Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1891)
- Date
- 1891-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1069 gestrichen, läßt bei Nacht sehen, gedörrtes Taubenblnt, geschnupft, hilft gegen Nasenbluten. Bestürzt und verwundert fragen wir uns: „War das möglich?" — und es dünkt uns, den im Lichte des Jahrhunderts Strebenden, wie „ein Märchen aus alten Z eiten." Wie wunderbar hebt sich von diesem düstern Hintergründe der zweite lichtvolle Theil der Schrift ab, welches über den Blutgenuß nach jüdischer Religionssatzung handelt. Die heilige Schrift verbietet den Genuß jedes Blutes, und der Ritualcodcx geht noch weiter. Gewisse Adern dürfen wegen des in ihnen enthaltenen Blutes nicht genossen, ein Ei mit einem Blutstropfen darf nicht benützt, Fleisch muß wegen des Blutes eingewässert und ausgesalzen, die blutreiche Leber gebraten werden. Jedes Genießen menschlichen Blutes ist religiousgesetzlich unbedingt untersagt. Gewiß kennt der Talmud einige Heilmittel durch Thierb l u t — und der Verfasser vergißt auch kein einziges zu nennen, soweit sie selbst in mittelalterlichen Schriften angeführt sind, doch Menschenblut wird nach dieser Richtung hin im jüdischen A l t e r t h u m überhaupt nicht erwähnt, der abergläubische Jude des Mittelalters verwendet sein eigenes Blut und zwar besonders zur Stillung von Blutungen. Als Heilmittel gegen den Aussatz wird im jüdischen Aberglauben Blut nie erwähnt, auch nie wird, selbst Thierblut, wie so oft bei den Christen, zu abergläubigen Zwecken getrunken oder getrocknet verschluckt. Der Vers, weist nach, daß der jüdische Aberglaube aus nichtjüdischen Kreisen hineingetragen wurde und der jüdischen Religion ganz fernlag. Das rinnende Blut der Opferthiere wurde au Gärtner zum Düngen verkauft. Wohl haben Juden gar oft, wie sie selbst melden — so ruft der Verfasser aus — ihre eigenen Kinder geschlachtet, doch nur, um sie vor der Taufe zu retten, haben sie das gethan! Nach alledem muß der Verfasser die Frage: „Ist die Anwendung von Christenblut für irgendeinen Ritus der jüdischen Religion erforderlich oder g estattet?" mit einem lauten „Nein" beantworten. Doch der Vers, führt noch weitere Gründe für die Verneinung der Frage an: 1. Wenn der Gebrauch von Christenblut zu diesem Zwecke geboten, ja auch nur gestattet wäre, so müßten in der an Umfang geradezu ungeheueren und auf alle Einzelheiten des gottesdienstlichen wie des häuslichen Lebens eingehenden halachischen Literatur der Juden darauf bezügliche Stellen nachzuweisen sein. Allein weder der Eifer der Kundigen unter den Polemikern christlichen Glaubens, noch der durch den Haß geschärfte Blick derjenigen Proselyten, welche ihre Anhänglichkeit an die neue Religion durch fanatische Judenfeindschaft erweisen wollten, hat aus allen jenen Schriften irgend etwas anzuführen vermocht, was im mindesten zur Bestätigung der Behauptung dienen könnte. Es ist auch nicht zu erwarten, daß solche Stellen etwa in Handschriften des Talmuds oder der anderen alten jüdischen Literaturprodukte noch werden gefunden werden. Diejenigen Proselyten, welche die in Rede stehende Beschuldigung gegen das Judenthum ausgesprochen haben, find durchweg ebenso boshafte wie unwissende Judenfeinde gewesen, auf deren Aussage, da keine Beweise hinzugefügt sind, kein Gewicht zu legen ist. 2. Allgemein anerkannt ist, daß diejenigen Juden, welche überhaupt an ihrem Religionsgesetze festhielten bezw. festhalten, stets bereit gewesen sind bezw. noch bereit sind, eher ihr Leben zu lassen, als diesem Gesetze untreu zu werden. Wenn es nun irgend eine Satzung gäbe, welche die Benutzung von Christenblut gebietet, so würde solches Blut alljährlich erforderlich sein, also auch vergofien werden; dann aber müßte, zmual aus der Zeit der letzten hundert Jahre, mindestens in den Rechtsstaaten Europas, in deren Mitte die Juden zerstreut leben, eine erhebliche Anzahl von Fällen in zweifelloser Weise nachgewiesen sein. An solchen Nachweisen fehlt es jedoch durchaus. Ferner müßte die Beschuldigung des rituellen Blutgebrauchs irgendwo ausgesprochen sein; auch müßte sie in allen Jahrhunderten seit Stiftung der christlichen Religion sich Nachweisen lassen. Aber weder ein Ueberall noch ein Zu-allen-Zeiten hat statt. 3. Die Beschuldigung rituellen Blutgebrauchs findet sich sehr häufig neben Wunderberichten, die auf die Eigenschaft der Geschichtlichkeit keinen Anspruch erheben können und neben anderen gegen die Juden gerichteten Anklagen, welche bei der ersten genauen Untersuchung sich als unglaubwürdig erwiesen. — Somit wäre es nur denkbar, daß gerade die unablässige Wiederholung der Blutlüge irgendeinmal irgendwo ein geistig nicht voll zurechnungsfähiges Subjekt, das als Jude geboren, auf die wahnsinnige Idee gebracht hätte oder brächte, einmal zu versuchen, ob denn wirklich Ehristenblut ein ganz anderer Saft sei als Judenblut. Ein derartiges Ereigniß würde selbstverständlich nicht dem Judenthum, würde insonderheit nicht der jüdischen Religion zur Last gelegt werden dürfen. Uebrigens beachte man wohl, daß kein einziger derartiger Fall zuverlässig bezeugt ist. Der Verf. zerzaust sodann deuProf. Rohling, dessen Beweise „ein Gemisch von grober Unwissenheit und Entstellung des Sachverhalts" seien, er bringt den Fall Bernstein, das Ereigniß von Vechta, er erklärt die Erscheinung des sog. „blutenden Hostien" die nach wissenschaftlicher Feststellung durch ein monadenartigcs Thierchen erzeugt seien (Verhandlungen der preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vom 26. October 1848) und er führt die Gegenbeweise von getauften Juden, geborenen Christen und haßerfüllten Judenfeinden an, So schreibt u. a. der berüchtigte Pfefferkorn in seinen! speeulnw adhortationis iudaicae ad Clirstu. (Köln 1507): „Ich möchte ein verbreitetes, aber nichtiges Gerede gegen die Juden widerlegen, damit wir Christen nicht deßhalb lächerlich werden. Man fagt gemeinhin unter den Christen, daß die Juden Ehristenblut als Heilmittel zu brauchen nöthig hätten und deßhalb kleine Christenkinder tödteten. Theure Christen! Glaubt das nicht! Es widerspricht der heiligen Schrift und dem Gesetze der Natur und der Nernunft. .... Fiehet und vermeidet also diese lächer