Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1891)
- Date
- 1891-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1178 Weisen, jeder eine andere Ursache der Zerstörung Jerusalems angibt. Die Erklärer bemerken dazu, daß über das Vorhandensein der achtfachen Schäden keine Meinungsverschiedenheit besteht, aber jeder einzelne Mtßstand hätte nach der Ansicht des Gewährsmannes, der ihn zur Sprache bringt, genügt, um den Untergang Jerusalems herbeizuführen. Jerusalem wurde zerstört, nach Abbaji, wegen der Entweihung des Sabbats. R. Abua, wegen der Vernachlässigung von Krias Schema. R. Hamnuna, wegen der Vernachlässigung des Jugendunterrichts. Ula, wegen Schamlosigkeit. R. Jizchak, wegen Gleichmacherei. R. Schimeon bar Abba, wegen Aushörens jeder Zurechtweisung. R. Jehuda, wegen Verachtung der Thoragelehrten. Raba, weil das Vertrauen unter den Menschen aufgehört hatte. Auch die Reihenfolge der hier aufgeführten Schäden ist bedeutsam. — Die ganze sittliche Fäulniß trat mit ihrem ersten Symptom in der Entweihung des Sabbats zu Tage. Was muß aber nicht alles schon vorher geschehen sein, welcher weitschichtige Abfall mußte sich bereits in den Geistern und Gemüthern vollzogen haben, wenn man den Friedensboten wegscheuchte, den Gottes Gnade der Menschheit im Sabbat gesandt hat. Wie müssen Erwerb und Gewinn, Concurrenz und Kampf ums Dasein die Götzen des Tages geworden sein, daß man ihnen selbst die Tage der Ruhe, die geistigen Athemzüge opferte, mit welchen der Vater der Menschheit den unter seiner Last keuchenden Menschen wieder regeneriren Willi Ohne diese Ruhepunkte, ohne den Sabbat, ohne seinen Frieden und Segen kann keine Gemeinschaft, kein Volk und kein Staat bestehen. Wer darüber in Zweifel sein kann, braucht nur einen Blick auf unsere rastlos sich aufreibende Zeit zu werfen. Ihr fehlt der Segen des Sabbats, das ist die Wurzel des Fluchs, der uns in allen Formen als „sociale Frage" entgegengrinst. Tag und Nacht, früh und spät sorgen und arbeiten, ohne je aus der Sorge und Arbeit herauszukommen, das ist ein Vernichtungskampf, den keine menschliche Gesellschaft auf die Dauer, ertragen kann. Das fühlten auch Alle. Die Nervosität, die Abspannung, ein ganzes Heer von Uebeln, die man früher kaum dem Namen nach kannte, sind typische Erscheinungen unserer Zeit. Es hat niemals so viele Erholungsbedürftige, niemals eine Zeit gegeben, wo Jedermann so das Bedürsniß empfindet oder zu empfinden glaubt, wochenlang Bäder, Sommerfrischen und Erholungsorte auszusuchen, und so die Ruhe zu finden, die mit dem Sabbat geschwunden ist. Das Bestreben, das sich sogar ftaatlicherseits nach „Sonntagsruhe" vielfach geltend macht, und eine Reihe anderer Erscheinungen, sind untrügliche Anzeichen der allgemeinen Ermattung, der die vollständige Auflösung in absehbarer Zeit folgen muß, wenn nicht Friede und Ruhe, wenn nicht der Geist des Sabbats wieder heimisch wird im Kreise der Menschen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudeuze«. Deutschland. Darurftadt. Ein Artikel des hiesigen nationalliberalen „Täglichen Anzeigers" jüber die Ursachen der antisemitischen Bewegung in Hessen und namentlich über die Zunahme derselben in ländlichen Kreisen hat das hiesige Bureau des in Berlin gegründeten „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" veranlaßt, dem genannten Blatt eine Entgegnung zu senden, die unter anderm ungefähr folgendes ausführt: „Was während der Zeit der Wucherfretheit sich ereignete, damit hat die gegenwärtige Generation nichts zu thun; alles was von den auf Landorten reich gewordenen jüdischen Wucherern gesündigt wurde, ist auf heutige Verhältnisse nicht mehr zutreffend. Wenn viele Juden für sreisinnge Candidaten und damit gegen die Getreidezölle gestimmt haben, so gibt es auch viele Juden, welche nationalliberal gewählt. Die Handelsleute auf dem Lande besitzen ebenso wohl ihren Acker, wie der Bauer und bebauen ihn vielfach selbst." Worms. DerHeleneDavid vonGimbsheim, welche sich durch eine 40jährige treue und redliche Dtenstführung in der Familie des Herrn Michael Aron dahier ausgezeichnet hat, ist als Zeichen der Allerhöchsten Anerkennung von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzoge die silberne Medaille des Ludwigsordens verliehen und durch Herrn Kreisrath Gros heute überreicht worden. Berlin, 28. Juli. Die Nachricht, daß Baron Hirsch durch den Ankauf von nahezu neun Millionen Joch Land vorbereitende Schritte zur Ansiedelung russischer Juden in Argentinen gcthan habe, veranlaßt den Vorsitzenden des Bundes für Bodenbesttzreform, Heinrich Freese-Berlin, in „Frei-Land" Baron Hirsch anzugehen, von vornherein in der neuen Kolonie die Bodenreform zu verwirklichen. Herr Freese sagt, daß sich hier eine Aufgabe böte, deren Lösung eine Großthat ersten Ranges wäre, die Herrn Hirsch und seine Auftraggeber nicht nur zu Wohlthätern ihrer Stammes- und Glanbensgenossen, sondern zu einem ersten Wohlthäter der Menschheit machen