Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-08-24 · Heft 67 (24.8.1891) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 67 (24.8.1891)
Date
1891-08-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448185--32689-2480546
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1275 Stockholm geschickt werden sollte. Nach dem Verschwinden ermittelten die Eltern trotz eingehender Nachforschungen nur, daß CH. in Stockholm sei und erfuhren mit Hilfe eines Polizeibeamten, daß sie dort auf Veranstalren des Frl. v. Haartmann („Adjutanten" der Helsingforser Armee) und Frau Forxeles zur Heilsarmee übergetreten sei. Die Eltern, die ihre Tochter stets mit Liebe behandelten und auch, nach ihrer Angabe, nichts davon wissen, daß dieselbe sich taufen lassen wollte, baten nun, daß die Damen, die ihr Kind fortgelockt hätten, zur Verantwortung gezogen würden. Ihrem Anträge gemäß lud nun der Gerichtshof mehrere an der Entführung vermuthlich betheiligte Damen zur Verhandlung auf den 18. August. Zugleich sollte der Gouverneur ersucht werden, auf ministeriellem Wege Chawa in Stockholm ermitteln und ihren Eltern zuführen zu lassen. England. London, 19. August. Nach einer Meldung der „Daily News" aus Odessa beträgt die Zahl der ausländischen Juden, denen Ausweisungsbefehle zugegangen, 8000; die Mehrzahl sind Grundbesitzer. Vermischtes. Berlin, 9. August. Seitdem die „Kreuz-Zeitung" sich mit dem angeblichen „Ritualmord" in Korfu eine unvergleichliche Niederlage geholt hat, seitdem auch sie das Märchen von Korsu nicht mehr ausrecht erhalten kann, suhlt sie das Bedürfniß, irgendwo im fernen Orient, in einem recht weit entsernten und möglichst unbekannten Winkel der Erde sich einen — neuen Ritualmord zu konstruiren. Das fromme Blatt mit dem Kreuz hat nun entdeckt, daß im türkischen Landstädtchen Mustapha Pascha (nordwestlich von Adrianopel gelegen, 2000 Einwohner) unlängst ein Verbrechen begangen worden ist, wenigstens begangen zu sein scheint, denn es steht noch nicht einmal fest, ob ein Verbrechen oder ein Selbstmord vorliegt. Das hat das Blatt aber nicht abgehalten, eine romanhafte Geschichte vom neuesten „jüdischen Ritualmord" zu erzählen. Was die „Kreuz-Ztg." berichtete, war Folgendes: „Am 27. Juni wurde in der Nähe von Mustapha Pascha aus dem Fluß die Leiche eines achtjährigen Mädchens gezogen, welches nach Aussage des untersuchenden Arztes etwa 20 Tage im Waffer gelegen hatte. Dieselbe wurde als das Kind einer in der Stadt wohnenden christlichen, d. h. griechischorthodoxen Familie erkannt, und der griechische Fleischhauer Stephanos erklärte, das Kind sei genau nach der bei den Juden üblichen Methode des Schlachtens getödtet worden. Die Christen nahmen daher sofort an, daß hier ein jüdischer Ritualmord vorliege; doch waren bei dem Zustande der Leiche weitere Merkmale hierfür nicht zu rxkennen. Zwei Tage darauf, am 29. Juni, wurde nun auch der vorgenannte christliche Fleischhauer ermordet und in einem Sack eingeschnürt an dem Ufer des Flusses gefunden, und die Untersuchung der Leiche ergab, daß der Fleischer durch Stiche mit breiten Schlächtermessern getödtet worden war. Auch jetzt lenkte sich sofort der Verdacht aus die jüdischen Schlächter, welche bis vor Kurzem noch fast gänzlich den Fleischverkauf auch für die Christen und Muhamedaner in Händen halten. Erst neuerdings hatte der christliche Schlächter Stephanos ein selbstständiges Geschäft in der Stadt eröffnet und durch dasselbe seinen jüdischen Berufsgenoffen einen großen Theil der Kundschaft entzogen. Hierdurch zog er sich bereits den Haß der Letzteren zu, und nachdem er nun auch noch jenen Verdacht bezüglrch der Ermordung des Kindes