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Der Israelit · 1891-09-03 · Heft 70 (3.9.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 70 (3.9.1891)
Date
1891-09-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Daß die Peßach-Hagada diese Frage unglücklicher Weise gerade dem Mi in den Mund legt, darf man bei dem warmen Eifer derer, die diesen Mahnruf geschrieben und befürwortet haben, nicht so hoch anschlagen. Bedeutsamer erscheint schon das offene Geständniß, das wir durch fettgedruckte Schrift hervorgehoben haben, damit die auf diese Weise Vergewaltigten davon Notiz nehmen. Das Geständniß kommt zwar etwas sehr spät, aber immer noch nicht zu spät. Wenn die Herren, an welche sich dieser Mahnruf richtet, nur diese eine bittere Wahrheit beherzigen, so wollen wir es ihnen gern verzeihen, wenn sie auch jetzt noch nicht zu den D'jnwn m»y täglich in der Synagoge zählen sollten. Aber wie dem auch sei, daß so etwas nur einmal ehrlicher Weise ausgesprochen wird, in einem reformjüdischen Blatt, in Berlin, der Hochburg des Reformjudenthums, unter den Augen seiner fanatischsten Gevattern und Taufpathen, das ist und bleibt ein entschiedener, unverkennbarer Fortschritt, den wir sorgfältig registriren wollen. Die ganze Razzia auf alles wahrhaft Jüdische, die mit so viel Pathos angcbahnte sog. Säuberung und Läuterung des Gottesdienstes, die Einschmuggelung unjüdischer Embleme in die jüdischen Gotteshäuser, die Verunstaltung unserer Gebete, kurz die Summe alles dessen, was man sonst als fortgeschrittenes Reformjudenthum pries, einmal beim richtigen Namen genannt, eine brutale Vergewaltigung, das ist ein so unbestreitbares Verdienst, daß wir die zahlreichen Achillesfersen dieses Mahnrufes in den Mantel jüdischer Liebe hüllen, und uns nur an die Sache selbst, an dasjenige halten wollen , was hier als Achillesferse des jüdisch-religiösen Liberalismus bezeichnet wird. Jüdisch-religiöser Liberalismus! Diese euphemistische Bezeichnung für das abgcwirthschaftete Reformjudenthum gehört auch unter die Perlen, die so zahlreich aus diesen wenigen Zeilen uns entgegen glänzen. Vom Reformjudenthum spricht Niemand mehr. Mit diesem bloßen Namen hat man einst das alte Judenthum leichten Spiels aus dem Sattel werfen zu können geglaubt, und heute leuchtet der Bankerutt des Reformjudenthums so aus allen seinen Fugen und Kanten, daß seine eigenen Erfinder und Wortführer es verleugnen und sich jüdischliberal nennen, um nur nicht als Reformjuden zu gelten r Doch das alles sind Kleinlichkeiten im Vergleich zur Sache selbst, der man nur einmal recht auf den Grund zu schauen braucht, um die ganze Kluft in ihrer jähen Tiefe zu gewahren, die den Juden vom Reformjuden selbst da trennt, wo beide für den oberflächlichen Beobachter ganz einig in ihren Mahnungen gehen. Unmittelbar vor dem bereits gewürdigten offenen Geständniß dieses Mahnrufes, befindet sich folgender Passus: „Es sind etwa zehn Jahre, als ich in der „Breslauer Synagoge von Dr. Joel sel. Anden- „kens, am Sabbat 's einen lichtvollen Vortrag über die Pflicht des Erscheinens imGottes- „hause hörte. Auch wir meinen', daß es Pflicht „des religiös-liberalen Juden ist, dem Gottesdienst „der BHp Nipo beizuwohnen, will er anders jeirt „Recht darauf haben, an dessen Gestaltung mit- „zuwirken." Vergegenwärtigen wir uns doch einen Augenblick die Lage der Dinge? — Wir leben in einer ernsten, bewegten Zeit. Schwere, schwarze Wolken ziehen sich über unseren Häuptern zusammen und haben sich bereits über Millionen Glaubensgenossen im großen russischen Reiche in einer Weise entladen, die allenthalben Sorge und Theilnahme wachruft. Ueberall tritt das Bestreben zu Tage, durch gesteigerte Menschenliebe die Wunden zu lindern, die fanatischer Haß geschlagen hat und fortwährend schlägt; aber der Haß erweist sich stärker als die Liebe und trotz der großen, empfindlichen Opfer tritt deren Unzulänglichkeit bei jeder Gelegenheit zu Tage. Das Bewußtsein dieser Unzulänglichkeit hat die unmittelbaren Opfer des Judenhasses und die an dem Schicksal der Märtyrer theilnehmenden Glaubensgenossen mehr als sonst auf Gott htngewiesen, zu dessen Ehre die Exulanten ihr Exil mit seiner Schmach und seinem Elend tragen. Wo Juden als Juden dachten und fühlten, thaten sie, was unsere Väter bei solchen harten Schicksalsschlägen immer thaten. Betend und fastend traten sie in ihren Versammlungshäusern zusammen, fügten dem täglichen Gebete noch besondere, dem Ernst der Zeit entsprechende Gebete ein, und hofften auf Gottes Beistand, awutp bv?M!^ ub 'v bv- In diesem Sinne wurde auch in diesen Blättern zu handeln aufgefordert, und diese Aufforderung fand mächtigen Widerhall in den jüdischen Gemeinden der Diaspora. Nachdem Alle ihr Schcrflein auf den Altar der Bruderliebe niedergelegt, nachdem Jeder, der sich dazu qualificirte, in Schrift und Wort den Wahn bekämpfte, der so zahllose Opfer forderte, richteten alle betend und hoffend den Blick auf Gott, damit Seine Hilfe vollende, was Menschenhände nur in unzulänglicher Weise beginnen konnten, jnn, nor6ö und r6sn, Opfer, Kampf und Gebet, das ist das uvmx mjöN, ist das metier unserer Väter, zu dem sie schon seit der ältesten Zeit griffen, wenn ihnen der Bruder feindlich gegenüberftand. Und unsere Reformjuden entschuldigen sich erst ganz manierlich, daß sie in einer solchen Zeit der

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