Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1891)
- Date
- 1891-08-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448185--32690-2480547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
uitgehorte, der ebenso wie der Ermordete, ein Bulgare war. Die Bulgaren aber standen zu jener Zeit zu den Luden und Mustapha Pascha im Allgemeinen nicht gerade iit sonderlich freundschaftlichen Beziehungen. Außerdem hätten sie denn doch wohl hiezu auch einen günstigeren Zeitpunkt wählen müssen, denn es Ware einfach eine undurchführbare Thorheit, die Leiche eines Ermordeten in solch mangelhafter Emballage am helllichten Tage durch die Straßen zu schleppen! Fünf Tage später sagte Aanni aus, daß noch weitere fünf Juden an dem Morde beiheiligt gewesen seien, darunter auch fein Dienstgeber Mordochai-Baruch. Und zwar wäre dieser es gewesen, der ihm die Fortschaffung der Leiche nach dem Flusse anbefohlen habe. Diese Leute wurden gleichfalls verhaftet, um einem Verhör unterzogen zu werden. 2)anni war hierbei anwesend und wendete sich zunächst an seinen Dienstherrn mit dem Worten: „Bist nicht Du es gewesen, der mir befohlen hat, die Leiche des Stephan nach dem Flusse zu tragen?!" Herr Mordochai-Baruch scheint indetz ein recht „schneidiger" Herr zu sein. Er stand zuerst über diese ihm von seinem Diener ins Gesicht geschleuderte Anschuldigung einen Augenblick sprachlos da, verabfolgte ihm aber dann vor dem Untersuchungsrichter ein paar mächtige Ohrfeigen. Diese „schlagende" Beweisführung half ihm jedoch nichts, das Verhör ward unterbrochen und auch er ward nun mit seinen vier Genossen ins Loch gesteckt. Später kam noch ein anderer dazu, so daß sich dermalen im Ganzen elf Juden in Untersuchungshaft befinden. Das Haus Davids, allwo der Mord stattgefunden haben soll, ward behördlich untersucht, aber es wurden keinerlei Anzeichen der That darin vorgefunden. Die Lage und sonstige Beschaffenheit des Gebäudes lassen es auch zur Verübung eines Mordes sehr wenig geeignet erscheinen. Die zwei Räume der Hütte befinden sich parterre nach der Straße zu und besitzen kein fest verschließbares Fenster, so daß jeder Vorübergehende mit Leichtigkeit Alles sehen und hören kann, was drinnen vorgeht. Der weitere Verlauf der Untersuchung wird den Sachverhalt wohl klären. Im Ganzen liegt eigentlich wenig daran, ob die zur Zeit des Mordes verdächtigten Juden auch wirklich das Verbrechen begangen haben oder unschuldig daran sind; indeß liegen mehrere gewichtige Momente für die Annahme vor, daß der Bulgare Stephan einen Selbstmord begangen hat: Er stand nahe am Bankerott, wurde von seinen Gläubigern in den letzten Tagen hart bedrängt und versprach ihnen allen Zahlung für Montag Mittag, jenen Montag, an dem er Vormittags als Leiche aufgefunden wurde. Ungefähr eine Woche vorher nahm Stephan eine Regulirung seiner Geschäftsbücher vor, indem er sämmtliche Kundenrechnungen in ein neues Buch übertrug, ohne darin irgend einen Raum für weiter folgende Notirungen zu laffen. Von einer Person darauf aufmerksam gemacht, antwortete er: Ich gedenke mein Geschäft nicht weiter mehr fortzuführen. An dem Tage seines Todes verließ Stephan früh Morgens in Begleitung seines Sohnes der die jüdische Schule zu Mustapha-Pascha besucht, sein Haus, übergab seinem Sohne die Schlüffe! zu seinem Geschäftslokal und sagte ihm, er möge auf dasselbe Acht haben, bis er zurückkehre; er habe im Stationsgebäude der Eisenbahn ein notwendiges Geschäft zu erledigen. Der Knabe wendete sich nach einer Weile um und sah seinen Vater von dem Wege nach der Station ablenken und in ganz entgegengesetzter Richtung nach dem Flusse zu gehen. Seitdem ward Stephan nicht mehr gesehen. Eine eigentümliche Rolle spielt bei der