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Der Israelit · 1891-07-27 · Heft 59 (27.7.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 59 (27.7.1891)
Date
1891-07-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1102 So tief betrübend aber auch das Bild war, das sich da unseren Blicken darbot, so erhebend ist es wiederum, wenn wir die Hilfsbereitschaft, bie Bethätigung der reinsten, edelsten Menschenliebe einerseits, den Glaubensmuth und das seltene Gottvertrauen andererseits sich bekunden sehen. Den ganzen Tag leisteten Leute aus hiesiger Gemeinde den armen Brüdern und Schwestern Gesellschaft und überboten sich einander in ihren Dienstleistungen. Aber geradezu rührend war es, die armen Vertriebenen selbst zu beobachten. Als nach ihrer Ankunft alle versammelt waren, und der Hafenmeister sie fragte, wer hier bleiben und wer Wetter reisen möchte, da riefen alle wie aus einem Munde „hier bleiben!" Daß die regelmäßigen Gebete immer mit po gc&etrt wurden, ist selbstverständlich. Doch außerdem sah man fortwährend in allen Theilen des großen Schuppens einzelne Beter, die entweder oHnn oder sonstige, für den Sabbat bestimmte Gebete sagten. Thränen traten dem Beschauer in die Augen, als am besagten naip die Sonne untergegangen war, der Sabbat seinem Ende sich näherte und einer als Vorbeter TH 'v'vn nm, „Heil denen, die vollkommenen Wandels sind," anstimmte, und ein ganzer Chor nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern darauf antwortete. Unwillkürlich mußte da jedem das Bewußtsein vor die Seele treten, wie unendlich hoch die Unterdrückten und wie tief unter ihnen ihre Bedrücker stehen, das Bewußtsein, daß wir in Wirklichkeit ein annp »u sind, und darum kann auch trotz aller Leiden und alles Elendes die Hoffnung in uns nicht ertödtet werden, daß der Allmächtige unser Gebet erhören wird, daß buiw', der Hüter Israel wachen wird über den Ueberrest seines Volkes, daß er nicht wird verloren gehen lassen, diejenigen, die in ihm den einzigen Gott verehren, pm vt yj p». Lyck. Das hiesige Grenz - Comite veröffentlicht nachstehende Mittheilung: Verhandelt: Grenz-Comit« Prostken-Lyck, Mittwoch den 8. Juli morgens 8 Uhr. Es erschienen: I. Chajim Mausche Goldftein, Tuchmacher aus Kirischin (Gouv. Grodno), 30 Jahre alt, verheirathet, Frau und drei Kinder. 2. Tobias Schleppock, Fleischer aus Treftin (Gouv. Grodno), 44 Jahre alt, verheirathet, Frau und vier Kinder. Dieselben deponiren übereinstimmend: „Wir sind vor etwa 6 Monaten unter Belastung unserer Familie in der Heimath für eigene Rechnung nach Amerika ausgewandert, um dort Arbeit zu finden und dadurch unsere Familie zu ernähren, resp. dieselbe Nachkommen zu lassen. Wir suchten in New-Aork und Philadelphia Arbeit, haben aber, wie Tausende unserer Landsleute, die arbeitslos in den Straßen liegen und der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen, keine gefunden, obwohl wir uns zu den niedrigsten Arbeiten anboten. Wir entschlossen uns deßhalb zur Heimkehr, und es gelang uns, mit dreizehn Schicksalsgenossen, Handwerkern und Arbeitern aus den verschiedensten östlichen Gegenden, auf einem mit Ochsen beladenen Transportschiffe gegen schwere Arbeit Freifahrt nach Hamburg zu erhalten. Nach zweitägigem Aufenthalte in Hamburg erhielten wir von dem dortigen Comite Fahrkarten nach Prostken. Für die letzten Pfennige unserer Habe kauften wir uns Schwarzbrod, von dem wir auf der zweitägigen Reise lebten. Da wir vollständig mittellos sind, bitten wir das Cornitä um Gewährung von Mitteln, um über die Grenze und in unsere Heimath zu gelangen." Soweit die Aussage dieser Leute. Das Comittz überzeugte sich aus den Papieren derselben — aus inländischen Pässen vom 11./23. Januar d. I. — sowie auch durch eingehende Fragen von der Wahrheit der Angabe dieser Leute, welche auch persönlich einen vollständig Vertrauen erweckenden Eindruck machten. Daher beschloß das Comtte, die armen Menschen durch Bewilligung der erforderlichen Mittel in den Stand zu setzen, zu den Ihrigen zurückkehren zu können, hält es aber für äußerst notwendig, daß diese auch von anderen Comitös berichtete, fortwährende Rückkehr früherer Ausgewanderter allgemein bekannt gegeben werde, sowohl zur Warnung der Auswanderungslustigen in Rußland, als auch um die an der Grenze eingesetzten betr. Comites zu mahnen, nur mit der größten Vorsicht vorzugehen. V. G. U. (gez.) Chajim Mausche Goldstein, (gez.) Tobias Schleppock. S. U. A. (gez.) Dr. Bamberger-Königsberg, I. Hirschberg-Lyck, I. I. Jsserlin-Prostken, Ahrenfeld-Lötzen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 15. Juli. Nach einmonatlicher Dauer hat das Abgeordnetenhaus heute die Beratung über den Staatsvoranschlag abgeschlossen und damit den Hauptgegenstand seiner Thätigkeit in diesem Sessionsabschnitte beendet. Die letzte große Debatte, die erst heute in den Nachmittagsstunden zu Ende gebracht wurde, galt dem Justizbudget. Die unqualisicirbaren Schmähungen des Mechanikers Schneider gegen die wenigen, in relativ untergeordneten Stellungen befindlichen jüdischen Richter und noch mehr die schwächlichen Worte, mit denen der Justizminister Graf Schönborn diese Verdächtigungen begleitete und die Alles eher waren, als eine Abwehr, verursachten eine Verlängerung der Discussion, denn sie provicirten die schneidige Entgegnung des Abgeordneten Dr. Byk, und ihr schloß sich die nicht minder energische Polemik des Abgeordneten Dr. Jaques an, welcher

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