Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-07-27 · Heft 59 (27.7.1891) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 59 (27.7.1891)
Date
1891-07-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448177--32507-2480356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1101 Frist abläuft, in die Rayons ihrer Wohnsitzberechtigung überzusiedeln." Petersburg, 9. Juli. Die „Nowoje Wremja" eröffnet einen Feldzug gegen die von Juden unterhaltenen Buchdruckereien, das Blatt beruft sich dabei auf den Censur- Ustaw, nach welchem Juden nur gestattet ist, Typographien ausschließlich zum Druck hebräischer Bücher zu eröffnen, und zwar nur in den jüdischen Ansiedelungsrayons und an den Orlen, wo es das Ministerium des Innern für möglich und zweckentsprechend erachte, besondere jüdische Censoren zu haben. Warschau. Das Warschauer Amtsblatt, der dortige Dniewnik, läßt sich aus Tomaszow im Lubliner Gouvernement schreiben, daß die Juden dieser Stadt sehr auswanderungslustig sind und ihre Häuser um jeden Preis verkaufen wollen, aber keine Käufer finden. Es sei daher, heißt es ferner im Amtsblatte, die Besorgniß nicht unbegründet, die Juden, die niemals um eine Auskunft verlegen seien, würden, um von den Assecuranz-Gesellschafteu Gelder herauszuschlagen, ihre Häuser in Brand stecken. Das offizielle russische Organ betreibt, wie Figura zeigt, eine wüste Hetze, welche selbst das Gebühren unserer einheimischen Professions- Hetzer in den Schatten stellt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 14. Juli. Die auf Requisition der Staatsanwaltschaft erfolgte Verhaftung des Kaufmanns Paasch wirbelt in antisemitischen Kreisen viel Staub auf. Herr Paasch ist der Verfasser eines zweibändigen Machwerks, welches vor einiger Zeit unter dem Titel „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer" in Minden erschienen ist. Das Buch enthält die schwersten Anschuldigungen gegen die deutsche Gesandtschaft in China. Neben den überspannten Anschuldigungen gegen eine deutsche Gesandtschaft, athmet die Schrift des Herrn Paasch noch den glühendsten Judenhaß. Sogar die Thaten des Fürsten Bismarck haben Herrn Paasch auf den Gedanken gebracht, daß der erste deutsche Reichskanzler am Ende gar ein geheimer Jude ist. Herr Paasch fordert in seinem Buche direkt zur Ermordung der Juden auf. In der Vorrede spricht er die Erwartung aus, daß, wenn ihm etwas menschliches passieren sollte, jeder Mann, der einen Juden tobtet, noch einen zu seinem Andenken extra erschlägt. Für Herrn Paasch ist auch die Lösung der Judenfrage eine verblüffend einfache, er schlägt vor, die Juden ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht sämmtlich tot zu schlagen. Man sollte der Meinung sein, daß, wenn sich eines Mannes von solcher Denkungsart die Justiz oder der Irrenarzt erbarmt, die öffentliche Meinung keine Veranlassung hat, sich groß darüber aufzuregen. Anders die antisemitische Presse, sie erhebt einen großen Lärm gegen die Verhaftung des Herrn Paasch, die sie für ungesetzlich erklärt. Berlin. In der „Aut. Corr." war kürzlich zu lesen: „Ein muthiger Durchgänger! Der Premierlieuteuant und Bataillonsadjutant des 18. Regiments zu Würzburg, Jakob Fafel, machte sich der Unterschlagung und Urkundenfälschung schuldig und wurde fahnenflüchtig. Er hat hierbei die Kaffe der Speiseanstalt mitgenommen. Ein Steckbrief ist bereits erlassen. — Jakob? Urkundenfälschung? Unterschlagung? fahnenflüchtig? Kasse mitgenommen? Wie haißt? —" Es ist in der vorstehenden Notiz nicht ausdrücklich gesagt, aber nach der ganzen Fassung derselben soll der Leser in den Glauben versetzt werden, daß der durchgegangene Verbrecher ein Jude sei. Nach den auf Veranlassung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" an Ort und Stelle eingezogenen Erkundigungen ist der flüchtige Offizier aber der Sohn eines christlichen Handwerkers und von einer jüdischen Abstammung der Familie nicht das Geringste bekannt. Berlin. Die „Nordd. Allg. Ztg." will der Kasseler Reichstagswahl eine symptomatische Bedeutung nicht beimessen, bemerkt aber: „Sollten übrigens, wie von manchen Seiten als wahrscheinlich angenommen wird, sich die antisemitischen Stimmen oder ein Theil derselben auf die sozialdemokratische Seite schlagen, so kann darin unseres Erachtens nur ein Ansporn für alle anderen Elemente liegen, ihre ganze Kraft einzusetzen, um dieser Koalition, der man in Zukunft wohl noch öfter begegnen wird, den Erfolg streitig zu machen." Lübeck, 15. Juli. Schon vor einiger Zeit hat sich hier ein Comitö gebildet, das unseren ansgewieseuen russischen Brüdern, von denen viele unsere Stadt, von Memel und Stettin kommend, passiren, mit Rath und That zur Seite steht. Vor einigen Wochen kam ein Transport Ausgewiesener am raff an, und obgleich seitens des Comite's für Beherbergung und Bewkrthung zur Genüge Vorsorge getroffen worden war, mußten dieselben auf Veranlassung der Polizeibeamten doch noch an demselben Tage weiter nach Hamburg reisen. Dem Bemühen unseres Herrn Rabbiners n und der an der Spitze des Comittzs stehenden Herren Falk-Mecklenburg, Me yerWürzburg ist es zu danken, daß unsere vertriebenen Glaubensgenossen in Zukunft nicht mehr polizeilich gezwungen werden, den raff zu entweihen. So hatten wir denn am verflossenen mp 'd ratu zum ersten Male über 200 Emigranten ungefähr 24 Stunden bei uns zu Gaste. Die Handelskammer hatte mit größter Bereitwilligkeit einen Schuppen zur Beherbergung der Leute zur Verfügung gestellt, für die Bewirthung hatte das Comite in vorzüglicher Weise gesorgt; selbst an ärztlichem Rathe hat es, obgleich ernstlich Kranke n"j nicht vorhanden waren, nicht gefehlt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.