ganzen Sache die Lokalbehörde von Mustapha-Pascha in ihren Beziehungen zu einem Belastungszeugen, dem — seiner eigenen Aussage nach — an der Mordthat mitbetheiligten Aanrii. Der Bursche befindet sich jetzt aus freiem Fuße. Die Mädchenmord-Gcschichte ist zu diesem Thatbestand ganz und gar erfunden. Das achtjährige Mädchen hat die Kreuzzeitung sich höchst eigenhändig selbst „rituell" abgeschlachtet. Es durfte vielleicht auch nicht schaden, der Kreuzzeitung im Vorhinein mitzutheilen, daß der Korrespondent des „Berliner Tageblatts" nicht etwa „der Sohn eines jüdischen Großhändlers aus Smyrna ist, sondern vielmehr eine lange Reihe christlicher Ahnen nachzuweisen in der Lage ist, darunter auch einen leider bereits verstorbenen Oheim, der sogar — katholischer Bischof war." Prag, 14. Aug. Der angekündigte und viel umstrittene korporative Besuch von Wiener Antisemiten auf der Prager Ausstellung ist nun doch zu Stande gekommen. Heute um 7 Uhr Abends trafen auf dem Franz Josef-Bahnhofe fünfhundert Ausstellungsbesucher aus Wien^unter Führung des antisemitischen Reichsrathsabgeordneten Schneider ein; hierauf kam ein weiterer Zug mit dreihundert Besuchern aus Wien, der Mehrzahl nach Czechen. Der Reichstagsabgeordnete Vafaty und der Stadtverordnete Brzeznovsky erwarteten die Gäste. Vor dem behördlich abgesperrten Bahnhofe waren Tausende von Menschen angesammelt, welche „Nazdar" und „Slava" riefen. In 56 Wagen, unter Voranfahrt der Abgeordneten Schneider und Vasaty und des Stadtverordneten Brzeznovsky, fuhren die Gäste vom Bahnhofe über den Roßmarkt auf die Sophien-Jnsel, die übrigen Gäste gingen zu Fuß. Auf den Straßen wurden Ansammlungen durch die Polizei-Organe zerstreut, ohne daß Zwischenfälle vorgekommen wären. Aus der vertraulichen Sitzung des Prager Stadtrathes, in welcher über das Ansuchen eines sogenannten „Empfangs-Comites" beschlossen werden sollte, daß die korporativ hier eintreffenden Wiener Antisemiten offiziell begrüßt und auf Gemeindekofteu bewirthet werden mögen, wird nach der „W. Allg. Ztg." nachträglich folgende interessante Thatsache bekannt: Derjenige Stadtrath, der am heftigsten gegen einen offiziellen Empfang der Antisemiten aufgetreten, war der Pfarrer von St. Stephan, P. Nykles, ein sonst so sehr ruhiger Sprecher. Derselbe erklärte, es wäre geradezu eine Schmach für die Stadtvertretung der Landeshauptstadt Prag, wenn sie sich dazu hergeben würde, den Antisemitismus zu fördern. Aus einer langen Reihe biblischer Citate, sowie aus zahlreichen Stellen der christlichen Lehre und des neuen Testamentes wies derselbe nach, wie vollständig unberechtigt der Antisemitismus und der Rassenhaß sei. In diesen seinen Ausführungen sekundirte ihm kräftigst der Stadtrath, Katechet P. Kyselka, und gelang es tatsächlich den überzeugungstreuen Reden der beiden geistlichen Herren, den Stadtrath zu dem Beschlüsse zu bewegen, von einem offiziellen Empfange der Wiener Antisemiten abzuseheu. Die Jungczechen zeterten und wüteten, sie konnten aber nichts thun, denn sie waren in der Minorität. Im Anschlüsse hieran kann authentisch mitgetheilt werden, daß bereits sämmtliche jüdische Stadtverordneten sich dahin geeinigt halten, sofort aus dem Stadtverordneten-Kollegium auszutreten, falls der Stadtrath wirklich eine offizielle Begrüßung der „Wiener Gewerbetreibenden" unter Schneider's Führung beschließen sollte. Wochen - Kalender. Freitag, 28. August, 24. Ab. Sabbat-Anfang 6 Uhr 35 Min. (Mainzer Uhr.) Samstag, 29. August, 25. Ab. ri"rDD »DiO- Sabbat-Ausgang 7 Uhr 40 Min. (Mainzer Uhr.) Briefkasten der Redaktion. As. ,1k. D"D"D. Beide □'“11DW sind gleich, da auch bei nD“)D viele O’IN} in Betracht kommen. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.