Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1891)
- Date
- 1891-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448176--32477-2480325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
1672 der gemeinsamen Konferenzen sind an der österreichischrussischen Grenze einerseits, an der preußisch-russischen Grenze anderseits Sichturrgscomites eingesetzt, welche die direkte Beförderung der Auswanderer in ihre neue Heimat besorgen. Gegenwärtig befinden sich in Krakau 400, in Oswiecim 500, in Lemberg 200 und in Husyatin 100 Auswanderer, welche der Weiterbeförderung harren. Denselben wird die Durchfahrt durch deutsches Gebiet nur gegen Vorweisung der Schiffskarte gestattet. Angesichts der sich stets vergrößernden Anzahl von Personen, welche in Folge der Gerüchte vom Ankäufe großer Länderstrecken zum Zwecke der Kolonisation in der Auswanderung eine Erlösung ans unerträglich gewordenen sozialen Verhältnissen in Rußland erwarten, sah sich das Comitö zu einer energischen Dementirung solcher Gerüchte veranlaßt. Nach den diesbezüglichen Erklärungen hat in Argentinien, wo Tausende eine neue Heimat zu finden hoffen, Baron Hirsch für die Ansiedlung von 500 Personen gesorgt, während die von Baron Rothschild schon vor Jahren in Palästina gegründeten Ackerkolonien nur für eine beschränkte Zahl von Ansiedlern berechnet sind. Das österreichische Comitö war in der Lage, bisher 140.000 fl. für die Auswanderer zu verwenden, welcher Betrag sich jedoch im Verhältniß zum vorhandenen Bedarf als völlig unzulänglich erweist. Aus Ungarn. Einer Deputation der orthod. Judenheit, die vor Kurzem beim Handclsminister wegen des „Sonntagsruhegesetzes" Vorstellungen machten ertheilte der Staatssecretär Lucatz in Vertretung des Ministers folgende Antwort: „Se. Erzellenz hat die Information, daß „die Juden ohnehin den Samstag nicht halten „und daß auch Diejenigen, die ihn jetzt noch „feiern, mit der Zeit gleichfalls am Samstag „ihre Geschäfte aussperren werden. (?) Doch „seien Sie überzeugt, daß falls die Erfahrung „zeigen sollte, daß der Minister irrig informirt „gewesen und daß wirklich eine bedeutende Anzahl Bürger, die, weil sie den Samstag feiern, „in Folge der Sonntagsruhe zu doppelter Panse „verhalten wären, dann wird dieser auch in „nationalökonomischer Hinsicht wichtige Umstand „der Beachtung des Ministers nicht entgehen, „weil ja die Durchführungsverordnung keine „heilige Schrift ist, sondern, wenn sie sich in der „Ausführung als schlecht und wenn sich die „seitens der orthodoxen Juden in ihren hteher „eingereichten zahlreichen Gesuchen ausgeführten „Bedenken als wahr erweisen sollten, dann wird „die entsprechende Abhilfe keinesfalls ausbleiben." (Wir werden den Gegenstand noch einer eingehenden Würdigung unterziehen. Red.). Rumänien. Bukarest. Obgleich Minister Catargiu einer Deputation der inländischen Jndenschaft die bestimmte Erklärung abgegeben hat, daß die anläßlich der russischen Judenauswanderungen. von der Negierung ergriffenen und noch zu ergreifenden Maßregeln durchaus keine Bedrohung der einheimischen Israeliten, sondern nur die Fernhaltung eines landfremden jüdischen Proletariats von den Grenzen Rumäniens bezwecken, liegen doch aus der Provinz mehrfache Meldungen über verschiedene Plackereien vor, welchen die ansässigen Juden seidens der Lokalbehörden ausgesetzt sind. So ist der Rabbiner von Plojest, eine allgemein bekannte und geachtete Persönlichkeit, im Orte seiner Amtswirksamkeit unter dem angeblichen Verdachte, eingewanderter russischer Jude zu sein, bei helllichtem Tage verhaftet und mehrere Stunden ohne Vornahme eines Verhörs eingesperrt gehalten worden. — Syrien. Aleppo, 5. Juli. Die Cholera die schon seit mehreren Tagen in unserer Umgegend wüthete, ist nun auch hier ausgebrochen und kamen die ersten Erkrankungen im Judenviertel vor. Gleich am ersten Tage gab es drei Todte. In den Synagogen hier werden Gebete abgehalten, damit die Seuche bald aufhöre. Leider trägt der Umstand, daß die Juden hier enge beisammen wohnen, viel dazu bei, daß die Krankheit täglich neue Opfer fordert. Uebrigens hat sich die Krankheit auch schon in die Viertel der Mohamedaner und Christen eingeschlichen wo sie nun gleichfalls Ernte hält. Die Mohamedaner wallen in Hellen Schaaren nach der Moschee, in der ihrer Ueberlieferung zufolge der Prophet Secharja. > Vermischtes. °s- Königsberg. Mit dem Dampfer „Petersburg" wurden heute 3 Uhr morgens 60 ausgewiesene Jndenfamilien nach Stettin befördert, um von dort nach Amerika eingeschisst zu werden. Bon einer Ansiedlung derselben in Palästina kann vorläufig keine Rede sein, da erstens die bezüglichen Verhandlungen noch nicht soweit gediehen sind, andrerseits aber auch nur Leute hin können, denen die erforderlichen Mittel zum Landankaus zur Verfügung stehen, was bei den meisten Ausgewisenen nicht der Fall ist. An Bord des Dampfers erfolgte eine nochmaliche Vertheilung von Brod, Milch ic. an die Auswanderer. Sowohl seitens der hiesigen wie der Stettiner Reedereien werden den Passagieren, die auf Deck untergebracht wurden, erhebliche Ermäßigungen gewährt. Wien, 21. Juli. In der gestrigen Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus wurden die Vorschläge des Professors Nothnagel aus Bildung eines Agitationscomitös in Stadt und Land angenommen. Die Ausführungen Nothnagels, es gebe keine jüdischen Unarten, fanden stürmische Zustimmung.