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Der Israelit · 1891-07-27 · Heft 59 (27.7.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 59 (27.7.1891)
Date
1891-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1103 diesmal eine überaus scharfe Klinge führte. Es ist endlich an der Zeit, daß man die Insolenzen der antisemitischen Gruppe mit der nöthigen Kraft und Entschiedenheit znrückweist, denn die Bedeutung, welche diese-Gruppe erhalten hat, dankt sie nicht blos der Brutalität und Rücksichtslosigkeit in ihrem Auftreten, sondern dem llmftande, daß man lange Scheu trug, sich mit dieser Fraction parlamentarisch zu messen. Die Scheu ist übrigens entschuldbar. Daß von der Ministerbank nie ein ernstes mißbilligendes Wort gegen das verhetzende, den inneren Frieden störende Treiben dieser Partei gesprochen wurde, ist bekannt und bildet eine nicht leicht zu rechtfertigende Unterlassungssünde. Was übrigens die jüdischen Richter betrifft, so ist die von dem Mechaniker Schneider aufgeworfene Frage in Oesterreich vorwiegend eine Frage des theoretischen Verfassungsrechtes. Die Zahl der jüdischen Richter in Oesterreich ist eine minimale, und einen höheren Rang als den des Rathssecretärs nimmt keiner von ihnen ein. Die Erfahrungen anderer Länder aber gereichen den jüdischen Richtern wahrhaftig nicht zur Unehre. In Ungarn sind Dccsey und Neuberger, die Räche an der königlichen Curie, Zierden des Richterstandes, Tobias Löw war ein bahnbrechender Vorkämpfer der europäischen Jurisprudenz, Tarnay und Baumgarten nehmen unter der jüngeren Juristcn- Generation eine führende Stellung ein, und die Wahrnehmungen, welche die ungarische Justizverwaltung über das amtliche Wirken der jüdischen Richter gemacht hat, haben Desider Szlagyi durchaus nicht abgeschreckt, bei den zahlreichen Ernennungen, welche er anläßlich der Decentralisation der königlichen Stühle zu vollziehen hatte, lediglich die Qualification und nicht die Confession zu berücksichtigen. Budapest, 18. Juli. Justizminister Szilagyt unterbreitete in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, begleitet von dem lauten Beifalle des gesammten Hauses, den angckündigten Gesetzentwurf, betreffend die Judicatur der königlichen Curie über die Abgeordnetenwahlen. Besonders wichtig sind die beiden nachfolgenden und darum wörtlich wiedergcgebencn Anfechtungsgründe: „Wenn der Abgeordnete innerhalb dreier Monate vor der fraglichen Wahl zu dem Zwecke, um das Ergebniß der Wahl zu beeinflussen, in öffentlicher Versammlung durch Wort oder durch die Verbreitung wie durch die öffentliche Schaustellung von Druckschriften oder bildlichen Darstellungen entweder direct zu einem Vergehen auffordert oder zum Ungehorsam gegen die Verfügungen des Gesetzes wie der gesetzlichen Verordnungen und Beschlüsse der Behörden direct aufgefordert hat oder sich an einer solchen Handlung betheiligte. (Punkt 6.) Wenn der Abgeordnete in der eben bezeichneten Zeit und Art eine Classe, Nationalität oder Confession zum Hasse gegen die andere aufgestachelt hat; ebenso wenn er gegen das Rechtsinftitut des Eigenthums oder der Ehe agitirt oder entgegen dem Gesetze mit der Auftheilung des privaten wie des öffentlichen Eigenthums Vorspiegelungen gemacht oder sich an diesen Handlungen betheiligt hat." (Punkt 7.) Es ist auch ein Anfechtungsgrund, wenn diese Handlungen von einem Andern vollbracht werden und bewiesen wird, daß ein Wähler, gegen den eine dieser Handlungen vollführt wurde, für den Abgeordneten gestimmt oder sich der Wahl enthalten und der Abgeordnete die absolute Majorität der giltigen Stimmen nicht erhalten hat. Italien. Rom, 14. Juli. Dieser Tage weilte ein seltener Gast ans Spanien in unserer Stadt, dessen Name in der Geschichte stets verzeichnet sein wird. Es ist dies der Domherr Dr. Pio Mortara. Der Träger dieses Namens wurde, wie man sich erinnern wird, als Kind seinen jüdischen Eltern in Bologna abgenommen und auf Befehl des damaligen Papstes Pius IX. Nonnen zur Pflege und Erziehung übergeben, Napoleon III. forderte nun die Rückstellung dieses Kindes an seine Eltern, während der österreichische Botschafter dem Papste davon abrieth. Als nun 1870 die Italiener in Rom einzogen, da flüchtete der junge Mortara, der damals 22 Jahre Zählte und Mönch war, um nicht zur italienischen Armee assentirt zu werden, nach Spanien, wo er dann seine theologischen Studien fortsetzte und später Domherr in Sevilla oder Toledo wurde. Von Heimweh getrieben, hat sich nun der Domherr Mortara vor einigen Tagen bittschriftlich an König Humbert gewendet, damit er ihn als Militärflüchtling begnadige, was der König auch that. So konnte nun Dr. Pio Mortara sein Vaterland wieder betreten. Leider sind seine Eltern schon längst gestorben, denn der Gram über den Raub ihres Sohnes hat sie ins Grab gebracht. Dagegen leben noch viele seiner Anverwandten, mit denen aber der Domherr als Juden nicht in Berührung kommen wollte. > Vermischtes. «$■ Berlin. Ein Antrag auf Ausschluß der Juden aus der Berliner Turnerschaft kam in einer außerordentlichen Hauptversammlung dieser größterl turnerischen Bereinigung Berlins unlängst zur Verhandlung. Derselbe wurden unter stürmischen Beifall mit 342 gegen 30 Stimmen abgelehnt. Hamburg. Auf Anregung des hiesigen Lokat-Komites für die russischen Juden hat die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Aktien-Gesellschafi Schritte gethan, um den jüdischen Auswanderern nach Möglichkeit rituell zubereitete Verpflegung während der Fahrt nach Nordamerika, Argentinien rc. zu gewähren.

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