ausgesprochen hatte, ist er offenbar dem Fanatismus der Juden zum Opfer gefallen. Die Leitung des Mordprozesses von Mustapha Pascha ist dem Militär-Gouverneur General - Lieutenant Mehemet Muhli übertragen worden. Bis jetzt sind fünf jüdische Schlächter und zwei von deren christlichen Gesellen, ferner vier jüdische Kultusbeamten als des Mordes verdächtig verhaftet worden. Die Stadt ist militärisch stark besetzt, jede Ansammlung in den Straßen ist streng untersagt. Ein christlicher Geselle des Schlächters David, Namens Gianni, Hai ein umfaffendes Geständniß abgelegt. Er erklärte, daß er beauftragt worden sei, den Fleischer Stephanos in das Haus des David zu rufen, und daß dann sofort sechs Juden über diesen herfielen und ihn niederstachen. Er (Gianni) habe dann die Leiche, nachdem sie in einen Sack eingenäht war, nach dem Fluß schaffen müssen, wofür man ihm fünf Pfund bezahlte." Das „Berk. Tagebl." hat seinen Konstantinopeler Korrespondenten beauftragt, die genauesten Erkundigungen über den angeblichen Mord in Mustapha Pascha einzuziehen und einen absolut authentischen objektiven Bericht einzusenden. Dieser liegt nun vor, und wir geben denselben ohne jeden Kommentar wieder. Voranzuschicken ist, daß der Korrespondent anfänglich große Mühe hatte, überhaupt etwas über die Angelegenheit zu erfahren. Die Redaktionen der angesehenen Konstantinopeler Blätter wußten von garnichts. Erst durch langwierige Nachforschungen bei Konsulaten, Behörden und Gerichten konnte der Korrespondent auf Grund der vorhandenen Akten den Thatbestand folgendermaßen feststellen: „An einem Montag Vormittag wurde in der Nahe von Mustapha-Pascha die Leiche eines dort ansässigen Bulgaren, nicht Griechen, Namens Stephan, am Ufer des Maritza- Flusses aufgefunden. Eine lange Leibbinde (seine eigene) war mit dem einen Ende dem Todten um den Hals geschnürt und das andere Ende derselben an seinem Fuße festgebunden. Man benachrichtigte die Behörde, die sich einfand und gleichzeitig einen Arzt mitbrachte. Dieser gab sein Votum dahin ab, daß der betreffende Mann ermordet worden sei. Irgend welche Wunden oder sonstige Spuren eines vorhergegangenen Kampfes waren an der Leiche nicht vorhanden. — Die „Kreuzzeitung" berichtete seiner Zeit, daß er erstochen wurde. Die gerichtliche Untersuchung wurde eingeleitet. Da meldete sich ein Bulgare und gab an, daß er an demselben Morgen einen anderen Bulgaren, Namens Aanni gesehen habe, wie dieser einen Sack, dessen Inhalt seiner Form nach ein menschlicher Körper sein mochte, nach dem Flusse schleppte. sstanni war vorher einmal bei einem gewissen David, zur Zeit des Vorfalles bei einem andern Juden, Namens Mordchai Baruch, bedienstet. Er ward verhaftet und stellte beim Verhör jedwede Kenntniß von der Angelegenheit in Abrede. Nach drei Tagen legte er spontan das Geständniß ab, daß er an jenem Morgen von fünf Juden aufgefordert worden sei, nach dem Hause des Schlächters David zu kommen, allwo er den Bulgaren Stephan bereits anwesend fand. Dann seien die anderen über diesen hergefallen und hätten ihn erdrosselt. Er selbst, Nanni, sei dann beauftragt worden, die Leiche nach dem Flusse zu schaffen, was er auch besorgt habe. In Folge dieser seiner Aussage wurden die von ihm bezeichneten fünf Juden verhaftet. Diese ganze Geschichte klingt zunächst etwas unwahrscheinlich. Wenn die Juden es einmal fertig brachten, den Mann zu erdrosseln, so hätten sie wohl den leichteren Theil der Arbeit, die Fortschasfung des Leichnams, auch füglich noch selbst besorgen können, statt ihr Geheimnitz einem Menschen anzuvertrauen, der einer anderen Nationalität

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.