Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1891)
- Date
- 1891-08-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1204 tks Noth und Elend ausprägte, blickte mir aus den blauen Augen ihres Kindes ein Himmel voller Unschuld entgegen, und als sie mir von ihrem Wanderleben erzählte, von der Sorge und der Noth, die sie nie verlassen, von den bitteren Enttäuschungen, die sie erfahren, von dem sittlichen und moralischen Schmutz und Kampf, in dem sie ihr Leben verbringen mußte und weinend auf ihr Kind niedersah, befürchtend, daß dessen Reinheit und Unschuld schon so früh vergiftet werde, da bat ich sie, doch jenes Leben aufzugeben und bei mir zu bleiben und sich nur der Erziehung ihres Kindes zu widmen. Trübe lächelnd, sah sie mich an und sprach: „Ja, wenn ich noch könnte, wie ich wollte. Du. weißt es freilich nicht, daß man mit dem ersten Schritt vom Wege der Pflicht dem Bösen verfallen ist, daß sich ein Schritt an den anderen fügt und immer weiter wegführt vom geraden Wege. Eine Sünde schließt sich an die andere an; wenn Du in einem Augenblick der Neue und Einkehr in Dich selbst, Dich frei machen, wieder umkehren möchtest, so fühlst Du Dich unfähig dazu. Mit eisernen Banden bist Du gefesselt durch die Sünde an die Sünde und es gibt kein Entrinnen mehr, keines. Unsere Weisen haben gewußt, weßhalb sie einen Zaun um das Gesetz gemacht haben. Wage keiner diesen Schutzwall zu verletzen, denn unwiderruflich bröckelt alsdann ein L>tein nach dem andern ab, das Heiligthum verliert seinen Schutz und wird profanirt. Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären, sagt der Dichter, und er hat Recht. Ich habe cs an niir selbst erfahren." „Und was kann ich für Dich thun?" fragte ich unter Thränen. Mit glücklichem Lächeln blickte sie thränenden Auges mich an und sprach: „Ich danke Dir, liebe Schwester! Für mich kannst Du gar nichts thun, für mein Kind alles." „So überlasse mir Dein Kind zur Erziehung", erwiederte ich; „ich will es halten, als ob es mein eigenes wäre und es erziehen in dem Geiste, in dem unsere seligen Eltern uns erzogen haben." „Dank, tausend Dank", entgegnete sie, mich immer von Neuem küssend: „Du nimmst mir eine schwere Sorge vom Herzen, und Gott möge Dich die Freuden an meinem Kinde erleben lassen, die ich, obschon ich die Mutter bin, aus eigener Schuld entbehren muß." „Zwei Stunden blieb sie noch bei mir, dann ein wilder Abschied, und fort war meine Schwester, Deine Mutter. Seit der Zeit habe ich nichts wieder von ihr gehört." „Und Du weißt nicht, ob sie noch lebt, kannst mir nichts sagen von meinem Vater?" „Nein, Flora, was ich weiß, habe ich Dir ge- I sagt. Doch erwarte ich, wenn Deine Mutter noch ani Leben ist, in der nächsten Zeit sicher Nachricht von ihr; im andern Falle muß ich ein, bei einem Notar unserer Stadt deponirtes Papier erheben, welches Dir an Deinem neunzehnten Geburtstage übergeben werden soll. „Und nun laß uns noch ein Gebet verrichten und dann nach Hause fahren; es ist spät geworden und der Abend sendet seine Schatten schon zur Erde." Mit Hilfe ihrer Begleiterin erhob sich die Tante, und lehnte sich an den Grabstein 'und sprach mit lauter, vor Bewegung zitternder Stimme: „Gott, Vater der Barmherzigkeit; Du Ewiger, in dessen Hand die Schicksale der Menschen ruhen, ohne dessen Willen auch dem geringsten der Geschöpfe kein Leid geschieht, hier am Grabe meiner Eltern flehe ich Dich an, um Hilfe und iSchutz für meine arme, unglückliche Schwester. Verzeihe ihr die Schuld, die auf ihr ruht, daß sie Dein Gesetz verachtet, Deinen Weg verlassen. Sende ihr Deine Erleuchtung, Du Allerbarmer, daß sie zurückkehre zu den Lehren unseres heiligen Glaubens und in der Erfüllung der Gebote unserer Religion Befriedigung finde. Und ihr, theure Eltern, die ihr schon so lange unter der Erde schlafet, deren Seelen längst zu Dem gegangen, der in Ewigkeit über den Sternen thront, bittet vor seinem Throne für euer Kind, daß es den rechten Weg zurückfinde. Schauet hernieder aus jenen lichten Höhen auf uns, daß der Gedanke an euch und eure Frömmigkeit uns führe nnd leite im Dunkel unseres Erdeulebens, daß einst, wenn wir die müden Augen zur ewigen Ruhe schließen, unser Andenken gesegnet werde, unser Leben und Wirken ein segensreiches gewesen sei. O, Herr, nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes und erhöre das Flehen meines Herzens, denn Dein Erbarmen ist groß und Deine Treue unwandelbar. Amen! Amen!" (Forts, folgt.) cnsvw H 2 3 Ein frommer, unglücklicher Mann in der Bibel. J 2 3 Ein unzuverlässiger Mensch. JJ 2 3 Eine Speise, die verboten war. 2 2 3 Eine berühmte Stadt im Alterthnm. * 2 3 Biblische Bezeichnung für Fluß, fl 2 3 Ist aus dem Schisse nothwendig. Lehrer Mannheimer in Diersburg (Baden). Briefkasten der Redaktion. L. R. in Th. Wird demnächst im „Israelit" besprochen. Enthält int Allgemeinen wenig Neues. Briefkasten der Expedition. G. I. A. in St. Gallen. Eine derartige Stelle ist uns nicht bekannt. Sie erreichen Ihren Zweck am Besten, wenn Sie in unserem Blatte annouciren. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.