Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1891)
- Date
- 1891-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1232 Oefterr.»Ungar. Monarchie. Wien, 9. Aug. Die Antisemiten vermögen die guten Zeiten des alten Gemeinderathes nicht zu vergessen, wo, begünstigt durch ein freisinniges Statut, es ihren Agitatoren gelungen war, den gesammten Gemeinderath zu terrorisiren und einen mächtigen Einfluß auf die Verwaltung zu gewinnen. Diese Zeiten sind vorüber, aber die Sehnsucht nach der Wiederholung derselben veranlaßt die Wortführer der Antisemiten zu immer neuen Anstrengungen, um noch etwas von der alten Herrlichkeit zu retten. Bei der Fortsetzung der Spezialdebatte über die neue Geschäftsordnung, welche den größten Theil der gestrigen Sitzung in Anspruch nahm, wurde von einem der Wortführer der Antisemiten ein Antrag gestellt, welcher auf eine Wiederbelebung der im alten Gemeinderathe bestandenen Sektionen hinauslief. Mit Recht bemerkte GR. Frauenberger, daß die Verwirklichung dieses Antrages die Auflassung des Stadtrathes bedeuten würde. GR. Dr. Lederer, ein genauer Kenner der Zustände im alten Gemeinderathe, trat dem antisemitischen Vorschläge mit Entschiedenheit entgegen und betonte bezüglich des Vorschlages, derselbe fei solcher Art, daß man sich nicht wundern dürfe, wenn die Majorität rücksichtslos über diese Anregung der Opposition htnwegschreite. GR. Dr. Vogler beleuchtete die Vortheile, welche die Geschäftsführung des Stadtrathes für die städtische Administration gegenüber der ehemaligen Sektions¬ und Kommissionsberathungen biete. Der Referent Vizebürgermeister Dr. Bor sch ke verwies auf die Gefahren, welche der harmlos erscheinende Antrag berge. Die Majorität erwies sich für die antisemitischen Lockrufe wenig empfänglich und lehnte bei der Abstimmung den vorerwähnten Antrag ab. Schweiz. Aus der Schweiz. Das war einmal ein Wort zur rechten Zeit, die dringende Warnung, welche die Broschüre des Herrn Provinzial-Rabbiners Dr. zu Fulda über die Verfälschung der Butter enthielt, unmittelbar vor den „neun Tagen", in welchen jeder jüdische Haushalt mehr als sonst auf dieses unentbehrliche Nahrungsmittel angewiesen ist. Wer diese Schrift noch nicht gelesen hat, möge nicht versäumen, es sofort zu thun, damit ihr Inhalt recht verbreitet und überall da in seiner vollen Bedeutsamkeit gewürdigt werde, wo man sich über das Kaschrus des ganzen Hauswesens nicht leichten Sinnes einer Selbsttäuschung hingeben möchte. Es war zwar allgemein bis jetzt bekannt, daß mit der Butter grobe Fälschungen vorgenommen werden, welche sowohl das nntto des Hauses als auch die Gesundheit zu gefährden geeignet find. Aber daß diese Misere so allgemein ist, daß sie so ungeheuere Dimensionen angenommen hat, erfährt man erst aus den sorgfältigen, statistischen Nachweisen, die diese Schrift in so reichen Fällen enthält. In den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung scheint man keine Ahnung von der Größe der Gefahr zu haben, die hier das jüdische Hauswesen bedroht, und es wohl schon ergriffen hat. Es macht sich dieser Calamität gegenüber ein Schlendrian, eine kühle Sorglosigkeit geltend, die bei doch sonst gewissenhaften Jehudim geradezu unbegreiflich ist. Da kommt zuerst das große Contingent derer, die nicht sehen wollen, und ihrem Jndifferentismus gar ein konservatives Mäntelchen mit der Ausrede umhängen, Tirawa »jn ana nb, sie brauchten nicht frömmer zu sein, als ihre Eltern und Großeltern waren. Butter habe man immer ohne jedes religiöse Bedenken gekauft, und es sei doch überfromm, wenn man ein so unentbehrliches Nahrungsmittel heute verbieten wollte, das man sonst immer unbeanstandet genossen habe. Die Leute dieses Schlags sperren sich eben mit Gewalt gegen offenkundige Thatsachen und vor allem gegen dte Thatsache, daß die Verhältnisse seit einigen Jahrzehnten andere geworden sind, daß wir mitten in einer Calamität stehen, die zur Zeit unserer Vorfahren in der That nicht existirte, von der sie daher keine Ahnung haben konnten, sonst hätten sie sicher ihr Thun und Lassen danach eingerichtet. Wenn man diesen Leuten die trockenen Zahlen vorhält, aus denen unwiderleglich hervorgeht, daß der größte Theil dessen, was heutzutage als Butter verkauft wird, eine Mischung von wirklicher Butter und Thierfett ist, daß es thatsächltch gar nicht so viele Kühe gibt, als nöthig wäre, um das Fabrikat zu erzeugen, das als Butter verkauft wird, so schütteln sie im günstigen Falle ihren Kopf, sonst aber bleibt alles beim Alten. Andere, die etwas weniger schwerhörig sind, berufen sich auf ihren Geschmack, der doch sofort herausfinden müsse, wenn ihre Butter nicht rein und gar mit Thierfett vermischt wäre. Diese guten Leute vindiciren sich ein Unterscheidungsvermögen, das sich heute kein Chemiker von Fach zutraut. In der erwähnten Broschüre sind viele anerkannte zum Theil amtlich beglaubigte Fälle, aufgezählt, in welchen Leute von Fach nicht in der Lage waren, reine Butter von Mischbutter irgendwie zu unterscheiden. Ja, es ist sogar vielfach constatirt, daß die künstliche Butter die natürliche, an Frische des Aussehens und Geschmacks noch geradezu übertrifft. Die Chemie hat bis zu dieser Stunde noch nicht das Problem gelöst die Mischung natürlicher Butter mit Thierfett zu constattren, und jeder simplen