Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1891)
- Date
- 1891-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1235 fährt durch die ihr so seltsam erscheinenden Straßen von Amsterdam rollte. Ob sic ihren Bruder hier finden werde? Seltsam, während der ganzen Zeit ihrer Reise hatte sie sich kaum einmal diese Frage gestellt; jetzt erst, dem Ziele so nahe, überkam sie eine ihr selbst unerklärliche Angst. Aber das Treiben in den belebten Straßen interessirte sie dennoch und die seltsamen Bauten, die vielen Brücken — nie hatte sie Achnliches gesehen. — Und mit innigem Vertrauen blickte sie auf ihren Begleiter, sie hoffte mit Bestimmtheit, daß er sie nicht verlassen werde, so lauge sic ihren Bruder nicht gefunden. Das Glück war ihr günstig; Elias fand bald Glaubensgenossen aus ihrer Heimath, von denen einer derselben mit Herrn Levi, Sorels Bruder, bekannt war. Nachdem Sorel in einer jüdischen Restauration einstweilen untergebracht worden, ging Elias mit seinem Landsmann nach dem entfernten Stadttheil, wo Herr Levi wohnte. In der Restauration saßen deutsche, holländische und polnische Inden und unter ihnen ein Sendbote aus dem heiligen Lande, der milde Gaben für die Armen Jerusalems zu sammeln hatte. Dieser Letztere war unstreitig die interessanteste Persönlichkeit an der Tafelrunde, er führte das Wort, er hatte viele Länder bereist, wußte Vielau erzählen, sowohl aus seiner Heimath, als aus den europäischen Ländern, die er durchwandert. Bereitwillig beantwortete er auch die verschiedenen Fragen seiner Tischgenossen nach den wichtigeren Orten des heiligen Landes, nach hervorragenden Persönlichkeiten 2c. „Sagt mir doch", wandte sich einer der Polen an ihn, „habt Ihr nicht gehört von einem gewissen Sabbatai Zewi? — Als ich vor ungefähr neun Jahren in Salonichi gewesen bin, wurde von nichts anderem gesprochen, als von ihm. Die Leute haben behauptet, er wäre der Messias, aber die Rabbinen haben ihn in den Bann gethan, so daß er von dort flüchten mußte." „O gewiß, habe ich von ihm gehört", erwiedertc der Bote, „nicht nur auf meinen Reisen, sondern auch Daheim, denn er hält sich schon seit mehreren Jahren in der heiligen Stadt auf." „Ihr habt ihn gesehen?" riefen einige der Anwesenden voll Interesse, „Ihr kennt ihn?" „Gewiß", erwiedertc der Jerusalemite. „Was ist es für ein Mann? — was haltet Ihr von ihm?" „Er ist ein Heiliger", entgegnete der Sendbote mit einer gewissen geheimnißvollen Miene. „Er betet und saftet viel, kümmert sich nicht um die Welt, badet oft bei Nacht — und Tag und Nacht sitzt er über den heiligen Sohar. —" „Glaubt man auch in Jerusalem, daß er der Messias ist?" „Die Einen glauben's, die andern nicht." „Und Ihr? — was glaubt Ihr?" Der Bote zuckte die Achseln. „Man wird ja sehen — wenn die Zeit gekommen sein wird. —" „Zeit wär's, daß der Messias käme", sagte Einer der Anwesenden. „Gebrauchen könnten wir ihn", siel ein anderer ein. „Wenn er betet", erzählte der Bote weiter, „da rinnen ihm die Thränen oft bis auf die Erde. — Wenn er singt — etwas Großartigeres kann man sich nicht denken — und wenn man ihn sieht — dann könnte man glauben, daß er der Messias ist. Er ist hochgemachsen. Ihr seid doch von uns allen hier der Größte, aber er ist noch einen Kopf höher als Ihr. Und schön — schön — ich kann euch gar nicht sagen, wie — man könnte meinen, daß die Haut von seinen! Angesicht Strahlen wirst — und nur erst die Angen — ich sag' euch, solche Augen hat noch keiner von euch gesehen. —" Mit vorgeneigtem Oberkörper und angehaltenem Athem hatte das junge Mädchen dem Gespräche gelauscht, sie hatte vollständig vergessen, wo sie sich befand, im Geiste befand sie sich im fernen Osten, an der Seite jenes hehren Mannes, der der Messias sein niüsse, davon hielt sie sich bereits überzeugt. — Lebhaft stieg die Erinnerung von den Erzählungen über den Messias in ihrem Geiste auf, die ihre Mutter, ihr Bruder und auch Elias während ihrer Reise ihr mitgethcilt hatten; auch ein Traum ihrer Kindheit, nach welchem sie die Frau des Messias sein werde, stieg in ihr Gedächtniß wieder auf. Während Sorel mit ungeschmälertem Interesse dem Gange der Unterhaltung folgte und namentlich den Berichten des Jerusalemnen lauschte und sich in seltsamen Träumen wiegte, hatte ihr Reisebegleiter, geleitet von seinem gefälligem Landsmanne Herrn Levi ansgesucht und ihn von der Anwesenheit seiner von ihm schon längst todt geglaubten Schwester unterrichtet. Herr Levi, ein streng religiöser Mann, hatte sich durch seinen Fleiß und Rechtschaffenheit ein kleines Vermögen erworben. Die rührende Scene, als sich Bruder und Schwester nach vielen Jahren wieder gesehen, brauchen wir unseren Lesern nicht näher zu schildern; es genügt mitznthcilcu, daß Sorel im Hause ihres Bruders die herzlichste Aufnahme fand und sich in demselben bald heimisch fühlte; denn auch ihre Schwägerin, eine geborne Amsterdamerin, widmete ihre jede nur mögliche Aufmerksamkeit. Sorel drückte ihrem Reisebegleiter wiederholt ihren tiefsten Dank aus; ihr Bruder verschaffte demselben in einem größeren Ge-