Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1891)
- Date
- 1891-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1108 Vieles aber zu gewinnen hofften. Als bloßen Geschäfts- oder Eoncurrenzneid konnte man natürlich die Sache nicht gelten lassen, es mußte dem Ganzen eine wissenschaftliche Tünche gegeben werden, und so landete man denn bei der socialen Frage: das Großkapital ist der Mörder des kleinen Mannes; der Jude hat das Großkapital in Händen — ergo ist der Jude der Mörder des kleinen Mannes!. . . Daß cs auch unter den Juden selbst ganze Massen von Kleinen gibt, die kaum eine Brotkruste zum Benagen haben,*) blieb unberücksichtigt — so etwas gilt einfach nicht bet derlei Logikern; den christlichen kleinen Mann hatte man nur im Auge und — den jüdischen Großen. Was also dieses Hereinzerren der socialen Frage betrifft, so verfallen die Herren Schönredner nur in den kleinen Fehler, daß sie ihrer Wissenschaft ganz verfehlte Prämissen vorsetzen und daß dadurch ihr ganzer Aufbau in seinem Fundamente wankt. Kein Social-Reformer, kein Fachmann der Gegenwart wird das Uebel im Großkapital als solchem suchen. Der Mann, der seine Millionen in Form von Banknotenpäckchen (so sieht ja die Menge dieses Kapital vor sich) im Geldschranke wohlverschlossen liegen hat, müßte schließlich Hungers sterben, denn es ist Naturgesetz, daß das, was sich nicht erneuert, endlich erschöpft wird. Das Großkapital an sich ist also nicht Ursache, sondern nur Wirkung. Das Uebel wurzelt ganz wo anders, und wenn einmal diese Wurzeln radical herausgezogen sind, dann wird das Kapital so coursiren müssen, daß es durch alle Hände läuft. Einige Volksvertreter haben bereits auf die Lösung des socialen Räthsels hingewtesen (wenn ich nicht irre, erst kürzlich Dr. Menger); unsere Sache ist es indeß nicht, hier darauf näher einzugehen, denn unser Zweck ist einfach der, hervorzuheben, daß die antisemitische Bewegung auf socialwissenfchaftlicher Grundlage auf tönernen Füßen steht, und daß die Herren, welche zu Gunsten ihrer Sache dieses Feld betreten, nur ganz oberflächlich, zumeist gar keine Kenntnisse von der Frage haben. Der Durchschnittsmensch läßt sich aber leicht überzeugen, denn er hat so Manches in der Schule gelernt — das logische Denken aber nicht. Sieht er nun, daß ein Anderer für ihn dieses Geschäft besorgt oder vielmehr zu besorgen scheint, dann um so besser; dann überläßt er gerne dem Andern die Mühe und glaubt das Seinige gethan zu haben, wenn er mitschreit. Einer unserer Zwecke ist nun auch der unsere *) Gelegentlich und wenn es zweckdienlich erscheint, wird dies auch von den Herren Antisemiten zugestanden, wie z. B. diesen Sonntag von Dr. Lueger in der Versammlung der Tramway-Bediensteten. Mitbürger zuiu selbstständigen Denken anzuregen. Wir wollen nicht dictiren, wir wollen anleiten und auf den Weg Hinweisen, der einzuschlagen wäre. Unsere beiden Waffen sollen Vernunft und Rechtsgefühl sein, mit denen wir allen Angriffen gewachsen sind. Mit falscher Wissenschaft, mit falscher Statistik, mit Rechts- und Wahrheitsverdrehung und derlei beliebten Kampfmitteln wird man uns nicht beikommen, denn wir besitzen in unseren Reihen Männer, die in erster Linie berufen sind, solche Argumente in streng wissenschaftlicher und sachlicher Weise zunichte zu machen und die Gegner coram publico in den Sand zu strecken. Mit Eine»! Worte: wir fühlen uns stark, wir fühlen uns der Aufgabe gewachsen, die wir unternommen haben. Die Pflicht eines jeden unserer Mitglieder wird es sein, je nach Stand und Beruf in seinen Kreisen für die gute Sache zu wirken, dafür einzutreten, daß das Gebot der Nächstenliebe keine leere Phrase bleibe, sondern zu wirklicher Geltung komme. Es ist ein gesunder, keimfähiger Same, den Jeder damit ausstreut; er wird und muß zum Wachsthum, zur Blüthe und — zur Frucht gelangen. (N. Fr. Pr.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin. Die Jüdische Alterversorgungsanstalt in der Schönhauser Allee, die im Jahre 1880 gestiftet wurde, hat jetzt nach der Seite des jüdischen Friedhofes zu einen bedeutenden Erweiterungsbau erhalten. Derselbe war gleich von vornherein in den Bestimmungen der Stifter, Moritz und Bertha Mannheimer, vorgesehen und sollte erfolgen, wenn das Bedürfnis vorhanden sei. Dies ist jetzt eingetreten. Durch den angebauten Flügel von fünf Fenstern Vorderfront hat das stattliche Gebäude erst seine einheitliche Form erhalten. Nürnberg, 17. Juli. Wie in Preußen, so scheinen auch die bayerischen Staatsbehörden Gesuche russischer Israeliten um Verleihung einer deutschen Staatsangehörigkeit abzuweisen. Die Regierung von Mittelfranken hat dies soeben gethan bezüglich eines Kommis, der seit 5 Jahren hier lebt, nachdem er nach ebenfalls mehrjährigem Aufenthalte in Breslau von der preußischen Behörde ausgewiesen worden war. Der Magistrat von Nürnberg hatte übrigens bereits mit allen gegen 2 stimmen beschlossen, dem Manne das Nürnberger Heimrecht zu verleihen. Dazu brauchte er aber erst die bayerische Staatsangehörigkeit. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 18. Juli. Der Reichsraths-Abgeordnete für Wien-Sechshaus, der Antisemit Mechaniker