Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1891)
- Date
- 1891-08-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1310 Juden nimmt noch immerfort zu, und es ist auch für die nächste Zeit eine erhebliche Verminderung der Durchzüge nicht zu erwarten. Gestern trafen Wieder etwa 270 dieser Flüchtlinge hier ein, während noch weitere 150 heute erwartet werden; die Gesammtzahl der bis jetzt durch Stettin gekommenen russischen Juden beträgt bereits über 6000. Die Eingetroffenen werden sogleich in dem großen Pietzschky'schen Getreidespeicher in der Oberwiek untergebracht. In den weiten Räumen des ersten Stockwerks ist ein Speisesaal mit langen Tischen und Bänken hergerichtet, während im zweiten Stockwerk zwei Helle und luftige Räume zu Schlafstätten dienen. Augenblicklich befinden sich dort etwa 800 Ausgewanderte beiderlei Geschlechts, ganz alte Leute sieht man jedoch nur wenige unter ihnen. Wegen der massenhaften Durchzüge ist die Thätigkeit der Mitglieder des hiesigen Htlfscomitös eine sehr angestrengte und mühevolle. Jedem der Heimathslosen muß die Schlafstätte angewiesen, jeder Einzelne mit Speise und Trank versorgt werden, da weitaus die Mehrzahl fast ohne alle Mittel ist; vielfach muß auch noch die Kleidung beschafft werden. In stiller Geschäftigkeit suchen die Aufgenommenen im Gefühl ihrer Verlassenheit und in der Ungewißheit über ihre Zukunft die wenigen Habseligkeiten zu ordnen und sich an der ihnen für kurze Zeit angewiesenen Stelle einzurichten. Alle erhalten auf Kosten des ComitsS des Morgens Kaffee und Zubrod, warmes MittagSeffen, das in zwei Küchen hiesiger jüdischer Einwohner hergerichtet und auf Wagen nach dem Asyl geschafft wird, sowie Abendbrod, welches entweder aus Kaffee mit Zubrod oder aus Kartoffeln, Hering und Bier besteht. Der Kaffee wird nur gegen Marken, die das Comitö austheilt, bei dem Wirth (Herrn Mieske) des nahen Schanklokals oder in der Volksküche im Eisenbahn-Empfangsgebäude verabreicht. Auch erhalten die Leute zu jeder Tageszeit heißes Wasser zu Theebereitung. Ebenso wird für die Gesundheitspflege nach Möglichkeit Sorge getragen. Sechs hiesige Aerzte halten abwechselnd täglich von 5—6 Uhr Nachmittags im Asyl Sprechstunden ab. Die Arzneien werden unentgeltlich verabfolgt. Bisher sind noch keine ernstlichen Fieberkrankheiten vorgekommen; es handelt sich meist nur um geringere, durch die anstrengende Reise und die überstandenen Strapazen hervorgerufene Unpäßlichkeiten, die bei der sorgsamen Pflege bald gehoben werden. — Die Kosten der Weiterreise konnten unter den durchgekommenen Juden die wenigsten aus eigenen Mitteln bestreiten, die meisten waren auf die Unterstützung des Hilfscomitös angewiesen. Die Flüchtlinge begaben sich von hier hauptsächlich nach verschiedenen Orten Nordamerikas und nach Argentinien, sowie nach England. Aus Baden. Ein Correspondent der „Badischen Landeszeitung" spricht bezüglich der in Karlsruhe angestrebten Sonntagsruhe denjenigen die Anerkennung aus, welche ungeachtet der Schließung ihrer Geschäfte am Samstag, solche auch am Sonntag geschloffen hielten. Wir fügen hinzu: Die strenggläubigen Israeliten werden ungeachtet der Toleranz, welche sie der jetzt allgemeinen Uebung der Sonntagsruhe entgegenbringen, dennoch den Sabbat in altgesetzlicher Weise streng halten, obwohl sie dadurch zwei Tage in der Woche ihr Geschäftslokal zu schließen veranlaßt sind. Hier wird der Welt ein Contrast der Gewinnsucht, welche man den Juden so gerne zum Vorwurfe macht, vor Augen geführt und ein großer □tpn tpnj? constatirt. Würzburg, 24. August. Im kommenden October sind es 50 Jahre, seitdem die israelitische Präparandenschule unseres Nachbarstädtchens Höchberg von dem inzwischen verstorbenen Ortsrabbiner daselbst Lazarus Ottensoser gegründet wurde. Die Anstalt stand damals in sihrer Art als die einzige und erste unseres deutschen Vaterlandes ja sogar ganz Mitteleuropas da. Ein großes Verdienst erwarb sich Herr Ottensoser während seiner 35jährigen Amtsthätigkeit als Vorsteher der Anstalt, in welcher Zeit er das Wohl seiner Schule zu festigen wußte. Als er 1876 durch den Tod hinweggerafft wurde, übernahm der damalige Lehrer der Anstalt Herr Jacob Ehren reich das Amt eines Vorstehers an der Anstalt, sowie das eines Ortsrabbiners. Auch dieser wußte sich durch seine Verdienste um die Schule einen ehrenvollen Namen in der Chronik derselben zu setzen. Nachdem nun auch dieser leider schon am 1. Januar 1886 das Zeitliche gesegnet hatte, folgte ihm der derzeitige Herr Hauptlehrer Nathan Esch Wege, ein Ehrwürdiger Schüler des Gründers der Anstalt, im Amte, der in den Futztapfen seines Lehrers wandelt. Herr Eschwege verstand es, bis jetzt durch fleißiges Wirken zum Nutz und Frommen der Anstalt, durch Umsicht und Thatkraft dieser Schule ihren hervorragenden Platz zu wahren. So errichtete er u. a. der Anstalt einen schön und praktisch ausgestatteten Saal zum Unterbringen kranker Zöglinge; ferner eine „Krankenkasse" zur Verpflegung derselben und zum Aufbringen der dazu nöthigen Mittel, sowie auch eine umfangreiche Hausapotheke. Daher erblicken in ihm die Zöglinge nicht nur den verständigen Lehrer, sondern auch ihren wahren und teilnehmenden Pflegevater in der Fremde. An Lehrgegenständen besitzt die Anstalt jetzt 2 Klaviere, eine Lehrer- und Schülerbibliothek, eine umfangreiche Sammlung ausgestopfter Thiere, deßgletchen eine Mineraliensammlung 2c. rc. Die Schülerfrequenz beziffert sich auf 35 Zöglinge,