Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1891)
- Date
- 1891-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448181--32594-2480447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1184 Mädchen nie wieder über ihre Wünsche und Hoffnungen sprach, entsagt hatte sie denselben jedoch durchaus nicht. Schwester Agatha, die Organistin des Klosters, hatte Sorel auf deren Wunsch die Orgel spielen gelehrt, und Sorel hatte es auch darin zu einer nicht gewöhnlichen Fertigkeit gebracht; so oft sie es wünschte, war es ihr daher gestattet, die Klosterschweftern bei deren frommen Gesängen auf der Orgel zu begleiten, und nie träumte sie herrlicher, als bei den dahinrauschenden mächtigen Klängen des Kircheninstrumentes. Dann sah sie sich im Geiste an der Seite ihres Bruders dahinziehen in das prächtige Land, wo alle Herrlichkeiten ihrer harrten, bald ritt sie auf einem Kameel, wie die Mutter ihr erzählt hatte, daß Riwkah einst geritten war, bald sah sie sich auf einem weißen Zelter, wie sie jene Gräfin gesehen hatte, an dem letzten Tage, den sie außerhalb des Klosters verbracht, sie sah sich, wie jene, zwischen zwei Cavallieren dahinjagen, und das Herz pochte ihr überlaut in ahnungsvollem Hoffen. Nie rauschten ihre Töne in solch' vollendeter Harmonie dahin, als unter solchen Träumen. Und wenn die frommen Schwestern sie dann lobten ob ihres herrlichen Spieles und die Vermuthung aussprachen, daß sie dabei nur gottgefällige Gedanken gehabt haben könne, dann lachte die Schlaue still in sich hinein und schlug, wie in übergroßer Bescheidenheit, lächelnd die Augen nieder. Doch so freundlich sich ihr gegenüber sämmtliche Insassen des Klosters zeigten, so unerträglich wurde ihr mit der Zeit der Aufenthalt in demselben. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt und von geradezu wunderbarer Schönheit und wußte, daß sie schön war, obgleich es innerhalb der Kloftermauern keinen Spiegel gab. Aber wenn sie, was sie so gern that, über den klaren Vach, der durch den Klostergarten sich schlängelte, sich beugend, hinetnschaute, dann lachte ihr ein so wunderliebliches Mädchenantlitz entgegen, wie sie Aehnliches nie gesehen hatte. Sie lachte und nickte ihrem Spiegelbilde im Bache zu und konnte, wenn sie sich allein wußte, Stunden so vertändeln. Und so viel Schönheit, so viel Jugendfrische, so viel Lebenslust sollte innerhalb der düsteren Klostermaueen verweilen? — Lange genug hatte sie ihr Dasein hier vertrauert, länger erschien es ihr unmöglich. Doch was beginnen? — wie ihren liebevollen Beschützerinnen und den verhaßten Mauern entkommen? — und wohin sich dann wenden? — Die letzte Frage machte ihr allerdings nicht die geringste Sorge, denn daß sie, sobald es ihr gelungen sein würde, dem Kloster zu entfliehen, ihren Bruder, an den sie in dieser langen Zeit nie vergessen hatte, aufsuchen wollte, das galt ihr selbstverständlich. Wie sie denselben werde finden können, darüber hatte sie allerdings noch nicht siiachgedacht, aber sie meinte, wenn sie nur das Kloster hinter sich haben würde, das Uebrige würde sich dann schon finden. Aber wie dem Kloster entfliehen? Das Fenster ihrer Zelle war zwar nicht vergittert, wie die Fenster derjenigen Zellen, die auf die Landstraße hinführten, denn ihre Zelle lag zum Garten hin, und hätte sie demnach ihre Zelle sehr leicht während der Nacht unbemerkt verlassen können. Aber der Garten war von einer hohen Mauer umgeben, die ihr unübersteigbar erschien; was hatte sie demnach gewonnen, wenn sie auch unbemerkt in den Garten gelangen konnte? Sie sann und sann, wie es ihr trotzdem gelingen könne, zu entfliehen, aber kein rettender Gedanke stellte sich ein. (Fortsetzung folgt.) »JSraelit* und „Jrschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig ober vierteljährig. Me Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel bestehen bei E. F. Kleinacker, Leipzig, Dohpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzufenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Das Lied im Leid. Bon Bez.-Rabb. Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Darmstadt. Worms. Berlin. Osnabrück. Eisenach. Fürth. — Oesterr.- Ungar. Monarchie: Aus Ungarn. Lemberg. — Rußland: Moskau. — England: London. — Indien: Kalkutta. —> Vermischtes. — Feuilleton: Sabbatai Zewi. Historische Erzählung von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Vorn Rhein. Berlin. Köln. Aus Baden. Nürnberg. — Rußland: Petersburg. — Amerika: Washington. — Vermischtes. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschnrun", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirt h'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hieran eine Berlage.