Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1891)
- Date
- 1891-08-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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nisse aus den Archiven vorliegen, indem die heilige Schrift unter anderen Gesetzesvorschriften sagt: „Du sollst nicht tobten" — und ihnen untersagt, bei der Öfterfeier etwas Todtes zu berühren — (demungeachtet) werfen sie ihnen fälschlicher Weise vor, daß sie bei jener Feier selbst das Herz eines getödteten Knaben unter sich theilen, glaubend, daß dies das Gesetz vorschreibe, da es doch offenbar dem Gesetz zuwider ist, und legen ihnen böswilliger Weise zur Last, wenn zufällig irgendwo ein Leichnam gefunden wird. Und deßhalb und aus anderen zahlreichen Vorwänden wüthen sie gegen dieselben, berauben sie ohne Anklage, ohne Geständniß, ohne Ueberführung, — gegen die Privilegien, welche ihnen vom apostolischen Stuhle mildest ertheilt sind, gegen Gott und Gerechtigkeit, aller ihrer Güter, und bedrücken sie durch Hunger, Kerker und mit so vieler und großer Pein und Bedrängniß, mißhandeln sie durch mannigfaltige Strafen und verurtheilen Zahlreiche unter ihnen zum schimpflichsten Tode, so daß die Juden, obwohl unter der Herrschaft der vorbesagten Fürsten, Edlen und Machthaber lebend, ein schlechteres Loos haben, als ihre Väter unter Pharao in Egypten, und gezwungen sind, von den Orten, an welchen sie und ihren Vorfahren seit unvordenklicher Zeit gewohnt haben, jammervoll auszuwandern. Deßhalb glaubten sie, ihre Ausrottung befürchtend, sich an die Fürsorge des heiligen Stuhles wenden zu müssen. Indem wir daher nicht wollen, daß die bevorsagten Juden unschuldig mißhandelt werden, deren Bekehrung der Herr in seiner Barmherzigkeit erwartet, indem nach dem Zeugnisse des Propheten die noch von ihnen vorhanden sind selig werden sollen, befehlen wir Eurer Brüderlichkeit durch dieses Apostolische Schreiben, insoweit Euch ihnen günstig und wohlwollend zu erweisen, daß Ihr dasjenige, was in Bezug auf oben Gesagtes gegen die Juden von vorerwähnten Prälaten, Edlen und Machthabern frevelhafter Weise vergangen worden, auf gesetzliche Weise wieder gut machet und nicht duldet, daß dieselben neuerdings aus diesen oder ähnlichen Gründen von irgend Jemand unschuldig belästigt oder bedrängt werden. Die Zuwiderhandelnden aber werdet Ihr durch kirchliche Censur, ohne Zulassung von Appellation, strafen. Gegeben zu Lyon, 5. Juli 1247. (Fr.Zt.) Dr. 0. S. Vermischtes. Hamburg, 3. August. Wie die „Köln. Ztg." meldet, traf ein großer Trupp russischer Juden aus den Ostseeprovinzen hier ein. Sämmtliche Logirhäuser sind überfüllt, die Zuzügler wurden theilweise in Schuppen untergebracht. Nachdem sie dort beköstigt waren, wurde die Mehrzahl sofort an Bord der Schiffe geführt. Nach der Versicherung der Auswanderer findet eine Handhabung der Maßregeln gegen die Juden in Rußland nicht statt. Feuilleton. Die Sehrvepkev»». Bon H. Berger (Nachdruck verboten; alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung auö Nr. 62.) Wieder hallte ein Seufzer durch die Luft. Flora sah sich abermals um und als sie nichts bemerkte, seuzte sie selbst und sprach: „Arme Mutter! Und zu wem ging sie?" „O. sie wähnte sich gut geborgen. Bet der Schauspielertruppe fand sie Unterkommen und Engagement und als ich sie am nächsten Tage aufsuchen und mit den Eltern versöhnen wollte, war sie mit der Truppe verschwunden. Erlasse es mir. Dir den Schmerz der Mutter, den Gram des Vaters zu schildern, die ihr geliebtes Kind auf solche Weise verlieren mußten. Obschon die Mutter dem Vater keinen Vorwurf über seine heftige That machte, litt er furchtbar. Nun erst merkte er, mit welcher Liebe er selbst an Fanny hing, und als Woche um Woche, Monat um Monat verging und keine Zeile von ihrer Hand die Eltern erreichte, da brach das Herz des Vaters. Was die Entfernung aus dem Elternhause nicht vermocht, das brachte Fanny's Stillschweigen zu Stande; mein Vater wurde immer stiller und nach einem Jahr trug man ihn zu Grabe." Eine Thräne perlte über die Wange der Dame und siel herab in das thaufrische Gras. „Auch meine Mutter lebte nicht mehr lange. Sie konnte ebenfalls den Verlust des Lieblingskindes nicht verschmerzen. Eines Morgens fanden wir sie todt in ihrem Bette. So war ich denn ganz allein in dem großen Hause, kein HeiH, an das ich mich anschließen, keine Seele, mit der ich mich verbinden konnte. Ich zog denn nach der nahen Stadt, mein ganzes Leben der Wohlthätigkeit widmend. Ich fand Befriedigung in meiner Thätigkeit, besonders auch deßhalb, da ich nach den Vorschriften unserer Weisen Mildthätigkeit übte, und da ich keinen Dank beanspruchte, überraschte mich auch kein Undank, der mir hie und da zu Theil wurde. Ich dachte immer, wir sind Alle Menschen, und Noth und Elend machen bitter. „Von Deiner Mutter hatte ich fast drei Jahre nichts gehört. Da trat sie eines Morgens unverhofft bei mir ein und trug ein Kind auf dem Arm, welches ungefähr drei Jahre alt sein mochte. Unsere Begrüßung war eine herzliche, innige. Lange hielten wir uns umschlungen. Aller Groll, der in meiner Brust gewohnt haben mochte, schwand bei ihrem Anblick, beim Anblick ihres Kindes. Während sich in jedem Zuge ihres noch jungen Gesich-