Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1891)
- Date
- 1891-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX11. Jahrgang. Beilage?«M 59 »es „Israelit«. Ieschurun^ Leitender Artikel. Der Derein zur Abwehr des Anlisemillsinus in Wien. Mit dem gestrigen Tage trat unser Verein als eine behördlich anerkannte Genossenschaft auf den Plan, um die Action gegen jene feindliche Bewegung zu beginnen, welche direct gegen einen Theil unserer Mitbürger gerichtet ist. Dies der Zweck, der in §. 2 der Statuten angegeben ist — mit deutlichen Worten: Die Bekämpfung des Antisemitismus. und zwar durch Abhaltung öffentlicher Vorträge, Verbreitung belehrender Schriften, Discussionen, eventuell durch Gründung eines Vereinsorganes. Die Politik ist ausgeschlossen — vor Allem aus dem Grunde, weil unser Verein kein politischer ist, und dann, weil es sich da um eine sociale, d. h. eine gesellschaftliche Frage im strengen Sinne des Wortes handelt, die mit der Staatspraxis nichts zu schaffen hat. Beweis dessen, daß wir unter unfern Mitgliedern Persönlichkeiten aller Schattirungen zählen, daß uns Jedermann ohne Ausnahme willkommen ist, der sich im Vollgenuffe seiner bürgerlichen Rechte befindet. Eine gewisse Sorte von Gegnern, die um falsche, unwahre Angaben nie verlegen ist, hat bereits den Versuch gemacht, unseren Verein als einen solchen darzustellen, der den Zweck hätte, zu Gunsten der Juden gegen das Christenthum aufzutreten. Derlei feindliche Ausfälle richten sich selbst; ihren Behauptungen steht der Beweis der Tathsache gegenüber, daß wir unter unseren Mitgliedern bereits Priester der beiden christlichen Hauptcönfessionen zählen, und daß wir die bestimmte Erwartung aussprechen, nach und nach alle Jene einreihen zu können, welche am ersten berufen sind, das Wort des Friedens, der Nächstenliebe, der Humanität zu verkünden. In einem Zeitalter, da man Vereine gründet, um Thiere vor Mißhandlungen zu schützen — und das mit vollem Rechte — ist es, denke ich, nur logisch, endlich einmal auch gegen die Mißhandlung von Mitmenschen Stellung zu nehmen, umsomehr, als es nicht bei Attentaten gegen die Ehre blieb, sondern zu Thätlichkeiten kam, die unseren jüdischen Mitbürgern allen Grund gaben, für die Sicherheit ihrer Existenz zu fürchten. Ich erinnere nur an jene Vorortehelden, die jüdischen Frauen die Fenster einwarfen und ihnen Morddrohungen zuriefen; an jenen Soldaten, der einen Greis auf der Straße niederschlug; an jenen Schuljungen, der seinem semitischen Kameraden ein Messer ins Auge stieß. Das sind einzelne Beispiele aus vielen; ein einziges wäre schon genug gewesen, um alle gerecht denkenden Menschen zu einem großen Aufschrei der Entrüstung zu veranlassen. Die Partei, gegen welche wir auftreten, scheint nichts Geringeres im Schilde geführt zu haben, als über Oesterreich eine Art moralischen Belagerungszustandcs zu verhängen und damit auf die ängstlichen Gemüther, deren es mehr als genug gibt, einen Druck auszuüben, demzufolge sich viele derselben einreihen ließen, um nicht den Zorn jener Vereinigungen auf sich zu laden, die mit dem bezeichnenden Worte „Judenknecht" jederzeit bei der Hand ist. Die Ausuahmsgcsetze gegen die Juden, wie sie in Rußland in so herrlicher Blüthe stehen, hätten natürlich nicht lange warten lassen, und schließlich als logische Folge auch Ausnahmsgesetze gegen Alle, die nicht so denken, wie jene Herren von der Verfolgungspartei. Nun, heute zeigt es sich zum Glück, daß es noch Oesterreicher gibt, die sich einer solchen Schreckensherrschaft nicht fügen wollen und der derlei Zumuthungen mit dem Rufe beantworten: Bangemachen gilt nicht! Im Schoße der Gegenpartei ist sie hingegen ausgebrochen, die Schreckensherrschaft; Jeder, der sich dort zur Führerrolle berufen glaubt, huldigt dem Spruche: „Biegen oder brechen" — Jeder schaart sein Fähnlein um sich und bildet so eine Sonderabtheilung, die der anderen die Zähne zeigt. Auch losgeschlagen hat man schon — mit Faust und Wort — und die daraus entstandenen Proceffe zeigen uns klar und deutlich, wie es hinter den Coulissen dieser Bühne hergeht. Das dürfte auch so manchem objektiven Beobachter die Augen öffnen, der gemeint, mit den Anforderungen der Zeit zu gehen, wenn er sich jener Truppe anschloß. Ursprünglich, als noch Herr Stöcker seine schönen Tage hatte, suchte sich der Antisemitismus auf den Standpunkt des Christenthums, und zwar des bedrohten Christenthums zu stellen und eine Religionsfrage heraufzubeschwören. Dieser Plan mißlang kläglich, denn es fanden sich genug ehrliche Religionslehrer, welche dagegen Stellung nahmen. Dann trachtete man, die Racenverschiedenheit hervorzuheben und diese zur Grundlage der modernen Verfolgung zu machen. Auch da waren die Erfolge nur gering, und so verfiel man denn schließlich auf das Mittel, die menschliche Leidenschaft zu erwecken, den Haß und den Neid aller jener aufznwärmen, aller Jener zum Brennen zu bringen, die nichts oder nur wenig zu verlieren hatten,