Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-08-13 · Heft 64 (13.8.1891) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 64 (13.8.1891)
Date
1891-08-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448182--32612-2480466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXX11. Jahrgang, _ Erste Beilage,»M 64 »es „Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel. Das Lied im Leid. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). (Schluß.) Wenn in Jerusalem der Sabbat entweiht wurde, so war sein Verfall unaufhaltbar, auch wenn keine äußere, feindliche Macht es zerstörte. Der Verächter des Sabbats glaubt ohne und gegen Gott die eigene Wohlfahrt gründen und erhalten zu können. Der Segen, den Gott an den Sabbat und seine Heilighaltung knüpfte, glaubt er durch rücksichtslose Ausbeutung der von Gott zur Ruhe bestimmten Tage sicherer und rascher erreichen zu können, und geht an diesem Wahn zu Grunde. Jede Sabbatentweihung ist daher eine mittelbare Leugnung Gottes, bei welcher der Leugner jedoch selten stehen bleibt. Die nächste Consequenz ist die unmittelbare Leugnung Gottes, durch Unterlassung von Mizwas Krias Schema. Dieses Bekenntniß: nnx 'i 's 'i ym, mit dem das jüdische Kind zu sprechen beginnt, und mit dem der Jude im letzten Athemzuge die Seele aushaucht, das er sich daher täglich früh und spät zum Bewußtsein bringt, dieses Bekenntniß rang sich nicht mehr über die Lippen des Gottesvolkes in der Gottesstadt. Was sollte ein solches noch bedeuten, das in so offenkundiger Weise, durch seine Reden und durch sein Schweigen bekundete, daß es den Zweck seines Daseins verkannt und verleugnet? Es wäre nun denkbar gewesen, daß man den Gedanken an den Sabbat und seinen Stifter wohl aus dem Leben gestrichen hätte, weil diese Wahrheiten auf der Jagd nach Erwerb und Genuß allzu störend waren, ohne sie aber den Kindern vorzuenthalten, damit diese einst die Jrrthümer ihrer Eltern sühnen könnten. Aber man hob auch den Jugendunterricht auf und .'glaubte so den Kindern einst die Skrupel zu ersparen, welche die Eltern wohl noch hie und da in ihrer Gemüthsruhe stören mochten. Diese Skrupel verloren sich immer mebr, durch die Entfremdung der Jugend von ihrem jüdischen Beruf. Wenn sich das Leben der Eltern in gottentfremdeten Bahnen bewegt, wenn aber die Kinder wenigstens zu einem jüdischen Leben angeleitet werden, so ist auch für die Eltern die Hoffnung auf eine Wendung und vollständige Rückkehr zum Besseren niemals ausgeschlossen. Wie die kleinen Holzstücke die großen entzünden, so gibt es keine beredteren Mahner und Dränger für die Großen als die Kleinen. Es schämt sich der Vater, es schämt sich die Mutter dem Ideale nicht zu entsprechen, wie es in dem kindlichen Herzen lebt und sich rückhaltlos in fragendes Staunen kleidet, wo es einen Widerspruch zwischen Leben und Lehre gewahrt. Als es aber keine Jugend mehr gab, welche durch Lehre und Gewöhnung für das jüdische Pflichtenleben begeistert war, hatten sich die Großen nicht mehr zu schämen, und die Entweihung des Sabbats, die Nichterkennung Gottes und die Vernachlässigung der Jugend hatten die S ch a m l o s i g k e i t zur nothwendtgen Folge. Die Großen unter sich hatten sich längst nichts mehr zu schämen, jetzt waren die Kleinen auch auf diesem Niveau angelangt, das sich überall als Gleichmacherei charaktertsirte. Die relative Wahrheit, daß von Geburt, Stand Beruf alle Menschen gleich sind, wurde mißbräuchlich dahin erweitert, daß Niemand durch Adel des Geistes und des Herzens, durch Rechtschaffenheit des Charakters, durch Biederkeit und Lauterkeit des ganzen Lebenswandels, höher stehen solle, als jeder Alltagsmensch, dem alle diese Vorzüge abgehen. Es ist dies der Wahn, den die beißende Ironie unserer Weisen am ausgebildetsten in Sodom durch die zwei Prokrustesbetten veranschaulicht, in welchen sogar die körperliche Länge durch Gleichmacherei nach einem allgemeinen Normalmaß geaicht wurde. Werden aber erst alle Menschen wirklich nach dieser Schablone gleich gemacht, gleich geachtet, dann ist niemand besser und niemand schlechter als der andere, dann wäre es Vermessenheit, wenn einer den anderen belehren, ermahnen oder gar zurechtweisen wollte, dann hat jede Zurechtweisung aufgehört, und eine solche Gesammthett eilt unrettbar dem Untergang entgegen, weil kein Besonnener mehr auf das Verderben aufmerksam machen darf, dem da ein ganzes Gemeinwesen mit vollen Segeln entgegensteuert. In einer solchen Zeit muß die Vertretung, muß die bloße Kenntniß des Besseren, als überspannte Thorhett verlacht, muß vor allen der Thoragelehrte verachtet werden. Die Geringschätzung des Sittengesetzes wie es in der Thora niedergelegt ist, kann sich sonst nur negativ durch Nichtbefolgung äußern, aber in der geringschätzigen Verachtung des Kenners und Hüters der Thora kann dieselbe so recht ostentativ zum Ausdruck gelangen. Ist es aber erst so weit gekommen, daß Gesetz und Sitte wirklich ihren Kenner und Pfleger der Verachtung überweisen, dann ist der letzte Schritt zur Auflösung eines Gemeinwesens geschehen, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.