Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1891)
- Date
- 1891-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448179--32550-2480401- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1142 zeugt dafür, wie würdig diese Zeit und ihre Helden solcher Behandlung sind. Der Bundesschwur im Rütli im Jahre 1307 ist durch die Tradition, bis jetzt allgemein als die eigentliche Begründung der Schweizerischen Eidgenostenschaft angesehen worden. Als älteste schriftliche Urkunde darüber galt der um acht Jahre jüngere Dreiländerbries vom Jahre 1315. Erst vor mehreren Jahren hat man im Archiv zu Schwyz eine Urkunde gefunden, welche vom l2. August 1291 herrührt, von welchem Tage somit die eigentliche Begründung der Eidgenossenschaft datirt. Sie beruht somit aus dieser in lateinischer Sprache geschriebenen Urkunde und dein 16 Jahre später erfolgten Schwur auf dem Rütli. Wenn nun zum sechshundertften Male der Tag erscheint, an dem der Grund zur Schweizerischen Eidgenossenschaft gelegt wurde, und ein ganzes Volk sich zum Feste rüstet, um diesen Tag würdig zu begehen, wen dürfte der Gedanke eines solchen Festes mächtiger ergreifen, als die Glieder jener ältesten Eidgenossenschaft, deren Rütli der Sinai ist, die vor nun mehr als 2300 Jahren unter grollendem Donner und zuckendem Blitz diesen Berg umstanden und im Aufblick zum Himmel den Eid leisteten: vöb'ji nffj/j 'n uw hj, „Alles, was Gott gesprochen, wollen wir thun und hören."?! (II. B. M., 24, 7.) An diesem Gottesberg wurden die jüdischen Stämme Brüder, wie es die Ueberlieferung auf Grund der Andeutung in unserer göttlichen Urkunde ausdrücklich überliefert, nnn -w dw ]m Israel lagerte dort einmüthig dem Berge gegenüber (II. B. M., 19, 2), aber bisher hatten sich Zwistigkeiten und Zerwürfnisse bei allen Niederlassungen geltend gemacht. An diesen! Gottesberg wurden die aus der egyptischen Tyrannei Erlösten, sich erst der Würde ihrer Freiheit bewußt. Derjenige, der von da ab freiwillig seiner Freiheit entsagte und sich der Leibeigenschaft hingab, erhielt das Ohr durchstochen, das am Sinai die Worte hörte: „Mein sind die Kinder Israel, meine Knechte sind sie", und der nun sich aus freien Stücken der Herrschaft von Menschen unterstellte (2. B. M., 21, 6.) Seit mehr als 1800 Jahren haben die Glieder dieser ältesten Eidgenossenschaft ihr Land verloren, Tempel und Altar liegen in Schutt und Asche, ihre staatliche Selbstständigkeit haben sie eingebüßt und haben aus diesem Zusammensturz nichts gerettet als ihren Bundesbries, als die heiligen Rollen, die sie nun in alle Theile der Welt trugen. Aber in Wirklichkeit trug das Gesetz seine Träger, es erhielt sie, es seilte und festigte sie gegen alle Angriffe und Kämpfe, die ihrer warteten und warten. Nicht in einem vergessenen Schrein ruht diese Urkunde, sondern von den Geistern und Gemüthern von ungezählten Millionen, die daraus Trost und Hoffnung, Festigkeit und Muth und all die herrlichen Wahrheiten schöpfen, die täglich immer und mehr Gemeingut der gesummten, gesitteten Menschheit werden. Aber seit mehreren Decennien ist in unseren Reihen ein Geist falscher Aufklärung gedrungen, der das alte Vätererbe altvaterisch nennt, der dem alten Bundes-Eid seine verbindliche Kraft für unsere Zeit und ihre Kinder streitig machen möchte, der das Alte bekämpft, nicht weil es schlecht, sondern weil es alt ist, der jede Neuerungssucht unbesehen als Fortschritt anpreist, und das treue Festhalten an unserer großen Vergangenheit als lichtscheuen Rückschritt verdächtigt. Grenzenlose Verwirrung, unsägliche Enttäuschungen hat dieser falsche Wahn zur Folge gehabt, und Gott allein weiß, welchen Thcil diese Verachtung unseres eigentlichen von der Vorsehung uns zngewiesenen Berufs, au all dem Herben und Trüben hat, das jeder Tag in jedem Lande unserer Zerstreuung aufs Neue uns bringt. Wenn nun alle diese schmerzlichen Erfahrungen cs bislang nicht vermochten, den blinden Eifer zur Einsicht zu bringen, wie er sein Heiligstes gefährdet und gegen sich selbst den tödtlichcn Streich führt, so könnten die verblendeten Glieder der ältesten Eidgenossenschaft cs vielleicht von ihrer jüngeren Schwester lernen, wie man wahren Fortschritt mit wirklicher Pietät gegen das, was den Vätern heilig war, verbindet. Wenn das freie Volk der Schweiz, das Fest seiner schwer errungenen und glänzend behaupteten Freiheit nach 600jähr!gem Bestände feiert, so ist diese ganze Feier ein Beweis dafür, wie alle von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß sie ihre eigenartige von allen Staaten anerkannte und geachtete freiheitliche Sonderstellung den: Verdienste der Väter — wir würden sagen dem nwx rvo: — verdanken. „Wir wollen frei sein wie die Väter waren." Aber mit dem Gedächtniß der Väter brechen, ihre Errungenschaften als überwundenen Standpunkt belächeln und doch von ihrer Freiheit zehren wollen, das wäre unwürdig, ja unmöglich. — Und bei uns Ideen wäre das, was nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstandes sonst unwürdig und unmöglich ist, würdig und gar ein Fortschritt?! „Wir wollen sein einzig von Volk von Brüdern." Nicht einig, sondern ei n zi g heißt cs im Original. — Wir lassen aus der Festschrift, welcher der Satz an der Spitze dieser Zeilen entnommen ist, hier einige Bemerkungen folgen. Man wird sofort