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Der Israelit · 1891-07-23 · Heft 58 (23.7.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 58 (23.7.1891)
Date
1891-07-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1068 Wir in Eintracht und Frieden leben, brennend in das Antlitz steigen, wenn sie den nackten Beweis finden werden, daß die eigentliche Stätte des Blutaberglanbens das Christenthum ist und wenn sie aber daran denken, wie eine Schaar catilinarischer Existenzen, die alles verloren oder nichts mehr zu verlieren haben, sich erfrecht den verschollenen christlichen Aberglauben zum Gegenstand einer schändlichen Blutanklage gegen das Judenthum zu erheben. „Was ich habe Vorbringen müssen", so schreibt der Vers, im Vorwort „ist zum großen Theil recht garstiger Natur. Soll aber die furchtbare Krankheit des Aberglaubens geheilt werden, so müssen wir zuvor die Krankheit kennen, sie scharf ins Auge fassen. Das ist ein schlechter Wundarzt, der sein Auge bebend von der kranken Stelle abwendet, da doch nur ein mit sicherer Hand vollzogener Schnitt die Wurzel des Nebels beseitigen kann. An unsere christliche Geistlichkeit, an unser ganzes christliches Volk wendet sich mein Mahnwort: Auf zum Kampfe, nicht nur wieder den Unglauben, sondern auch wieder den Aberglauben! Herr Strack beleuchtet in der Einleitung die die Bedeutung des Blutes für das Leben und im ersten Capitel die Werthschätzung des Blutes bei den alten Völkern. Die Skythen schlossen Verträge, indem sie sich mit einem Messer ritzten, das Blut in Wein gossen und den Wein tranken. Die Romanen ließen Blut ans ihren Adern in einen Becher rinnen und tranken es gegenseitig aus, um eines Bluts zu werden, die Meder und Lyder ritzten sich am Arm in die Haut und leckten dann das Blut einander ab, und ähnlich verfuhren die Iberer und Armenier. Wenn die Iren Bündnisse schlossen, trank einer des andern freiwillig vergossenes Blut, und Herodes erzählt, wie selbst Griechen und Römer Kinder schlachteten und deren mit Wein und Wasser gemischtes Blut tranken. Das nächste Capitel zeigt, wie das Blut anderer Menschen zu Heilungszwecken verwandt wurde. Nach Plinius tranken Fallsüchtige das Blut von Fechtern, so lange es noch warm war, auch auf Halsentzündungen sollte Mcnschenblut heilsam wirken. Besonders haftete der Aberglaube an dem Katamenienblut. Die Aebtissin Hildegard rühmt Mcnsirualblutbäder beim Anssatz, und Dutzend anderer Mittel durch Blut galten in christlichen Ländern als heilkräftig. Longinus wusch sich mit dem Blute, das ans den Wunden des Stifters der christlichen Religion floß, sein Auge und glaubte hierdurch klar sehend geworden zu sein. Blindheit wird sonst durch Herzblut geheilt, -gegen Kinderkrämpfe wird empfohlen, daß sich der Vater in den Finger sticht und drei Blutstropfen dem Kinde aus der Wunde in den Mund thut. Noch im 17. Jahrhundert schlägt eine schöne und vornehme Frau in Ungarn ihr Kammermädchen in's Gesicht, so daß es blutet und ein Tropfen Blut auf ihre Wange kommt. Sie wischt sie ab, meint aber, die von dem Blut berührte Stelle sei viel schöner geworden. Da denkt sie: „wenn ich mich bloß mit Me lisch enb lut waschen könnte!" Es müßte aber warm und von einem jungen Mädchen gekommen sein. Sie entdeckt sich einer alten Frau, und sie sperren das Mädchen in einen Keller, binden es und nehmen ihm jedesmal durch Nadelstiche so viel Blut ab, als sie zum Wascheu brauchen, bis es nach einem Monat verschmachtete. Die Frau dünkt sich jetzt schöner als je und will das bewährte Mittel nicht mehr entbehren. Da es damals Sitte war, daß edle Frauen arme Mädchen zu sich nahmen, erzogen und versorgten, so wählt sie solcher viele aus, martert nach und nach a ch t u n dz w an z i g, bis endlich die Gräuel an den Tag kommen und sie mit der Alten auf öffentlichem Markte verbrannt wird. In dieses Capitel gehört auch der traurige Aberglauben, der in den Hexenprozessen hervortrat. Ueberaus interessant ist es, wie der Vers, uachweist, daß überaus häufig Menschenblut den Aussatz heilen niußte (vgl. der arme Heinrich von Hartmann von der Aue), wie man sich selbst verwundete, um die verschiedensten Krankheiten mit dem eigensten Blute zu heilen und wie hierzu nicht die albernsten, sondern auch die gefährlichsten Verwundungen vorkamen. Das siebente Kapitel führt zahlreiche Beispiele aus den verschiedenste:! preußischen Provinzen und anderen Ländern dafür an, daß man Leichen und L e i ch e n t h e i l e zur Heilung von Krankheiten benutzte, daß man zu diesem Zwecke Leichen verstümmelte, die Ruhe der Gräber störte und besonders „die Totenhand" Wunder wirken ließ. Weitere Capitel zeigen, wie man selbst das Blut von Hingerichteten und von Selbstmördern gegen Krankheiten in den widersinnigsten Formen benützte, wie der Strick des Gehängten sich besonderer Werthschätzuug erfreute und wie der Aberglaube oft zu Verbrechen trieb. Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde ein Sattler hingerichtet, welcher den Wahn hatte, der Mensch werde fliegen können, wenn er 9 Herzen von ungeborenen Kindern äße. Vor seiner Hinrichtung hatte er bereits acht Mordthateu begangen. Aehnliche Greuel geschahen in Nürnberg zur Erlangung von Diebeslichtcrn. Geradezu grausig liest sich dieses Capitel von dem Aberglauben, welcher Morde vcranlaßte. Daß Thierblut in zahllosen Fällen gegen zahllose Krankheiten angewendet wurde, ist selbstverständlich. Katzeublut half gegen Fieber, Hasenblut trinkt man gegen Krämpfe, Blut von einer Eselstute gibt die Sprache wieder, Flcdermansblut über die Augen

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