Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1891)
- Date
- 1891-07-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1066 UioDim'it Kirche aufitclimeit zu lafjert, oder ailszuwailderu. Tuhcr der grausame Truck, der so schonungslos ausgeübt wird. Durch Noth und Ekltbeyriiilgeu, durch Verfolgttttgett und Beschränkungen will inan die Judcrc zum Ehrislcnthum belehren. Man stellt ihnen die Alternative: Taufe oder Emigration. Und um die Wahl zwischen diesen beiden Ertremen zu beschleunigen, wird alles Mögliche ins Werk gesetzt, scheut man vor nichts zurück. Herr Pobedouoszew verlangt jedoch nicht Bekehrung zum Chriüenthum, sondern ausschließlich zur orthodoxen rechtgläubigen Kirche: nur diese kann menschliche und bürgerliche Rechte verleihen und wenn der jüdische Perin christlicher Bramin werden will, mit» er rechtgläubig werden. Die evangelische Kirche, das Liilberthuiu kann und soll dergleichen Rechte nicht verleihen. Während den orlhodoren Geistlichen vorgeschrieben ist, einen jüdischen Proselytcn sofort zu taufen, ist es den evangelischen Pastoren verboten lvorden, Juden zu taufen, bevor dieselben acht Monate in den Glaubensdogmen unterrichtet werden. Dann erst müssen sie ein öffentliches Examen bestehen, dessen Programm jedoch so uinfasseud ist, und dessen Aufforderungen so übertrieben strenge sind, daß ein glückliches Bestehen dieser Prüfung fast ein Ding der Unnröglichkeit ist. Die ungeheure Majorität der Proselyten fällt auch durch und so ist der Aufnahme der Juden in den Schooß der evangelischen Kirche erfolgreich ein Riegel vorgeschoben. Die Pastoren selbst rathen den Juden davon ab, indem sie sagen, daß ihre Vorschriften in dieser Beziehung zu strenge sind. Trotz dem fürchtcrllchen Truck, der jetzt ausgeubt wird, ist die Zahl der Nebertritte von Inden zur rechtgläubigen Kirche eine verschtvindend geringe. Herr Pobedouoszew weiß sehr gut, welches die Motive sind, die die Juden zur Taufe bewegen. Er sagte neulich: „Ich weiß, daß die Juden sich laufen, um das Recht zu erlangen, überall in Rußland zu wohnen und ihre Nahrung zu suchen. Doch das thut nichts. Tie erste Generation der getauften Juden hat für uns keinen Werth, dahingegen werden die Nachkommen für^ Utls wichtig sein. Ebenso wie Moses die durch hundertjährige egyptische Knechtschaft entarteten Juden vierzig Jahre in der Wüste irren ließ, damit die alte Generation aussterbe und die neue die erlangte Freiheit genieße, so setzen wirkeine Hoffnung auf die alte jüdische Geueratiou, aber die Kreuzung der Rassen, die durch die Taufeil und gemischte Heirathen bewirkt wird, muß in Folge große Resultate liefern. Tie jüdische Rasse hat hervorragende Eigenschaften, die der slavischen Rasse insentirt, einen Menschenschlag hervorbringen würde, mit dem sich kein anderer messen würde können. Bringt man in den mächtigen slavischen Organismus jüdische Nüchternheit und Betriebsamkeit, jüdischen Fleiß und Beweglichkeit, die häuslichen Tugenden der Juden, ihre Sittenreinheit llud Familienanhänglichkeit, so wird eine Race geschaffen, welche die erste der Welt werden muß." Und zur Erreichung dieser Ziele, zur Veredelung der slavischen Race scheut man vor nichts zurück. Herr Pobedouoszew weiß sehr gut, daß diese seine Politik viele Gegner hat, daß man vielleicht mit dem Ziele, das er im Auge hat, sympathisirt, jedoch die Mittel, die er zur Erreichung desselben anwendet, durchaus nicht billigt, da dieselben im grellsten Widerspruche mit den etemeniarsien Begriffen der Humanität sichen. Daher bringt der allmächtige Prokonsul auch seine