Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1891)
- Date
- 1891-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448181--32589-2480442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1179 könnte. Was sollen sie thun? „Sie sollen nach ihrem Belieben und ihrer Einsicht alles, was in den Dörfern, die sie gründen, und in den Märkten, die sie errichten, von ihnen geschaffen wird, in das Privateigenthum der Befiedler übergehen lassen, aber den Grund und Boden nicht. Der gesammte Grund und Boden der Kolonie sollte Gemeineigenthum bleiben und, wie das neue Freihasengebiet Hamburgs, dauernd dem Verkaufe und damit der Spekulation entzogen werden.Sie sollen zurückkehren zu den Wahrheiten ihrer eigenen Religion und bei der Regelung der Bodenfrage eingedenk sein des Wortes der Bibel im 3. Mos. 25, 33: „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen ewiglich: denn das Land ist mein und ihr seid Gäste und Fremdlinge vor mir." Berlin. Die „Reue Preuß. Ztg." brachte 11 fortlaufende Auszüge aus Drumonts „Le testament d’un Antisemiten Allzuviel Pietät gegen seine hohen kirchlichen Behörden scheint der französ. Stöcker nicht zu haben. Er glaubt eine Neigung der höheren Geistlichkeit zum Reichthum geißeln zu dürfen und entdeckt bei ihr eine Abneigung gegen alle diejenigen, die sich mit den Besitzern des Reichthums auseinandersetzen möchten; d. h. zu deutsch, er tadelt die kirchlichen Würdenträger, die sich nicht ohne Weiteres ausplündern lassen wollen. Interessant klingt sein Bericht über die Einsegnung einer Mischehe. Sehr arg und, so viel wir wissen, ohne Beispiel aber ist die Thatsache, daß im Frühjahr 1890 der Sohn eines jüdischen Millionärs und die Tochter eines Aristokraten in der Kirche hat getraut werden können, nur daß allerdings vorher die christlichen Abzeichen entfernt worden waren, so daß sie für eine Synagoge gelten konnte. Von den Juden ist das auch so aufgefaßt worden, da sie sich erlaubten, mit dem Hut auf dem Kopfe stehen zu bleiben, um ihn erst nach einiger Zeit abzunehmen. Die Rede, die bei dieser Gelegenheit gehalten wurde, hat den Juden so gut gefallen, daß die „Archives Jsraelites" entzückt ausrufen: So denkt die Krche über das Buch Drumonts! Die niedere Geistlichkeit Frankreichs, — setzt Drumont schwermüthig fort — hat vor der höheren im ganzen und großen, wie schon gesagt, noch viele Tugenden voraus und zeichnet sich durch eine Gesinnung aus, mit der viel zu machen wäre, aber diese guten Eigenschaften könnten im Kampfe gegen die gottlose Welt kaum noch zur Geltung kommen. Der Priester ist auf die Bethätigung privater Vorzüge angewiesen, die sich als solche der Kenntniß meist entziehen, von denen man wenig hört und sieht. Das will nichts anders sagen, als daß der Priester wohl hinter seinen Pfählen in Gesellschaft des Herrn Drumont beim Glase guten Bordeaux's oder Champagner zu schimpfen bereit ist, aber die Oeffentltchkeit mit diesem unnützen Kram nicht behelligen will. Immerhin ist die Denkweise der niederen Geistlichkeit von der der höher« himmelweit verschieden. Drumont hat in diesen Kreisen mehr begeisterte Zustimmung gefunden, als sonst irgendwo, natürlich in ganz platonischer Weise, — d. h. unter Ablehnung jeder feindlichen Agitation und Verschmähung der gemeinen Drumont'schen Brandschrtften und Brandreden, da die Bischöfe fast durchweg Philosemiten sind und es, weil sie mit dem Staate gut stehen wollen, sein müssen. Aus diesem Grunde ist Drumont ihnen im höchsten Grade verhaßt; seine Bücher stören sie in ihrer Ruhe und legen ihnen den Gedanken nahe, daß es doch nicht ganz in der Ordnung sei, mit den Feinden der Kirche auf dem besten Fuße zu stehen. So etwas verstimmt aber, wenn man entschlossen ist, nicht in sich zu gehen, sondern auf dem einmal eingeschlagenen Wege zu verharren. Daß hierin der Vorwurf infamer Heuchelei und niedriger Gesinnungslosigkeit liegt, das stört dem Weltverbesserer Drumont keineswegs. Man ersieht hieraus, bis zu welcher Höhe sich der Haß zu verfteigen mag. — Weil der hohe Clerus nicht zu der Gemeinheit der antisemitischen Aufwiegler herabsteigen will, werden ihm Reinheit der Gesinnung und alle priesterlichen Tugenden abgesprochen. Zum Schluß führt der Verfasser den Papst selbst ins Treffen, der „die Dinge anders anzusehen scheint", was aber aus den in französischer Sprache citirten Worten gar nicht hervorgeht. Der Papst bedauert, daß man die Drohung des göttlichen Zornes nicht wahrnimmt, eine Andeutung, welche keinesfalls eine Meinungsdifferenz zwischen dem Potifex maximus und der französischen Geistlichkeit aussprechcn will. Berlin. In einem Bericht, den Baron Hirsch von seinem mehrfach genannten Agenten White erhalten hat, faßt dieser die Ergebnisse seiner Beobachtungen über die russischen Juden zusammen und formulirt vier Vorschläge, welche die Ansiedelung derselben in Ackerbaukolonien bezwecken: 1) Bildung von lokalen Auswanderungscomites aus den angesehensten Juden jeder Stadt. Die Aufgaben derselben würden darin bestehen, die Auswanderer auszuwählen, Geld zu vertheilen, die Abreise der Auswanderer zu kontroltren und anzuordnen, sich zu Gunsten der Emigranten mit der Regierung in Verbindung zu setzen und ein Verkehrscentrum zwischen Hirsch, der Regierung und den Auswanderern zu bilden. Ein in Petersburg ein-