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Der Israelit · 1891-08-10 · Heft 63 (10.8.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 63 (10.8.1891)
Date
1891-08-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1186 Glaubensbekenntnisse trennt. Daß aber, sobald diese weise Mäßigung außer Augen gelassen wird, sich selbst in einzelnen Individuen einer so toleranten Nation, als die Holländer sind, ein Gefühl geltend macht, das dem Antisemitismus sehr ähnelt, beweisen die Vorgänge der letzten Monate. Den Anfang machte die Kolonie Surinam, woselbst der größte Theil der europäischen Bevölkerung der semitischen Glaubenslehre huldigt. Die Reibungen zwischen dem protestantischen Gouverneur Lohmann und dem zum größten Theil aus Israeliten bestehenden Parlament, den Kolonialstaaten, sind bekannt. Die Presse, besorgt von dem Umsichgreifen einer antisemitischen Bewegung, setzte, geleitet durch ein Organ der vorerwähnten Kolonialstaaten, ohne eine Vertheidigung des Gouverneurs abzuwarten, die Entlassung desselben durch und beschwor dadurch selbst das Gespenst heraus, das sie zu bannen vermeint hatte. Gouverneur Lohmann ist zurückgekommen und man wird nun wohl nicht mehr lange aus öffentliche Auslassungen desselben zu warten haben. Im Mutterland ist's der stille Streit zwischen zwei politischen Strebern, der wohl dazu angethan sein dürfte, die glimmende Gluth anzufachen. Der radikale Jonkheer (Freiherr) Henri Tindel, der holländische Boulanger, ist's, der gegen das Bollwerk der liberalen Partei, den bekannten Finanzmann A. C. Wertheim, zu Felde zieht. Auch hier ist's die leidige Politik, vermengt mit beleidigtem Stolz des Geburtsaristokraten gegenüber dem Repräsentanten des Geldadels, welche die KuHel ins Rollen bringt. Viel, viel Vorsicht und sehr viel Mäßigung mutz gebraucht werde, um in diesen Kreisen ein Umsichgreifen der Bewegung zu hemmen." Alls Baden wird der „Volkszeitung" geschrieben: Am 2. d. M. tagte in Baden-Baden der engere Ausschuß der badischen Nationalliberalen, um einen Wahlaufruf festzustellen und in Mülheim tagten die oberrheinischen Antisemiten-, um ihr Vorgehen bei der badischen Landtagswahl zu berathen und überhaupt einen weiteren Agitationsplan aufzustellen. Was das Ergebniß der ersteren Tagung anlangt, so wird demnächst der Welt verkündet werden, wie man die „Feinde ringsum" bekämpfen will, denn ohne „Feinde" geht es nun einmal bei den an die „Reichsfeinde" gewöhnten Nationalliberalen nicht. Die Antisemiten werden nicht lange auf sich warten lassen und zeigen, was in Mülheim berathen und beschlossen ist. Die Herren glauben jetzt Oberwasser zu haben durch den in Offenburg kürzlich verhandelten Wucher- und Vetrugsprozeß und durch andere Vorkommnisse, von denen in der gesammten Presse des Landes besonders stark betont wurde, daß jüdische Händler Kunstwollfabrikate unter solchen Vorspiegelungen für gute Waare — wenn auch zu sehr erheblich billigerem Preis — verkauften. Es versteht sich von selbst, daß solche Manipulationen öffentlich gerügt werden und vor Betrügern gewarnt wird; cs versteht sich noch mehr von selbst, daß solches Treiben, wie es der Offenburger Prozeß enthüllte, exemplarisch bestraft wird; aber es ist ein Beweis für die Stimmung in unserer nationallibcralen Presse und thetlweise unseren Amtsverkündigern , wenn für solche Vorkommnisse, bei welchen Juden zu bestrafen waren, oder sind, die Gesammtheit der Juden immer und immer wieder verantwortlich gemacht wird und die gelindeste Form dabei die ist, daß man den Juden empfiehlt, die schlechten Glaubensgenossen zu bessern. Das Bessern ist Sache der ganzen Gesellschaft, des Staates; die Vorkommnisse beweisen nicht minder die Dummheit, die Leichtgläubigkeit und die Unbeholfenheit der Betrogenen, als die Schlechtigkeit der Betrüger. Man hält es kaum für möglich, daß die plumpen Mannöver der Betrüger gelingen konnten. Allen Blättern voran war im Antisemitismus dieser Art, wie er bei solchen Gelegenheiten sich kund giebt, die „Straßburger Post", die als Ablagerungsort für badische nationalliberale Federn zu dienen pflegt. Diesem Blatte entnehmen dann viele badische Blätter den entsprechenden Artikel. Einzelnen war er allerdings zu stark und sie unterdrückten mit bezüglichen Bemerkungen die schlimmen Stellen. Es ist aber trotz der vielen Unterschriften, die der Aufruf zur Abwehr gegen den Antisemitismus aus Baden trug, unserer Presse jede Gelegenheit recht, ein wenig Antisemitismus anzubringen, so daß man selbst in einem durch alle Zeitungen des Landes die Runde machenden Bericht über eine die Sonntagsruhe in kaufmännischen Geschäften beratende Versammlung in Karlsruhe sagen mußte: „Von 500 Anwesenden stimmte nur eine „israelitische Firma" gegen den Vorschlag, sowie: „von anderer „israelitischer" Seite wurde geltend gemacht, daß zu viel freier Sonntag auch die Moralität der jungen Kaufleute schädige und daß darauf erwidert wurde, ob man solche Erfahrungen etwa bei den am Sonnabend feiernden israelitischen jungen Kaufleuten gemacht habe." — Warum inimer und immer, selbst wenn es unter Hunderten sich nur um eine israelitische Firma handelt, das Hervorkehren der Konfession? Wenn, wie voraussichtlich, durch dieses Gebühren noch mehr Juden dem freisinnigen Kandidaten bei der Landtagswahl ihre Stimmen geben, dann wird auch die nationalliberale Presse im nächsten Winter glücklich bei dem Standpuukt angelangt sein, daß sie freisinnig und jüdisch als identisch bezeichnet. Der Antisemitismus wird vorerst in Baden eine politische Rolle nicht spielen, wenn sich aber die herrschende Partei und ihre Presse nur ein wenig vervollkommnet in der bereits eingeschlagenen Richtung, dann wird man in Baden Achnltches erleben, wie in Hessen. Mögen es die Führer, die Einfluß auf die Presse haben, nicht machen wie der Vogel Strauß, denn ihnen wird man es mit Recht an die Rockschöße hängen müssen, wenn es im liberalen Baden antisemitische Reichstagskandidaturen geben wird. □ Nürnberg, 4. August. Sr. Kgl. Hoheit der Prinz-Regent haben Allergnüdigst genehmigt,

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