Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1891)
- Date
- 1891-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448181--32595-2480448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXX11. Jahrgang. KeUilge i« M 63 d-r „Israelit & Ieschurun" Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutsch! and. Vom Rhein. Die „deutschsozialen Blätter" brachten die Mittheilung, nach welcher die preußische Regierung zu Münster die Verfügung erlassen habe, daß es jüdischen Lehrern untersagt sei, Unterricht im Deutschen und in der Geschichte zu ertheilen. In Nr. 28 der „Allgem. deutschen Lehrerzeitung" wird nun diese Mittheilung als eine der thatsächlichen Unterlage entbehrende bezeichnet und ist in jüdischen Lehrerkreisen und der betreffenden Regierungsbehörde selbst von einer solchen Verfügung nichts bekannt. Berlin, 6. August. Wir sind zwar gewohnt von allen möglichen Antisemiten - Blättern fortwährend allerhand Schmeicheleien gesagt zu bekommen und regen uns darob nicht auf; bringt das Leben doch so mancherlei Unannehmlichkeiten mit, die mit Geduld ertragen werden müssen. Wenn man aber liest, mit welch' heißem Fanatismus, welch' blindschnaubender Wuth das Stöckerblatt „Volk" Alles mit seinem Geifer bespritzt, was Juden und Judenthum betrifft, so könnte man, selbst mit der Geduld eines Htllcl begabt, außer Fassung gerathen. Unwillkürlich erinnert man sich bei der Lektüre dieses Wisches, das die Kühnheit besitzt, das Motto: „Mit Gott für Kaiser und Reich" an seine Stirn zu schreiben, an die Gepflogenheit jenes russischen, wollte sagen, römischen Kaisers, der den einen Tag einen Juden hinrichten ließ, weil er ihn gegrüßt, den andern Tag dagegen einen solchen zum Tod verurtheilte, da er sich an dem Tyrannen vorbeischlich, ohne ihm seinen Gruß zu entbieten. Selbst die armen vertriebenen, halb zu Tode gehetzten russischen Juden kann das edle Blättchen nicht unangefochten durch das Land eilen lassen, es muß ihnen seine Fußtritte versetzen. Es schreibt über , diesen Gegenstand: Im höchsten Maße auffällig ist es, daß von Seiten der deutschen Behörden dem Augenschein nach nichts geschieht, um eine Niederlassung der in Fluß gekommenen russischen Judenschaaren in Deutschland zu verhindern. Sogar Oesterreich hat sich zu solchen Maßregeln aufgeschwungen; Rumänien läßt die Grenze nach Rußland scharf bewachen; England und Nordamerika bemühen sich, die Leute von ihren Küsten fernzuhalten. Aber Deutschland thut nichts. Es ist klar, daß eine größere Anzahl hier hängen bleibt; die amerikanischen Behörden zwingen die Dampfergesellschaften sogar, die aufzunehmendcn Fahrgäste solcher Art nach ihren Unterhaltungsmitteln zu befragen und sich einen Nachweis von solchen zu beschaffen. Es hat sich eine förmliche Industrie gebildet, welche mit der Judenwanderung zusammenhängt. Juden verhandeln mit den Dampfergesellschaften, um billige Fahrpreise zu erzielen und nachdem man sich über ' diese Fahrpreise geeinigt hat, fragt der Unterhändler: Wie viel Provision fällt für mich ab? Geschäft überall. Biele haben nämlich Geld; fast alle haben entsetzlich viel — Ungeziefer. Es ist uns in Rücksicht auf das Strafgesetzbuch nicht möglich unseren Empfindungen Ausdruck zu geben, daß die deutschen Behörden die Tausende von russischen Juden, welche durch Deutschland wandern, sich selbst überläßt; diese Schaaren müßten genau so bewacht und befördert werden, wie die Zigeunerbanden; sie sind viel gefährlicher, als dieser verhältnißmäßig harmlose DiebSgesindel. Auch uns ist es nicht möglich, unseren Empfindungen beim Lesen solcher Gemeinheiten Ausdruck zu geben; es schaudert uns, wenn wir in diesen Pfuhl von Schmutz blicken. Köln, 4. August. Ueber das Thema „Holland und der Antisemitismus" findet sich in der „Rhein.- Westfäl. Ztg." eine bemerkenswerte Auslaffung. Der Artikel, um den es sich handelt, betrifft den Streit zwischen dem niederländischen Gouverneur in Surinam und dem dortigen Parlament. Nach einer Einleitung über die in Holland heimische Toleranz und das Fernhalten religiöser Streitigkeiten aus den Tagesblättern heißt es weiter: „Dieses taktvolle Verhalten der Vertreterin der öffentlichen Meinung, im Verband mit der Toleranz der einzelnen Individuen gegen Andersgläubige hat es auch ermöglicht, daß die Niederlande bis Dato von der großen Strömung verschont geblieben sind, die andere Länder gewaltsam überfluthet hat — vom Antisemitismus. Wer die sozialen Zustände, namentlich in den größten holländischen Städten, kennt, mutz sich über diese merkwürdige Erscheinung wundern. Gehört doch beispielsweise in Amsterdam mehr als ein Zehntel der Bevölkerung der jüdischen Glaubenslehre an und nimmt ein Theil derselben eine gesellschaftliche Stellung ein, die wohl geeignet ist, die Mißgunst weniger bevorrechteter Andersgläubiger zu erwecken. Wichtige lukrative Geschäftszweige, wie Diamantfabrikation, Diamanthandel im Großen sowohl, als der gesammtr sogenannte fliegende Kleinhandel sind in ihren Händen,?auf der Börse herrschen sie unumschränkt, und trotzdem stört nicht der geringste Mißklang die gefällige Harmonie unter den großen Mafien. Dies liegt neben den vorerwähnten Gründen noch einestheils an der löblichen Gewohnheit der Bekenner des mosaischen Glaubens, sich der wahrhaft puritanischen Einfachheit der verschiedensten Bolksklassen, in welchen sie leben, anzupassen, anderntheils an dem wahrhaft erhebenden Patriotismus, der rührenden Anhänglichkeit an das Herrscherhaus, das einstens den armen Verstoßenen Unterschlupf und Schutz gewährte, als die große Welt für sie zu klein war. Nirgends begegnet man hier einem brutalen Prunken, einer auffälligen Schaustellung des mühsam oder leicht Erworbenen, wodurch anderweitig ja häufig in leicht empfänglichen Gemüthern der Keim zu einer Stimmung gelegt wird, die sie dem Antisemitismus in die Arme treibt. Man findet aber auch nicht die Sucht, im Gefühle einer finanziellen Machtstellung, sich als geschloffene Partei, sei es für oder gegen die Regierung, in den politischen Vordergrund zu drängen oder sich individuell zu überheben. Dieses richtige Maßhalten, die Vermeidung jeglicher Exlusivität, hat jene Kluft überbrückt, die im gesellschaftlichen Leben benachbarter Länder die Vertreter der verschiedenen