Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1891)
- Date
- 1891-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXH. Jahrgang. M 58. Israelit». Jcscharun. Wft M MrstklMst B. Geistes Md jkd. Kedm lll Ms. GkAklMr Md -Ale. Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Br. Lehman« in Mainz. Donnerstag, den SS. Juli 5651 (1891). Leitender Artikel. Ein Märchen aus alten Zeiten. Von l)r. Adolf Blumentlial. Norderney, 20. Juli. Als der Rabbinatscandtdat Max Bernstein in Breslau am 21. Februar 1889 wegen einer an einem Knaben begangenen Körperverletzung unsittlicher Natur vom Gericht verurtheilt worden war und die Hctzpresse auf der ganzen Linie die Lüge des „rituellen Mordes" wieder laut verkündete, suchte ich in einem Aufsatz die feindlichen Angriffe zu entkräften und setzte einen Preis von zehntausend Mark für denjenigen aus, der in der gesummten zweitausendjährigen censirten oder uncensirten jüdischen Literatur auch nur den blassen Schimmer eines „rituellen Mordes" entdecken könnte. Die „Conservative Korrespondenz", das derzeitige offizielle Organ der conservativen Partei, brach mit seiner Artikelserie über die Blutbeschuldigung sofort ab, während die Herren von der Zunft ungelehrig und unbelehrt weiter logen und von mir verlangten, daß ich erst die 10,000 Mark deponiren sollte, was ich indeß aus Gründen, die ich damals ausführte, ablehnen zu müssen glaubte. Max Bernstein wurde freigesprochen auf ein Superarbitrium der königl. wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen vom 5. November 1890, welches constatirte, daß Bernstein an „religiöser Verrücktheit" (Paranoia chronica religiosa) leide, und daß nicht weniger als sieben seiner Verwandten theils von mütterlicher, theils von väterlicher Seite in Irrsinn gestorben sind oder noch in geistesgestörtem Zustande leben. Doch ein echter Deutscher forcht sich nit, die Gilde fabrizirte neue „rituelle Morde", die zehntausend Mark bemühte sich niemand zu erwerben, obwohl doch diese Summe für Leute, die für 10 Pfennig pro Zeile Haß und Zwietracht im Vaterlande säen, kein Gegenstand besonderer Verachtung hätte zu sein brauchen. Es kam Korfu, die .vetzpresse zog wieder zum Vernichtungsfeldzug gen Israel aus, und die sauberen Blätter der reinen Antisemiten verspeisten in jeder Morgennummer zum Frühstück ein Dutzend rituelle Mörder, was schließlich nicht zu verwundern ist, da doch jeder Mensch leben will. Leider war das ermordete Mädchen eine Jüdin, indes was thut's! Das Mädchen hätte doch auch eine Christin sein können, wenn sie keine jüdischen Eltern gehabt hätte, und es ward weitergefabelt. Mordet nicht, der Europäer rituell, so thut es sicher der Orientale, uud thut er es nicht jetzt, so war er es doch einmal! Ja, es war einmal — alle Märchen beginnen mit diesen Worten, warum sollte nicht auch das Blutmärchen, das aus alten Zeiten so wundersam herüberklingt in das frischwogende Leben der Gegenwart, auch einmal gewesen sein? Ihr armseligen Wichte, deren tägliches Brot die Lüge und deren Trank das Gift der Verläumdung ist, o, hättet ihr geschwiegen! Es wäre euch der Vernichtungsschlag erspart geblieben, den v. Hermann L. Strack, der streng orthodoxe und hochkonservative Professor der protestantischen Theologie an der Berliner Universität und das Ehrenmitglied des „Vereins deutscher Studenten" in seiner heut erschienenen Brochüre auf euer Haupt herntedersausen läßt. Nützen wird es nichts, denn ihr habt einen harten Schädel, vielleicht avancirt Herr Strack gar in den nächsten 24 Stunden zum „Judenknecht", doch die Welt soll es erfahren, und wer noch einen Funken von Ehrgefühl im Leibe hat, wird sich von euren blutgetränkten Lügen nunmehr mit Abscheu wenden. „Der Blutaberglaube bei Christen und Juden" — so lautet die genannte auf gründlichsten Studien beruhende Schrift des christlichorthodoxen Professors.*) Die Röthe der Scham wird unseren christlichen Mitbürgern, mit denen *) München, Verlag von Beck. 60 Seiten. Preis 1 M.