Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1891)
- Date
- 1891-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1070 liche, falsche, und wenu ihr eS genau betrachten wollt, uns Christen nicht wenig zur Verachtung gereichende Rede. Bleibt bei der Wahrheit, indem ihr solchen Wahn fallen laßt, o Christen! Wir wollen nicht etwas erdichten, was falsch ist und uns keine Ehre macht!" Pfefferkorn war einer der bissigsten Judenfeinde aller Zeiten, aber er war ehrlich und haßte in gutem Glauben; die heutigen antisemitischen Pfefferkörner beißen auch, aber ihre Triebfeder Ist nicht die Ueberzeugung, sondern die Lüge, ihre Waffe ist nicht die Reinheit, sondern der Schmutz, ihr Ziel ist nicht die Tugend, sondern das Verderben. Der Verfasser bemüht sich, den Ursprung der Blutbeschnldigung zu ergründen, er beschwört die Christenheit, die zahllose Blutthaten an den Juden im Laufe der Geschichte begangen und selber unter dem traurigen Aberglauben gelitten, jene Lüge nicht mehr zu wiederholen und schließt sein denkwürdiges Buch mit den Worten des Christen Tertullian (Apologeticum Cap. 7): „Wir heißen die verruchtesten Menschen wegen des geheimnißvoll geübten Brauches, Kinder zu morden und zu verzehren. Wir werden so genannt, aber ihr sorgt nicht darum, es zu erweisen. Lr§o aut eruite 8i creditis, aut oolite credere, qui non eruistis. ... Erweiset es also, wenn ihr es glaubt, oder glaubt es nicht, da ihr eS nicht erwiesen habt!" Mit eigenartig traurigen Empfindungen legen wir das Buch aus der Hand. Gewiß wird diese glänzende Apologie eines orthodoxen Protestanten und bedeutenden Forschers gekauft, gelesen und gepriesen werden, sicher wird die herrliche Schrift, welche eine That bedeutet, die Juden erfreuen und beglücken, die Nichtjuden belehren und mahnen, aber ist es nicht schmerzvoll, daß heut, wo das Jahrhundert der Intelligenz bald schlafen gehen wird, man auch nur einen Tropfen Tinte noch verschreiben muß, um einen unsäglichen Aberglauben zu bannen! Und diesem blinden Wahn sind Hunderte von Menschen zum Opfer gefallen, und im Lichte des Tages dürfen Lügenbolde, denen Gott einst den Wahrheitstrieb in die Seele gesenkt, es wagen, jenes „Märchen aus alten Zeiten" zu erneuern, ohne ins Zuchthaus oder Narrenhaus gesperrt zu werden! Doch ein Trost bleibt uns in allem Weh der Zeit: die Geschichte«, die größte Lehrmeisterin der Menschheit. Mag die Bosheit und Niedertracht die Drachensaat des Hasses pflanzen — auch in der Geschichte gibt es eine Saat und eine Ernte, Gott der Allmächtige wird es sehen und richten! *) *) Sonderabdrücke dieses Artikels zur Verbreitung stehen den geehrten Lesern auf Verlangen kostenfrei in beliebiger Anzahl zur Verfügung. Red. Zeitnngsrrachrichteu und Corresporrdenzen. Deutschland. Mainz, 17. Juli. Wir waren heute wiederum so glücklich, eine weitere Sendung von M. 500 (zusammen nunmehr M. 1000) an Herrn Oberrabbiner Jizchak Elch an an Spector in Kowno für unsere durch Brände yeimgesuchten Brüder abgehen zu lassen. Da nach uns zugehenden Berichten die Noth dieser das Allernothwendigfte entbehrenden Armen eine unbeschreibliche ist', so ließen wir den genannten Betrag telegraphisch durch ein russisches Bankhaus zur Auszahlung bringen. Um weitere Gaben bitten wir dringend, auch die kleinsten Beiträge find willkommen mn wn w -]T rbwn iww baa 'i pna\ Mainz, 22. Juli. Das russisch-jüdische Comtls in London ist der Aufforderung Gladstone, über die jüdische Frage in Rußland authentische Nachrichten zu sammeln, nachgekommen. Seit dem 15. dieses Monats gibt dasselbe unter dem Titel „DarketRussia“ eine Monatsschrift heraus, in der alle auf die russischen Juden bezüglichen Vorkommnisse nach sorgfältiger Prüfung und Sichtung veröffentlicht werden. Die erste Nummer enthält außer vielen von uns bereits publicirten Nachrichten die schreckliche Verfolgung des Rabbiners Jacob Feldbau, (Verfasser mehrerer jüdischer Werke) und seiner Familie bei Kamenitz wohnhaft, welcher binnen 48 Stunden die Stadt verlassen mußte und unter den größten Strapatzen erst nach mehreren Tagen fast verhungert die Grenze erreichen konnte. Er wurde ausgewiesen, weil er Jude und in Bessarabien geboren ist, bevor dasselbe Rußland einverleibt worden. Berlin. Wir finden in der hiesigen Post folgende gegen die reichen russischen Juden gerichtete Bemerkung.- „Der Korrespondent des Daily News in Odessa bemerkt in einer Schilderung der Juden-Auswanderung zum Schtusse: „Das Elend der meisten dieser Auswanderer ist eine Schmach für die Mehrzahl ihrer reicheren Religionsgenossen, die so leicht ein Unterstützungs-Comite bilden könnten. Sie ziehen es aber vor, ihre verstoßenen Brüder der Mildthätigkeit der Millionäre in Westeuropa zu überlassen." Wir haben noch nicht bemerkt, daß eines jener Blätter, die das gesammte Publikum Europas, und nicht nur die Millionäre, unter Klagen über die Barbarei der russischen Zwangsdekrete in Anspruch nehmen, über die hier gekennzeichnete Discretion der reichen russischen Juden ein Wort verloren hätte." Der Urheber dieser Mittheilung und die Post sind mit den eiuschlägigen Verhältnissen nicht vertraut, sonst würden sie Obiges nicht geschrieben