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Der Israelit · 1891-08-13 · Heft 64 (13.8.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 64 (13.8.1891)
Date
1891-08-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1199 Es raschelte in ihrer Nähe, als würde ein schwerer Gegenstand durch das hohe Gras geschleppt. Hastig riß sie die Rosen aus dem Haar und wandte sich um. Ein alter Mann, der die den Klosterfrauen zu beschwerliche Arbeit zu verrichten Pflegte, schleppte eine hohe Leiter daher. — Sorel hatte ihn schon öfters so gesehen, wenn er die Leiter gegen die höhern Bäume lehnend, dieselben pfropfte oder sie von Raupenncstern säuberte. Doch was wollte er heute mit feiner Leiter? Er schleppte dieselbe zur Klostermauer hin, dort, wo die Mauer mit der Kapelle einen Winkel bildete, lehnte sie dann gegen die Mauer, stieg hinauf und gelangte so auf das Dach der Kapelle. Was er dort zu thun hatte? — Sorel wußte cs nicht. Plötzlich überkam sie ein Gedanke, der ihr das Blut siedend heiß durch die Adern trieb und ihre. Wangen dunkel glühend färbte. Wenn die Leiter dort stehen bleiben würde, wie leicht könnte sie im Laufe der Nacht hinaufschleichen und sich an einem langen Strick, den sie an der obersten Sprosse befestigen müßte, auf der andern Seite der Mauer hinunterlassen. Und dann wäre sie frei gewesen — frei! — die ganze Welt hätte offen vor ihr gelegen. — Wie das Herz ihr pochte bei diesem Gedanken. — Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust. Während sie noch sinnend dastand, war ein Gewitter ausgebrochen. Kaum hatte sie die Halle erreicht, als der Regen bereits in Strömen niederfloß und der Donner immer lauter wurde und hell leuchtende Blitze im feurigen Zickzack zur Erde fuhren. Das außergewöhnlich schwere Gewitter dauerte bis zur heranbrechenden Nacht, und da Sorel ermüdet schien, wurde sie von Schwester Agatha aufgefordcrt, früher zu Bett zu gehen, welchem Befehle sie gerne nachkam. Aus einer anstoßenden Kammer holte sie sich einen langen, starken Strick und legte sich angekleidet ans ihr Bett. Nach einigen Stunden, als Alles im Kloster schlief, trat sie rasch entschlossen, ohne ihr Vorhaben weiter zu überlegen, zum Fenster, öffnete dasselbe geräuschlos und schwang sie sich mit Leichtigkeit hinaus in den Garten. Einen Moment blieb sie lauschend stehen, sie wußte es selbst nicht, ob ihr Sprung Geräusch verursacht hatte, oder nicht. — Aber im Kloster blieb alles still, vcrmuthlich hatte Niemand das leichte Rascheln in dem feuchten Grase gehört. — Sorel glaubte sich sicher, und hastigen Schrittes eilte sie nun geraden Weges über die Gemüse- und die Blumenbeete dahin auf die Gartenmauer zu, wo in Wirklichkeit die hohe Leiter noch lehnte. Mit der Gewandtheit eines Eichkätzchens eilte das junge Mädchen hinauf und hatte in wenigen Sekunden die oberste Sprosse der Leiter erreicht. — Hier hielt sie an, zog den Strick durch die beiden obersten Sprossen, warf die beiden Enden desselben über die Mauer, und ließ sich dann, vorsichtig mit den beiden Enden an dem doppelten Strick sich haltend, rasch zur Erde gleiten. Und nun war sie draußen, nun lag das Kloster mit seinen finsteren Mauern hinter ihr. Sie war frei! — frei! Die Hände schmerzten sic heftig, dennoch unterdrückte sie nur mit Mühe einen Freudenschrei, und ohne zu überlegen, wohin, rannte sie davon. Der Mond schien hell, sie konnte alle Gegenstände um sich deutlich erkennen, nach wenigen Minuten hatte sie einen ziemlich breiten Bach erreicht, über den ein breiter Steg hinüberführte. Dem Impuls des Augenblicks nachgebend, entledigte sie sich hier ihres Oberkleides und warf es auf eine der Weiden, die sich über das Wasser neigten, dann lief sic hinüber und nun unaufhaltsam weiter. Wohin sic wollte, das wußte sie selbst nicht, planlos rannte sie dahin, sie wollte nur fort, möglichst weit fort voll dem Kloster. Länger als eine Stunde war sie gelaufen, ohne anzuhaltcn und ohne sonderlich um sich zu blicken; im Osten begann cs zu tagen. Sie fühlte jetzt doch ihre Kräfte ermatten, sie nnlßte inuehalten im Laufen und sogar einige Minuten rasten, sie hatte ihren jugendfrischen Kräften doch allzuviel zugetrant. Gegen einen Baumstamm gelehnt, blickte sie um sich, um sich zu orientiren. — Es war bereits vollständig Tag geworden. Sie befand sich auf der Fahrstraße, die sich bis zum nächsten Städtchen hinzog — wenigstens vermnthete sie, cs müsse dort eine Stadt sein, denn sie erblickte eine Anzahl Häuser. Bis zu den Häusern mochte es noch gegen zehn Minuten sein, doch in ihrer unmittelbaren Nähe erblickte sie einen weiten, eingefriedeten Raum, auf dem viele einzelne Steine aufgerichtet standen. Verwundert schaute sie dorthin, was war das für ein seltsames Feld? — Doch je länger sie hmschaute, desto bekannter kam es ihr vor — sie hatte schon Aehnliches gesehen — aber wo? — wo? — Richtig! jetzt wußte sie's. Das war ohne Zweifel ein jüdischer Friedhof — wenigstens in ihrem Heimathdorfe hatte der jüdische Friedhof genau dasselbe Aussehen. Sie jubelte laut auf, jetzt wußte sie sich nahe zu Glaubensgenossen, jetzt glaubte sie sich geborgen.

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