet und lebte als einfacher Privatmann in Odessa. Ein Mann von tiefer Gelehrsamkeit, der auf der Heidelberger Universität sich den Doktorhut erworben, interessirte er sich für die Juden und verkehrte mit vielen von ihnen. In einer Sitzung der Munizipalität wurde eines Tages die Frage über den Zuschuß aus städtischen Mitteln für das jüdische Hospital debattirt. Viele waren dagegen. Da erhob sich der