Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1891)
- Date
- 1891-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1234 haben wir wenigstens nicht zu befürchten, daß Berichte über bei Ihnen stattfindenden antisemitischen Versammlungen uns vorenthalten werden; namentlich, wenn die betreffende Zeitung mit eigenem Wohlbehagen diese Mittheilungen zunl Abdruck bringt. Da lese ich soeben einen langen und breiten Bericht in der „Märkischen Volkszeitung" über eine jüngst in Berlin stattgefundene Antisemttenversammlung, die zu den russischen Judenauswetsungen Stellung nahm. Referent war Reichstagsabgeordneter Z i m m e r m a n n - Dresden. Aus jedem Wort, das Herr Z. sagte, ist ersichtlich, daß er Rußland und seine wirthschaftlicheu Verhältnisse so wenig kennt, wie etwa meine Hauskatze den Wahlkreis Gießen-Friedberg. Der Herr Reichstagsabgeordnete bemerkte u. A., daß der jüdische Schnapshandel und Wucher den Bauer von Haus und Hof getrieben habe. Nun weiß aber jedes Kind bei uns, daß aller Schnapshandel, seitdem die Regierung die Produktion auf das allerschärfste controllirt und solche mit einer Steuer von 800 °/0 belegt hat, ein so überaus harmloser geworden ist, daß es einfach lächerlich ist, heutzutage noch von einer Ausbeutung durch den Schnapshandel zu sprechen. Unsere Bauern trinken meistens Thee, und wollen sie sich am Sonntag besaufen, so geschieht dies mit dem überaus billigen inländischen Bier und Meth. Was nun den angeblichen Wucher der Juden betrifft, so ist dieser Begriff hierzulande ein sehr dehnbarer. So lange noch unser offizieller Bankdisconto bei der kaiserl. russ. Reichsbank 8—9"/o ist, so lange sind wir nicht berechtigt, einen jüdischen Kleinbürger zu verdammen, der seine Ersparnisse einem russischen Bauer zu 10—l2°/0 leiht und wo er gewärtig sein muß, daß, wenn er morgen einen Ausweisungsbefehl erhält, das ganze Kapital ihm verloren geht. Vielleicht beleuchte ich in meinem nächsten Briefe noch einige Aussprüche des großen Russenkenners Zimmermann. Prof. Dr. Tjms olip h. -£» Vermischtes. < Berlin, 10. August. Seit einiger Zeit war es vou Ausweisungen russischer Unterthanen aus Preußen still geworden und man hatte in den Kreisen derjenigen, über welchen das Damoklesschwert schwebt, bereits der Hoffnung Raum zu geben gewagt, daß die Anwendung jener drakonischen Maßregel in Zukunft einfür allemal in Fortfall kommen würde. Diese Erwartung scheint leider ein Jrrthum; wenigstens berichten die Tageszeitungen, daß der Trödler C. Jacobsohn, der seit 16 Jahren in Berlin ansässig ist, und seit 12 Jahren im Hause Kastanienallee 48 ein Geschäft betreibt, als russischer Jude aus Berlin und dem preußischen Staat ausgewiesen worden ist. Die „Saale-Ztg." läßt sich aus Berlin schreiben: „Entgegen anderen Versicherungen scheint die Haft des westfälischen Schriftstellers Karl Paasch vorläufig noch aufrecht erhalten zu werden. Wie in hiesigen Anwaltskreisen glaubwürdig verlautet, befindet er sicki nach wie vor in Jsolirhaft und von jedem Verkehr mit der Außenwelt streng abgeschlossen. Die von ihm nachgesuchte Schreiberlaubniß ist ihm vom Untersuchungsrichter abgeschlagen worden. Unterredungen mit einigen Besuchern werden nur in dessen Beisein gestattet. Ueberhaupt wird der Angeschuldigte wie ein wichtiger Staatsgefangener behandelt. In Anwaltskreisen verlautet auch, der Gefängnißarzt, Geh. Rath Levin, sei beauftragt, den Auge schuldigten auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Dr. Levin ist zufälligerweise derselbe, der in dem Ahlwardt'schen Buch mit dem Nobiling'schen Attentat und dem Nobiling'schen Quartiergeber Goldstein in Beziehung zu bringen versucht wird. Wie die in Mannheim erscheinende „R. Bad. Landes- Zeitung" erfährt, findet nunmehr die verschobene Hauptver Handlung gegen den antisemitischen Provessor S evi n wegen qualivizirten Wuchers vor der dortigen Strafkammer am 20. August, Vormittags 10 Uhr statt. Budapest, 2o- Juli. Die hiesige Chewra-Kadischa hielt gestern Vormittag eine außerordentliche General-Versamm tuug ab behufs Beschlußfassung über den Bau eines neuen Siechenhauscs. Der Vorsitzende Herr Karl Renß berichtete, daß ein geeigneter Baugrund für sl. 20000 bereits angekauft sei, was zur Kenntniß genommen wurde. Der Architekt, Herr I. von Bukowitz hat in Anbetracht des wohlthätigen Zwecks die vorgclegten Baupläne in uneigennützigster Weise geprüft und den Plan des Architekten Freund als am geeignetesten bezeichnet. Die Kosten würden sich für die Ausführung des Planes auf fl. 81,000 ohne Umfriedigung, Parkirung und innere Einrichtung stellen. Die Forderung wurde ein stimmig bewilligt und beschlossen, statt der bisherigen 21 in Zukunft 36 Stiftlinge aufzunehrnen. -Habbatai Dervi. k) i st o r i s ch e Erzählung "Ernst Schwari. (Fortsetzung.) Die lange und beschwerliche Reise niiig ziemlich gut und rasch von Statten. Elias Kohn, der Sorel an allen Orten für seine Schwester ausgab, brüderlich für sie sorgte und ihr die Strapatzen der Reise so viel als ihm möglich zu erleichtern bemüht war, benützte die Zeit, um Sorel die Gesetze der jüdischen Religion zu erklären. Er fand in ihr eine aufmerksame Schülerin, die von der Wahrheit des jüdischerl Glaubens durchdrungen zu sein schien, und welche die göttlichen Gebote aufs Pünktlichste zu halten bestrebt war. Nur eines erfüllte den streng sittlichen Mann mit Bangen: Sorel sprach oft zu frei und einem Mädchen ihres Alters nicht paffende Worte; er war im Zweifel, ob dies kindliche Einfalt oder überlegte Berechnung war. Nach einer Reihe von Wochen hatten sie endlich das Ziel ihrer Reise, die Hauptstadt der Niederlande erreicht. Sorels Herz pochte laut, als ihr leichtes Ge-