Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1891)
- Date
- 1891-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1266 er hat ein Recht zu diesem stolzen Ausspruchc, sofern er hierbei ein Doppeltes nicht übersieht. Einmal, daß der Bauer nicht alle Rohprodukte liefert; dann, daß die von ihm gelieferten Produkte zum größten Theil eine Umarbeitung erfordern, bevor sie die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen vermögen. Läßt der Bauernstand diese beiden Punkte nicht außer Acht, so wird er leicht finden, daß auch diejenigen arbeiten, welche die Umwandlung der Produkte besorgen und deren Austausch vermitteln, also die Handwerker, Gewerbetreibenden, Kauf- und Handelsleute. Sie alle müssen Mitwirken, müssen arbeiten, um die Lebensbedürfnisse in ihrer Vollendung zu schaffen. „Auch die Juden gehören zu den Gewerbebcflissenen, Kauf- und Handelsleuten; auch sie arbeiten sohin und ist deshalb der Vorwurf — „sie wollen nicht arbeiten; sie wollen vom Schweiße des Volkes leben" — ein durchaus ungerechtfertigter. Wären keine Juden vorhanden, so müßten diese Geschäfte eben von anderen Leuten betrieben werden, wenn die Kultur nicht sinken soll. Und wenn es zur Zeit bei uns noch nicht viel Juden gibt, welche ein Handwerk, oder die Landwirthschaft betreiben, so liegt der Grund hierfür nicht in der Abneigung der Juden gegen schwere Arbeiten, sondern ganz anderswo, wie die Thatsachen deutlich beweisen. So lange die Juden nach ihrer Rückkehr aus Aegypten das Land Kanaan bewohnten bis zu ihrer Vertreibung aus demselben, also 1400 Jahre lang, trieben sie Ackerbau und nur Ackerbau daselbst; sie waren ein Ackerbau treibendes Volk. Mit ihrer durch die Römer bewirkten Zerstreuung unter alle Völker der Erde hörte diese Beschäftigung für sie auf, denn überall, wohin sie verpflanzt wurden, waren sie Fremde. Fremde aber konnten nach den damaligen Verhältnissen keinen Landbesitz erwerben. „Ohne Landbesitz aber hört selbstverständlich jeder Ackerbau von selbst auf. Diese ehemaligen Verhältniffe finden sich heute noch in Rußland. Nur der eigentliche Russe darf Landgüter erwerben, aber kein Nichtrusse. Und ist ein Ntchtruffe durch Erbschaft in den Besitz solcher Güter gekommen, so sind dieselben binnen Jahresfrist zu verkaufen, oder sie fallen dem Fiskus anheim. Selbst deutsche Fürftengeschlechter sind hiervon nicht ausgenommen. „Auch in Deutschland konnten nach altem Rechte die Inden kein Grundeigenthum erwerben. Und wenn sich dies bei uns in den letzten 40—50 Jahren auch geändert hat, so ist doch der Zeitraum zu kurz, um jetzt schon einen größeren Umschwung in den Ansichten und Gewohnheiten hervorgebracht haben zu können. „Aber nicht allein, daß die Juden Deutschlands keinen Ackerbau betreiben durften, wurden sie während der Kreuzzüge mit Gewalt gezwungen, auch noch dem Gewerbe und dem Handwerk zu entsagen, und ihr Leben nur noch durch Wucher und Trödel zu fristen. Warum also Menschen verantwortlich machen wollen für Unterlassung solcher Dinge, die ihnen gesetzlich verboten gewesen sind? Der Jude findet sich in alle Verhältnisse; er ergreift jedes Geschäft, das ihm erlaubt ist. auch das Handwerk und die Landwirthschaft. Stellt sich bei der heutigen Vertreibung der Juden aus Rußland nicht heraus, daß die meisten der dortigen Juden Handwerker sind? Und wer je in Holland gewesen ist, hat der nicht beobachtet, daß sich zahlreiche Juden gerade unter den Hafen-Arbeitern befinden, welche die schwersten Arbeiten verrichten? Schreiben nicht alle öffentlichen Blätter, daß die meisten der 6000 Juden, welche die Stadt Korfu bewohnen, Tagelöhner und Handwerker sind? Sagt nicht selbst das Hauptblatt der Antisemiten, der Reichs-Herold, in seiner Nr. 409, daß die weitaus meisten Juden auf Korfu arme Leute und deshalb eine Plage für die dortige Bevölkerung seien? „Diese Auslassung des Reichs-Herold in Verbindung mit den Vorwürfen, welche den deutschen Juden gemacht werden, zeigen recht deutlich, daß es einem Theil der Antisemiten nur darum zu thun ist, Vorwürfe gegen die Juden vorzubringen. Bei uns sollen die Juden eine Landplage sein, weil sie reich sind und keine schweren Arbeiten verrichten, in Rußland und Korfu dagegen, weil sie arm sind und schwer arbeiten. Auch bei uns beginnen die Juden, sich dem Handwerk zuzuwenden. Namentlich im Elsaß, wo die Emanzipation schon länger durchgeführt ist, gibt es schon viele jüdische Handwerker. Hat doch die israelitische Gewerbeschule zu Mühlhausen allein in den Jahren 1889 und 1890 75 Zöglinge zu Gesellen ausgebildet; auch Landwirthe findet man in den Reichslanden, die sich zum jüdischen Glauben bekennen. „Es ist also eine durchaus unbegründete Behauptung, daß die Juden schwere Arbeiten scheuen und weder Handwerk noch Landwirthschaft betreiben wollen. „Im Gegenthcil steht fest, daß die Juden gern bereit sind, sich an allen Berufszweigen ernstlich zu betheiligen. „Ob es denselben als Eltern übel genommen werden kann, wenn sie hierbei darauf sehen, ihre Kinder mehr solche Erwerbszweige ergreifen zu lassen, die im allgemeinen als gewinnbringender und weniger anstrengend erachtet werden, das mögen Alle beurtheilen, welche selbst Kinder haben. „Den besten Beweis aber, daß sich die Juden an unserem Kulturleben nach jeder Richtung hin betheiligen wollen, geht nicht blos aus ihrer regen Theilnahme an der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands hervor, sondern mehr noch aus dem