Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1891)
- Date
- 1891-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1119 Im Grunde war es der sogenannten „Berliner Bewegung" viel weniger darum zu thun, der Sozialdemokratie in Berlin den Garaus zu machen, als vor allem den verhaßten Freisinn vom Erdboden verschwinden zu lassen. Die Polemik gegen die erstere war eigentlich immer nur eine äußere Draperie. Man konnte nicht gut patentirter „Lanzenbrecher für Thron und Altar" sein, wenn man zugleich offen mit der Sozialdemokratie liebäugelte. Im Verborgenen und verschämt geschah das freilich oft genug. Weßhalb die konservativen Blätter sich mit so lauten Worten gegen ein Zusammengehen der Antisemiten mit den Sozialdemokraten verwahren, ist leicht zu verstehen: sie empfinden berechtigtes Bangen vor dem thatsächlichen Nachweise, daß die ganze Judenhetze schließlich auf eine Förderung der Sozialdemokratie hinanslaufen und derjenigen Partei zu Gute kommen wird, die mit den bestehenden Zuständen am radikalsten aufränmen wird. Aus der Provinz Posen. Das von dem Korrespondenten aus der Provinz Posen in Nr. 53 d. B. mitgetheilte Ereigniß, welches in unserer Provinz vorgckommen ist, enthält Unwahrheiten, die der Berichtigung bedürfen. Der Vorstand hat dem jungen Rabbiner nicht mit der Kündigung gedroht, sondern ihm durch einen gemeinschaftlichen Beschluß mit den Repräsentanten thatsächlich gekündigt und nicht weil er einem, wegen vorgeblichen Mangels an Tastgefühl von ihm untauglich erklärten »nw nicht zu einer Stelle verhelfen wollte, sondern aus anderen Gründen, die genügende Veranlassung gegeben haben, ihn, nach Ablauf seiner Amtsperiode, seines Amtes zu entheben. Die Kündigung ist nur in Folge einer Beschwerde des Rabbiners, von der Königl. Regierung auf Grund des §. 171. Theil 2, Tit. 6 allg. Landrecht aufgehoben worden, weil der Rabbiner als ein Gesellschaftsbeamter zu erachten ist, der vor Ablauf seiner Amtsperiodc nur im Wege einer Disziplinaruntersuchung entlassen werden kann. Myslowitz. Vom Hilfscomite für die russischen Auswanderer wurde eine Sitzung abgehaltcn, zu welcher sich auch Pastor Zahn eingefunden hatte. Da von dem Comita nicht nur die jüdischen, sondern auch die evangelischen aus Rußland Ausgewiesenen befördert werden, ersuchte Pastor Zahn ihm die Liquidation der für die Letzteren entstehenden Kosten zuzustcllen, da dieselben vom Consistorium in Breslau erstattet werden sollen. Gleiwitz. Eine Aufführung zum Besten russischer Flüchtlinge hat in unserer Stadt dem Wohlthätigkeitssinne unserer Bewohner noch weiterhin in erhebender Weise Anregung gegeben, denn im Lause der letzten Woche sind noch nennenswerthe Spenden geflossen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Aus Ungarn, 22. Juli. Der ungarische Ministerpräsident Graf Szapary hat dieser Tage an beide israel. Kanzleien eine Anfrage gerichtet, in welcher er um Auskunft über folgende Punkte ersucht: Sind russische Juden in Ungarn zum bleibenden Aufenthalte eingewandert? In welcher Anzahl? In welchen Gemeinden und Ortschaften haben sie sich niedergelassen und womit befassen sich dieselben? — Diese Anfragen des Ministerpräsidenten sind allerdings sehr auffallend, da bisher noch von keiner Ansiedlung russischer Juden in Ungarn gehört wurde. Dieselben benützen Ungarn nur zur Durchreise, weil ja schon die völlige Unkenntniß unserer Landessprache ihnen den bleibenden Aufenthalt zur Unmöglichkeit macht*). — Der Richterstand besitzt hierzulande bekanntlich sicher wenig Mitglieder jüdischer Konfession, es ist daher die Mittheilung des Amtsblattes, wonach der Justizminister unseren Glaubensgenossen Herrn Dr. Nikolaus Köry zum B ez irksri chter in Aronyos-Maros ernannt hat, mit Freuden zu begrüßen. Der Betreffende ist der Sohn des jüdischen Richters an der königl. Tafel in Budapest, Herrn Dr. Max Kery. — Das die Interessen der gesetzestrcuen Juden schädigende Sonntagsruhe- Gesetz begegegnet überall dem größten Unwillen. So haben sich die Bankgeschäfte und die Körperschaft der Kaufleute in der Hauptstadt neuerdings an den Haudelsmiuister wegen Abänderung des Gesetzes gewendet. Ersteren wurde die Bitte schon gewährt. Könnte nicht auch für die orth. Juden etwas geschehen? L. G—g. England. London, 23. Juli. Die im nördlichen Stadttheile Dalston wohnenden orthodoxen Gemeindemitglieder richteten an das yi ra das Gesuch. einen speziellen p'i für diesen Stadttheil anftellen zu dürfen, welches Ansuchen sofort genehmigt wurde. In Folge dessen wurde der Talmudgelehrte Revd. I. M. Cohn, früher Rabbiner zu Erlau in Ungarn, welcher schon seit einigen Jahren in Dalston Beth- Hamidrasch als Privatdozent fungirte, autorisirt, religiöse Fragen zu unterscheiden, die ruyrw zu beaufsichtigen und eine rnpv nach ritueller Vorschrift einzurichten. An der Spitze dieser Bewegung steht Mr. James Loewe, der Sohn des verstorbenen rühmlichst bekannten Dr. L oewe London. Nachdem Herr Arnold White, welcher bekanntlich vom Baron Hirsch vor zwei Monaten mit einer Untersuchung der Lage der Juden *) Nach neueren Nachrichten wird aus Essegg berichtet, daß russische Juden von der Esstger Sparkasse 11000 Joch Gründe angekaust hätten. Es besteht die Absicht, im Cepiner Territorium 80 bis 100 Familien anzusiedeln. Red.