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Der Israelit · 1891-08-06 · Heft 62 (6.8.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 62 (6.8.1891)
Date
1891-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1162 die Frau in Behandlung zu nehmen. Endlich schlich sich ein jüdischer Arzt in Kiew ein und verschaffte ihr Linderung. Da kam der Ausweisungsbefehl, alles Bitten half nichts, mit der todtkcanken Frau und zwei Kindern verließ der arme Mann Kiew und flüchtete sich mit noch anderen Inden in ein kleines Bauernhaus. Auch hier wurden sie verfolgt, die Frau starb vor Schreck und das Volk erlaubte nicht sie zu beerdigen. Fast eine Woche lag die entseelte Hülle in einer Ecke des Zimmers, in dem noch 3 andere Familien Zuflucht gesucht hatten und wo zur selben Zeit eine Frau einem Kinde das Leben schenkte. Der Manp der Verstorbenen mußte eine finstere, stürmische Nacht benützen, um den Leichnam in den nahen Wald zu schaffen, wo er ihm mit den eigenen Händen ein Grab grub. Inzwischen zündete die Bevölkerung die Hütte an und die Flammen begruben noch eines seiner Kinder. Auch ein Päckchen Banknoten, das er gerettet hatte, verbrannte. Mit dem einzigen Kinde, das ihm geblieben, zog er weiter. Baron Hirschs Comitö fand ihn zufällig, unterstützte ihn mit Geld und so sei er nun auf dem Wege nach Jaffa in Palästina, wo er ein neues Leben der Arbeit beginnen müsse. Frankreich. Paris. Der durch die Entzifferung der Keilinschriften in den weitesten Kreisen rühmlichft bekannte Professor Oppert wurde vor einiger Zeit zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt. Als er hierauf den üblichen Besuch bei dem Minister abstattete, begrüßte ihn der Letztere mit den Worten: „Herr Professor, Sie sind doch gewiß getauft?" Darauf erwiederte Oppert: „Glauben, Excellenz, daß ich eine solche Characterlosigkeit begehen könnte, um äußerer Vortheile willen meinen Glauben zu wechseln? Ich bin nicht nur nicht getauft, sondern ich hänge mit aller Liebe und Treue, deren meine Seele fähig ist, an der Religion meiner Väter." Der Minister bemerkte hierauf, daß er seine Gesinnung sehr hochachte und daß es ihn innig freue, wenn die Männer der Wissenschaft zugleich „Männer" seien. Was wohl ein Minister unseres neuen „Bruderstaates" Rußland geantwortet haben würde? Amerika. Washington, 30. Juli. Die von London verbreitete Washingtoner Meldung, Rußland habe infolge von Vorstellungen der Vereinigten Staaten die Maßregeln gegen die Juden gemildert, ist vollständig unbegründet. Das hiesige Staatsdepartement erklärt, keine diesbezügliche Nachrichten erhalten zu haben. vermischtes. Ans Rheinhessen. Das „Gr. Regierungsblatt Nr 19" bringt unter anderem 2 Mittheilungen, die auch für jüdische Leser von Interesse sind. 1.) der Rabbiner des Rabbinats Alzey Dr. David Rothschild wurde entlassen, 2.) der isr. Religionslehrer Abraham Levi in Büdesheim (Kreis Bingen) wurde vom Großherzoge mit dem allgemeinen Ehrenzeichen dekorirt. lieber die Dekoration des Herrn Levi, resp. über dessen^ 60jähriges Jubiläum bin ich in der Lage, Ihnen Ausführliches zu berichten. Nachdem auf Anregung des Rabbiners von Bingen, Herrn Dr. Grünfeld, die s. Z. in Darmstadt tagende Conferenz isr. Lehrer dem Jubilare ein Glückwunschtelegramm gesandt und Herr Dr. Grünfeld ersterem im Namen der Schüler ein ansehnliches Geldgeschenk in Form von Werthpapieren unter gleichzeitiger Beglückwünschung im Namen der Lehrer des Kreises und in seinem eigenen übergeben hatte, fand am Samstag, den 11. Juni die Ueberreichung des Ordens statt. Es waren zu diesem Zwecke in Büdesheim erschienen: Der Großh. Amtmann Wick in Vertretung des erkrankten Kreisrathes, der Großh. Kreisschulinspector Krämer und der Großh. Kreisrabbiner Dr. Grünfeld. Die Ueberreichung des Ordens geschah durch den Amtmann in der festlich dekorirten Gemeindeschule im Beisein des Bürgermeisters und sämmtlicher Lehrer der Büdesheimer Schulen, sowie des Vorstandes der isr. Gemeinde und zahlreicher anderer Gäste. Nachdem der Amtmann in einer herzlichen Ansprache den Orden übergeben hatte, sprach der Jubilar Worte des Dankes, worauf Herr Dr. Grünfeld das Hoch auf den Großherzog ausbrachte. Kreisschulinspector Krämer besprach in finniger Weise die Leiden und Freuden des Lehrers und feierte den Jubilar als gewissenhaften, tüchtigen Schulmann. Die Festtheilnehmer saßen noch lange gemüthlich beisammen. Es wurden auf die Familie des Lehrers Levi, auf die Großh. Kreisschulcommission, auf das Rabbinat Bingen Toaste ausgebracht. War es in der sonst so trüben Zeit des Antisemitismus als ein Dfc'n L7NP zu betrachten, daß die Vertreter der Regierung bis zum Schlüsse ausharrten, so finden wir für die seltene Thatsache, daß,, man auch einen Religionslehrer, der eigentlich nicht im öffentlichen Staatsdienst steht, des Dekorirens für würdig erachtet, kaum Worte genug des Dankes, und der Hoffnung, daß unter einer solch erlauchten und toleranten Negierung das wüste Treiben des Antisemitismus bald sein Ende erreichen muß. Dem würdigen Jubilare wünschen wir aber aus vollem Herzen noch ein recht glückliches und gesegnetes Alter. R. Berlin. Ein Haftbefehl gegen den Reichstagsabgeordneten Pickenbach, ben bekannten Antisemiten, war!vom hiesigen Amtsgerichts I erlassen worden, um PickenbaH zur Ablegung des Offenbarungseides zwangsweise vorzuführen. Der Haftbefehl hat jedoch nach dem „Kl. Journ." in Folge Einspruchs des Anwalts des Herrn Pickenbach nicht vollstreckt werden können, weil die Session des Reichstags nicht ge schlossen, sondern nur vertagt ist und während der Dauer derselben Reichslagsabgeordnete ohne Genehmigung des Parlaments nicht verhaftet werden dürfen. Leudershausen. Am 10. Tamus starb die in weilen Kreisen bekannte Frau Regine Stern in Hofheim im Alter von 40 Jahren. Sie war eine Mutter der Armen und Bedrängten; den Worten der Thora lauschte sie mit innigem Vergnügen, ihr Haus öffnete sie der Gastfreundschaft im reichsten Maße, ihren Kindern gab eine sie musterhafte religiöse Erziehung. Groß war daher der Sch.merz der Familie und der Gemeinde um den Verlust dieses ^Ti ni5\x. Zweibrückeu. Herr HansBleibtreu veröffentlichte in der „Zweibrücker Zeitung" unter dem Titel „die Theilung der Erde", ein offenes Wort zur Antisemitten-Frage, einen größeren Artikel, der warm für die Israeliten und ihre

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