Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1891)
- Date
- 1891-09-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1326 aufgestiegen zu sein. Er leidet auch viel an Gehirnkrankheiten, verhältnißmäßig mehr als der Christ, was um so befremdlicher sein muß, als er doch von einem der Hauptfakioren der Geistesgestörtheit, von Alkoholismus, frei ist. Leroy-Beaulieu schreibt diese größere Inklination zu Nerven- und Gehirnstörungen auf die schon hervorgehobenen unglücklichsten Lebensbedingungen, denen er Jahrhunderte lang unterworfen war. Das größere von den Juden gestellte Kontingent zu den Diabetikern erklärt er aus der überwiegend sitzenden Beschäftigung der Juden in den Städten. Die geistige Frühreife der Juden ist nach Leroy- Beaulieu das Erzeugniß ihrer Erziehung und ihrer Leidensgeschichte. Schon von früher Jugend an lernte das gehänselte, verhöhnte, verachtete, geprügelte jüdische Kind Nachdenken, beobachten und sich beherrschen; es machte sehr früh die Bekanntschaft mit der Last des Lebens. Mau machte und macht noch jetzt in vielen Ländern ihm das Recht der Jugend streitig. Das hohe Alter und die stetige Dauer ihrer geistigen Bildung erkläre am besten den Juden und seine soziale Stellung in der Gegenwart. Die Juden waren früher da als wir, die Christen, sagt Leroy- Beaulieu, sie sind älter als wir. Sie lehrten ihre Kinder viel früher die Thora lesen, als unser lateinisches Alphabet erfunden war, viel früher als Cyrillus und Methodius den Slaven eine Schrift gegeben und die Germanen ihre Runen gekannt. Und trotz dieses hohen Alters hat Israel sich jugendliche Frische und Kraft, entgegen aller sonstigen Erfahrung, bewährt. Sein Lebenssaft ist nicht versiegt. Man versetze es nur aus dem magern Boden der östlichen Ghetti in den reichen des Westens und es gedeiht zu neuer, kräftiger Entfaltung. — Des Juden Kraft steckt weniger in seinen Armen als in seinem Kopfe, es gibt keine intellcctuellere Rasse. Dank seiner physischen Beschaffenheit, dank seiner alten Kultur sind bei den Juden die rohen Begierden, die thierischen Neigungen weit weniger vorherrschend und gewaltig. Fleisch und Blut liegen bei ihm viel weniger mit dem Geiste im Widerstreit, es kostet seiner Leidenschaft weit geringeres Opfer sich der Vernunft unterzuordnen. Es gibt keine Rasse, welche so wenig grobsinnlich ist. DeS Juden Geist ist kräftiger als sein Leib, er ist sogleich schmiegsam und hart; fünfzehn Jahrhunderte der Verfolgung haben ihn gehärtet und zu einem geschmeidigen und festen, dehnbaren und widerstandsfähigen unverwüstbaren Stahl gehämmert. Noch größer als seine Akklimatisationsfähigkeit ist seine geistige Schmiegsamkeit, die sich allen Verhältnissen anpassen, alle begreifen, alle benutzen kann. Ohne seine Eigenthümlichkeit zu verlieren, weiß er alle äußere Veränderungen an sich vorzunehmen, so ist er zugleich der modificationsfähigfte und der unveränderlichste Mensch. Er gleicht dem flüssigen Metall, das sich allen Formen anpaßt und doch stets sich gleich bleibt. Die Klarheit, Raschheit und Nichtigkeit der jüdischen Verstandeskraft ist charakteristisch. Der jüdische Geist gleicht einem Precisionswerkzeug, er hat die Genauigkeit einer Waage. Auch dieses ist ein Erbe des Lebens seiner Väter. Die geistigen Vorzüge und Gebrechen der Juden der Gegenwart wurzeln in den Alten. Der Jude hat so vieles gesehen, daß er sich überall auskeunt, in Verhältnissen mit» in Menschen. Der Jude hat auch in allen Zeiten das Wissen und die Wissenschaft zu achten und zu lieben gewußt. Des heutigen Juden Vorfahren waren nicht nur Handelsleute, Geldverleiher und Makler, sondern auch Männer der Wissenschaft und deren versländnißvollste Freunde. Nicht der Reichthum, der Wissenschaft wurde die höchste Werthschätzung bezeugt. Dem Gesetzeslehrer, dem Weisen, dem Gebildeten wurde die erste Stelle eingeräumt. Mehr noch als Handelsvolk war Israel stets das Volk der Wissenschaft. Es hat zwei Lehrmeister gehabt, die seinen Geist gebildet haben; die Nothwendigkeit des Lebens, die es auf den Handel hinwies und die Wissenschaft seiner Religion. Die Erstere hat die praktische Seite seines Verstandes bis zur äußersten Vollendung ausgebildet, die Letztere hat es befähigt theoretischen Speculationeu zu folgen, geistigen Studien sich hinzugeben und abstracte Wissenschaften zu Pflegen. Des Juden köstlicher Schatz waren seine Bücher, keines der vielen Autodafes, welche der Fanatismus dem jüdischen Stamme bereitet hat, erpreßte den Juden so viele heiße Thränen und Klagen, wie der Feuerstoß, auf welchem ihre Talmudrollen vernichtet wurden. Dem Inden galt der Weise mehr als der Fürst und ein gelehrter Bastard ging ihm vor dem ungelehrten Hohenpriester. Es gibt iu dieser Gesinnung keinen schreienderen Gegegensatz als denjenigen der barbarischen Franken und Gothen, welche Israel bedrückten. Man kann fast behaupten, daß alle Juden mehr oder weniger gelehrt waren, Analphabeten gab es fast gar nicht. Der Unterschied zwischen Laien und Geistlichkeit hat nie bestanden; jeder Jude ist gewissermaßen Priester, jeder Jude ist zum Studium der Thora verpflichtet. Der Unterricht war von jeher obligatorisch und so allgemein und geschätzt, daß das Gotteshaus „Schule" genannt wird. Und diese Wissenschaft, die Israel während der Dauer der vergangenen Generation so eifrig gepflegt, der Talmud, die Gemora mit ihren Hula-