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Der Israelit · 1891-07-27 · Heft 59 (27.7.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 59 (27.7.1891)
Date
1891-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1100 Nichten ein unangebauter öder Erdstrich, dessen Boden erst in Ackerland umzuwandeln ist, der keine Wohnstätten bietet, der erst zu einem Heim gestaltet werden muß. Das hieße dem Hungrigen statt Brod Steine reichen. Das Werk der Kolonisirung bisheriger Einöden und Wildnisse kann nur von besonders für eine so schwere Arbeit Begabten unternommen werden, nicht aber von den Hundertlausenden Armer und Elender mit Weib und Kind. Wohl mögen unter den von amerikanischer Barbarei mißhandelten Juden einige wenige Männer anzutreffen sein, die in sich den Muth und die Kraft fühlen, als Pioniere nach den Urwäldern Argentiniens oder den seit Jahrtausenden verödeten syrischen Steppen zu gehen. Bevor diese Kühnen aber den Weg geebnet haben, bevor es ihnen gelungen ist, die Wälder zu lichten und die Wüstenei in Flur umzuwandeln, bedarf es der Jahrzehnte. Mit solchen weit ausblickenden Projekten, die ihre gedeihliche Verwirklichung von einer fern liegenden Zukunft erst noch zu erhoffen haben, ist für die Noth und das Elend der Gegenwart nicht im mindesten gedient. Es dürfte vielleicht keinen ungeeigneteren Augenblick für die Geltendmachung und Erörterung derselben geben als den gegenwärtigen, wo Hunderttausende nach einer neuen Heimstätte ausschauen. Wir selbst hatten dieser Tage Gelegenheit zwei russische Auswanderer bei uns zu sehen, Handwerker, denen die Verzweiflung auf der Stirn geschrieben stand. Die Armen hatten bei dem Hereinströmen der aus dem innern Rußlands Ausgetriebenen in den „Ansiedelungs-Rayon" in der berechtigten Befürchtung, daß dadurch die ohnehin kärgliche Existenz nothwcndigcr Weise verkümmert werden muß, den Entschluß gefaßt, in Amerika, dem gelobten Lande der Freiheit und Arbeit, sich eine neue Heimath zu gründen. Alle Habseligkeiten wurden versilbert, um den theuren Auslandspaß und die Reise bestreiten zu können. Sie hatten das Ziel ihrer sehnsüchtigen Hoffnung erreicht und sich angestrengt bemüht, Arbeit zu finden. Vergebens; sie fanden auch nicht die nöthige Unterstützung durch Rath und That. Man empfahl ihnen endlich die Heimkehr, und so wandertcn sie denn ärmer und elender als zuvor in die alte Zwingburg der Bedrückung, dem großen russischen Gefängniß entgegen. Aus einem uns mitgetheilten Schreiben des Lycker Grenzcomitös erfahren wir, daß dieser Fall nicht vereinzelt dasteht. In demselben wird ebenfalls von zwei Handwerkern berichtet, die vor sechs Monaten auf eigene Kosten unter vorläufiger Zurücklassung ihrer Familien nach Rew-Iork ausgewandert, von dort aber jetzt ohne einen Pfennig heimgekehrt sind, weil sie vergebens nach Arbeit gesucht hatten. Das erwähnte Comitö erachtet es mit Recht für äußerst nothwendig, „daß diese auch von anderen Comites berichtete, fortwährende Rückkehr früherer Auswanderer bekannt gegeben werde, sowohl zur Warnung der Auswanderungslustigen in Rußland, als auch die an der Grenze eingesetzten Eomittzs zu mahnen, nur mit der größten Vorsicht vorzugehen." Wir fragen darum ferner: Hat das „Deutsche Central-Comit« Schritte gethan, — falls es sich vergewissert haben sollte, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika die jüdischen Flüchtlinge überhaupt aufnehmen — um den von ihm beförderten Personen auch dort die höchst nothwendige Unterstützung durch Rath und That zu gewährleisten?? (Schluß folgt.) Zur Lage der Juden in Hlußland. Petersburg. Berichten zufolge, welche von Odessa in der russischen Hauptstadt einlangen, ist gegenwärtig unter den russischen Juden eine starke Emigrationsbewegung, welche Palästina zum Ziele hat, wahrzunehmen. In besonders großer Zahl verlassen die jüdischen Einwohner der Provinzen Podolien, Grodno, Wilna und Bessarabien das Land. Als Grund dieser, immer größere Dimensionen annehmenden Auswanderung wird die jüngst erflossene Verfügung angegeben, nach welcher den Juden der Aufenthalt auf einer fünfzig Kilometer breiten Zone von der Grenze nach einwärts verboten wird, und welche, unter dem Vorwände, daß die Juden sich mit Schmuggel befaßten, begründet wurde. Man wird jedoch nicht fehlgehen, wenn man die Ursache dieser Erscheinung zum Theile auch darin sucht, daß die Juden, die nun aus den Dörfern und Marktflecken vertrieben werden, nicht leicht in den Städten, in welchen ihnen der Aufenthalt gestattet ist, Zuflucht und Erwerb finden können, weil sie nicht im Stande wären, daselbst die Konkurrenz mit ihren erbgesessenen Glaubensbrüdern aufzunehmen. Die Durchführung dieser Auswanderung ist außerordentlich gut organisirt. Sobald die Emigranten, die nach Palästina ziehen, in Jaffa ankommen, ertheilt ihnen ein zu diesem Behufe eingesetztes Comitö alle nöthigen Belehrungen und Rathschläge und weist ihnen zugleich eine Bodenparzelle an, auf welcher sie sich hauptsächlich mit Gartenbau zu besassen haben. Der Ertrag dieser Arbeit soll ihnen die Mittel liefern, alljährlich Abzahlungen zu leisten, so daß sie nach Verlauf von zehn Jahren in den Besitz des von ihnen bebauten Bodens treten. Dieses Verfahren scheint sich zu bewähren und man muß zu dem Schlüsse gelangen, daß diese Colonisten ihre neue Lage ganz erträglich finden, da bis jetzt noch kein einziger Fall vorgekommen ist, daß ein solcher Emigrant es vorgezogen hätte, nach Rußland zurückzukehren. Die „Nowje Wremja" schreibt: „Die zahlreichen Juden, die seit vielen Jahren ungesetzlicher Weise in Petersburg gelebt und inzwischen sich in verschiedene Handelsunternehmungen eingelassen haben, sind verpflichtet, bis zum 14. Juli a. St., an welchem Tage die ihnen gewährte dreimonatliche

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