jüdischen Reformprojekte llicht vor das Forum des Ministerkonstils oder des Reichsraths, dessen liberale Majorität diese drakonischen Gesetze verwerfen würde, sondern er läßt sie einfach durch den Kaiser sanktioniren, was sogar in einem absolutistisch regierten Staate als illegal betrachtet wird. Doch was kümmert sich Herr Pobedouoszew um Gesetzlichkeit! La legalite nous tue! und er hebt bestehende Gesetze auf, läßt sie vielmehr durch seine Kreaturen anfheben, durch den Kaiser sanktionireu, und hat durch dieses Verfahren eine Erregung hervorgerusen, die immer mehr um sich greift, und die leicht in der nächsten Zukunft zu höchst bedauerlichen Gcwaltthätigkeiteu, ja Massaere führen kann. Das russische Volk ist im Ganzen und Großen sehr tolerant, kennt keine Racen- und Religionsvorurtheile, ist nachsichtig und gutmüthig gegen Andersglaubende. Der Raeenhah und die konfessionellen Verfolgungen sind den Russen künstlich von oben einokulirt worden. Sobald das russische Volk sieht, daß eine gewisse Nationalität, eine gewisse Konfession systematischen Verfolgungen ausgesetzt wird, und zwar seitens der höchsten Regierung, daß den Anhängern dieser Nation und Konfession die prmitivsten menschlichen, die elenicutarsten bürgerlichen Rechte genommen werden, bildet sich die Ansicht heraus, daß die derartig Bedrückten diese Verfolgungen sicherlich verdienen. Das ist die Ursache, warum die Juden gegenwärtig zum Gegenstand allgemeinen Hasses, allgemeiner Verachtung geworden. Die Regierung hat sie geradezu für vogelfrei erklärt, und Städte und Dörfer, in denen die jüdische Konkurrenz die rechtgläubigen Interessen bedroht, den Gewinn der Urbevölkerung beeinträchtigt, petitioniren bei der Regierung, daß man die Juden aus dem betreffenden Rayon ausweise. Die fanatisch-politische Orthodoxie des Prokonsuls wird durch die egoistisch-nationationalen Bestrebungen gewisser Volksklassen unterstützt, und da die sechs Millionen'Juden den Kampf ums Dasein den vierzig Millionen Slaven erschweren, so heißt die allgemeine Losung: Fort mit den Juden! Fort mit der jüdischen Konkurrenz! Ote-toi, que je in’y raette! Und während Moskau petitionirt, daß man die Juden belasse, bitten andere Städte um Entfernung der Juden, die den ohnehin kargen Erwerb noch mehr beschränken. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Freibnrg (Baden.) Gestern verstarb Herr Rechtsanwalt Naef liier. Derselbe war früher Landtagsabgeordneter für Freiburg und später für Schopfheim, gehörte der liberalen Partei an und stand in Juriftenkreisen, wie in der Bürgerschaft, besonders bei seinen politischen Gesinnungsgenossen in gntenl Ansehen. Türkei. Konstantinopel, 10. Juli. Bor einigen Monaten gingen wie alljährlich um dieselbe Zeit die Telegramme in die Welt, welche den Ausbruch der Cholera in Camerrau und einigen auf deni Pilgerwege nach Mekka liegenden arabischen Plätzen verkündeten. Die türkischen Behörden thaten ihre Schuldigkeit und die Seuche blieb auf ihren Ausbruchsort beschränkt, um bald darauf zn erlöschen, d. h. wenn von einem vollständigen Erlöschen derselben in jenen Ländern überhaupt die Rede sein kann. Dann kamen die Cholerameldungen aus Smyrna, Brufsa n. s. tu., wie sie ebenfalls alljährlich in die Welt geschickt werden, weil ängstliche Gemütyer die in Vorderasien zur Obstzeit (infolge des trotz aller Warnungen übermäßigen Genusses rohen Obstes) auftretenden Fälle von Ruhr und Cholerine mit der eigentlichen Cholera verwechseln. Diesmal aber habetl wir's leider ernstlich mit der asiatischen Cholera zu thun, und wenn auch zuge-