Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1891)
- Date
- 1891-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Noth zum Gebet, oder wie sie sagen, zum synagogaten Gottesdienst auffordern! Ja, sie wären auf einen solchen Einfall gar nicht verfallen, und hätten ihn jedenfalls nicht in die Form eines Mahnrufs gekleidet, wenn sie es den kirchlich-liberalen Mitgliedern der vereinigten Kreissynoden von Berlin nicht abgesehen hätten! Daß sie aber die Jämmerlichkeit, die in dieser eaptatio denevolentiae ihres Mahnrufs liegt, nicht einmal ahnen, das liegt darin, daß, wie's ihr Mahnruf in einem unbewachten Moment selber verräth, ihnen Gebet, Synagogenbesuch und was Alles dazu gehört, nichts als Borschläge sind, „die eine organisatorische Regelung seiner Verhältnisse bezwecken." Das heißt auf ehrliches Deutsch: Wie die Dinge bei unseren Reformjuden heute liegen, sind die Verhältnisse so außer Rand und Band gerathen, daß von einer Organisation und gar von einer geregelten gar nicht mehr die Rede sein kann. Im täglichen Leben und Wirken haben sie das Judenthum und seine Anforderungen gänzlich ausgemerzt und alles auf die prunkvollen Synagogen beschränkt und dorthin den Schwerpunkt ihrer ganzen „Religion" verlegt! Und nun stehen die Synagogen auch leer, so daß sie gar keinen festen Punkt mehr besitzen, der ihre Zusammengehörigkeit bekundet und ihren Zusammenhalt rettet; Da ist der Synagogenbesuch eine dringende Nothwendigkeit, nicht um zu beten, nicht um zu hoffen, nicht um einen neuen Knoten in dem Band zu schürzen, das uns mit unserem himmlischen Vater verbindet, sondern — um eine organisatorische Regelung der Verhältnisse zu bezwecken. Denken wir uns einen Augenblick, dieser Mahnruf würde von unseren Reformjuden beherzigt und sie fänden sich nun allsabbatltch so zahlreich wie am Jom Kippur ein, was dann?*) Verfasser und Verbreiter dieses Mahnrufs würden dann sicherlich das Judenthum für gerettet halten. Was liegt ihnen daran, ob sie beten und was sie beten, ob ihr Gebet in der Synagoge in voller Harmonie oder in grellem Widerspruch mit dem Leben außerhalb der Synagoge steht, ob somit ihr Gebet eine Gotteshymne oder eine Blasphemie Gottes ist, das alles ließe sie kalt, sie würden auf ihre ausverkauften Häuser zeigen, und sich ihres Erfolges freuen. *) An eine tägliche, und nun gar zwei und dreimal tägliche Betheiligung am synagogalen Gottesdienste, wagen ja selbst die kühnsten Mahnrufer nicht mehr zu denken. Das wäre auch nicht kirchlich-liberal. Als vor einigen Jahren das Rumpfparlament deutscher Rabbiner hier zusammenkam und ein Beschluß gefaßt wurde, Sabbatgottesdienste für Schüler einzuführen, mußte ein Mitglied erst an die Wochentage erinnern, daß die doch auch eigentlich einigen Anspruch auf Gottesdienst hätten, und daß man daher diese Einrichtung doch nicht aus den Sabbat beschränken dürfe! Aber die ausverkauften Häuser werden ein frommer Wunsch bleiben. — Die etwas Wetterblickenden unter den Reformrabbtnern zittern daher mit Recht vor der Stunde, in welcher auch der letzte Faden, d. h. wenn ihren Schafen die Geduld bricht, selbst an den höchsten Feiertagen sich in der Synagoge einzufinden. Wenn es auf den Elul geht, was gewöhnlich an n«-> 's der Fall ist, so mochte daher schon vor 10 Jahren Herr Dr. Joel in Breslau das Bedürfniß nach einem Mahnruf empfunden haben, wie er uns heute vorliegt. — Aber daß alle diese Mittelchen nichts helfen, das sollte man doch endlich einsehen. Warum sie nichts helfen, warum man tm günstigsten Falle Statisten, aber keine Beter in die Synagoge rufen kann, das hat in seiner kernigen Weise schon vor mehreren Jahrzehnten der sei. Dr. Sachs seinen lieben Berlinern so trefflich gesagt, daß Mancher noch heute etwas davon lernen könnte. „-Wir können nicht mehr beten! „Meint ihr, es liege das an unseren Gebeten, „an der Sprache, in der sie abgefaßt, die uns „fremd worden, an der Ausdrucksweise, in der „sie unsere Gefühle und Hoffnungen und Wünsche „vor den Thron des Herrn bringen? Das ist's „nicht! Wir können nicht, mehr beten, weil uns „das Herz ist geschlossen; weil uns das Herz „nicht mehr schlägt, nicht mehr in Lieb' und „Sehnsucht und heiligen Empfindungen sich regt, „nicht mehr des Geistes höhere Güter begehrt; „weil es an der Erde und au dem Endlichen „hängt und sich fefthält, — nicht mehr zum „Himmel empor sich hebt; weil dem Geist die „Flügel entsunken! Wir können nicht beten, „weil wir nicht mehr wie Kinder ihrem Vater, „nicht mehr wie das Geschöpf seinem Meister, „nicht mehr wie der sündige Schwache dem in „ewiger Herrlichkeit und Wahrheit Thronenden „gegenüberftehen! Wir können nicht beten, weil „das Leben nicht mehr für uns ein Werk Gottes, „ein lebendiges, auf Seinen Befehl und Seinen „Hauch kreisendes und bewegtes ist, nicht mehr „ein großes, heiliges Werk, das von Ihm zeugt „und meldet, darin wir Ihn suchen und finden, „darin wir Sein Walten und Wirken verehren „und anbeten. Es ist ein todtes, hohles Ma- „schinenwerk worden, ohne Seel und Odem, ohne „Licht und ohne Klarheit, ohne Wärme und Be- „wegung!" — — Wenn unsere Reformjuden nach diesem Recept erst beten gelernt haben, dann werden sie auch ohne Mahnruf in die Synagoge gehen. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt ein solcher Mahnruf, trotz aller Entschuldigungen, ein Ruf in der Wüste, der geradezu lächerlich klingt. Duo qui faciunt idem, non est idem. Wenn