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Der Israelit · 1891-08-13 · Heft 64 (13.8.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 64 (13.8.1891)
Date
1891-08-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1202 auf dieser äußersten Stufe der Entartung nun angelangt ist. Dann wird jeder, der nicht als Thor verachtet werden will, sich von Gesetz und Sitte dispensiren. Dann ist Ehrlichkeit in Wort und That, Thorheit, Rechtschaffenheit und Lauterkeit des Charakters eine unbegreifliche Schwäche. Das Vertrauen unter den Menschen ist aber dann geschwunden und die ruio« ton riskirten, wenn ihr Vorhandensein überhaupt denkbar wäre, in eine Heilanstalt gewiesen zu werden. Das ist aber die vollständige Anarchie, die mit der Entweihung des Sabbats begann, sich bis zum Schwinden allen Vertrauens steigerte und naturgemäß mit einer vollständigen Selbstauflösung hätte endigen müssen, wenn es Gottes Gnade nicht durch gewaltsame Zerstörung von Staat und Tempel gehindert hätte. — Wäre diese Auflösung wirklich erfolgt, so wäre eine Wiedererhebung für alle Zeit ausgeschlossen gewesen. Eine lehrreiche Parallele aus dem europäischen Staatenleben bildet das Schicksal der Republik Venedig und der Schweizerischen Eidgenossenschaft. — Die erstcre ging an Altersschwäche unter und ist trotz ihrer hohen einstigen Blüthe niemals wieder erstanden. Die letztere unterlag, als sic ihren freiheitlichen Prinzipien am Anfänge dieses Jahrhunderts so untreu wurde, daß ihre Existenz nur eine Frage absehbarer Zeit war, der größten Macht der damaligen Zeit, den französischen Waffen, und büßte für eine gewisse ZM ihre Existenz vollständig ein. Dieser Zusammensturz hat aber das Land zur Besinnung gebracht, was bei einer Selbstauflösung undenkbar wäre, und es steht heute anerkannt und geachtet, im Nathe der Staaten und Völker da. So feiert die Weisheit unserer Weisen, den Zusammenbruch Zions und Jerusalems geradezu als eine Wohlthat, die uns Gott erwiesen, weil sie der Selbstvernichtung, der Entnervung und dem Siechthum vorbeugten, dem sonst Israel zukunftslos verfallen wäre. syiDN lautet in diesem Geist das Gotteswort: „Sammeln, vollständig sammeln will ich sie. Wenn keine Trauben am Weinstock, keine Feigen am Feigenbaum mehr sind, so ist auch das Blatt welk." (Jeremias) — Sammlung ist das letzte Ziel der Zerstreuung. Wer den Weinstock, wer den Feigenbaum seiner Frucht beraubt sieht, wird durch die zurückgebliebenen welken Blätter, über das Schicksal belehrt, dem auch die Frucht verfallen wäre, wenn man sie nicht rechtzeitig gepflückt hätte. Wenn die Traube nun gekeltert, die Feige zu Ballen getreten wird und so ihren Zweck 'erreicht, so sind sie eben das treue Bild Israels, das seinem Boden entrissen, gedrückt und getreten, die Bestimmung erreicht, für die sein Vater es ausersehen. (Schluß folgt.) Zeituugsnachrrchten urrd (Korrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. In Johann Friedrich Böhmer's „Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt" ist auf Seite 232 ein Aktenstück abgedruckt, welches nicht nur seines hohen Alters wegen (es datirt vom 5. Juli 1247), sondern auch wegen seines leider heute noch nicht gegenstandslos gewordenen Inhaltes von großem Interesse ist. Es ist die Bulle des Papstes Jnuocenz IV., durch welche derselbe die Verfolgung der Juden verurtheilt und insbesondere das theils aus krassem Aberglauben, theils aus eigennütziger Bosheit immer und selbst in jüngster Zeit wieder aufgewärmte Märchen widerlegt, daß die Juden aus religiösen Gründen Christenkindcr ermordeten. Der Erlaß des Papstes macht in seiner einfachen, die begangenen Gräuel in ergreifender Weise schildernden Sprache und durch die Humanität, welche sich in ihm kundgibt, einen tiefen Eindruck und ruft beschämende Betrachtungen hervor, daß nach so viel Jahrhunderten das Licht der Aufklärung noch nicht überall Herr geworden ist über die Nacht der Thorheit und der Niedertracht. Der Schreiber Dieses glaubt daher, durch möglichst wortgetreue Uebersetzung dieser päpstlichen Bulle und deren Veröffentlichung Manchem einen Dienst zu erweisen, und fügt noch folgende Bemerkungen in Bezug auf dieselbe bei. Das im hiesigen Stadtarchiv ansbewahrte Aktenstück, welches Böhmer zum Abdruck gebracht hat, ist keine Originalausfertigung der Bulle, sondern eine durch „Schultheiß, Schöffen, Rathmannen und die übrigen Bürger" von Frankfurt am 26. Juni 1287 beglaubigte Abschrift der Bulle, mit welcher der Nachfolger Jnuocenz des IV. — Gregor X. (1271—76) — des Ersteren Erlaß bestätigt und erneuert hat. Aber auch diese Abschrift war nicht von dem Original, sondern von einer, von dem gelehrten Provinzial des Dominikanerordens zu Köln, Xlbertu« magnus beglaubigten Abschrift gefertigt. Die Bulle Jnuocenz IV. ist datirt von Lyon, wo sich dieser Papst aushielt, nachdem Kaiser Friedrich II. den Kirchenstaat besetzt hatte. Ihr Wortlaut ist folgender: „Jnnocenzius, Bischof, Knecht der Knechte Gottes. Den ehrwürdigen Brüdern, den in Deutschland eingesetzten Erzbischöfen und Bischöfen, Heil und apostolischen Segen. Wir haben die jammervollen Klagen der Juden Deutschlands darüber empfangen, daß viele geistliche und weltlichen Fürsten und andere Edle und Machthaber in Euren Städten und Diöcescn, um ihre Güter ungerechter Weise zu rauben und an sich zu bringen, ruchlose Anschläge gegen sie erdenken und mannigfaltige und verschiedene Vorwände erdichten, unklug außer Acht lassend, daß gleichwohl (in dieser Sache) für den christlichen Glauben Zeug-

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