Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1891)
- Date
- 1891-07-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXll. Jahrgang. Beilagem 57 tu» „Israelit & Ieschurun" Zur Lage der Juden in Htußkaud. Von einem Gewährsmann christlicher Religion wird der „Nordd. Allg. Ztg." ans Odessa über die Jildenausweisungen in Rußland geschrieben: „Die Zahl der von hier nach Palästina answandernden Juden mehrt sich stetig, täglich verlassen hiesige jüdische Familien die Stadt, während andere sich aus der Umgebung hier sammeln, um, zu größeren Trupps vereinigt, sich nach Palästina einzuschiffen. Dies entspricht nun keineswegs den Plänen ,des hiesigen Vertreters des Baron Hirsch, Herrn Whigt, der Palästina noch nicht für das gelobte Land hält. > Bei seinem kürzlichen Aufenthalte machte er Versammlung in einer reicherer jüdischer Kaufleute folgende Mittheilungen über die theilweise schon ausgcführten Pläue des Baron Hirsch: In der Argentinischen Republik ist Land angekauft worden, welches circa für eine Million Ansiedler genügen wird. Die Ansiedelung wird derartig eingerichtet, daß sich je zehn Kolonien a 300 Personen um eine kleine Stadt gruppiren. Was die Ansiedler selbst betrifft, so wird man vorzugsweise solche Familien anwerben, deren Mitglieder gesund und kräftig sind; daher sollen kranke und in vorgerücktem Alter stehende Leute möglichst von der Auswanderung nach Argentinien ausgeschlossen werden. Nach Eintreffen der Erlaubniß der russischen Regierung werden, um die Auswanderung möglichstzu beschleunigen, in allen größeren Städten Auswanderungsbureaur eingerichtet. Die einzige Schwierigkeit, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellt, ist das augenblicklich noch bestehende Verbot der Auswanderung für militärpflichtige oder gerade im Heere dienende Juden. Diese jungen Leute sind aber gerade für das Gedeihen der argentinischen Kolonien von besonderer Bedeutung, und es sind daher schon Schritte gethan, um jbic Aufhebung jenes Verbots zu erlangen. Mit der Auswanderung macht augenblicklich die russische Regierung gar kein übles Geschäft, jeder Paß kostet zehn Rubel, später wird aber der Steneraussall ein umso größerer lein. Herr Whigt wurde übrigens von den hiesigen Behörden äußerst zuvorkommend ausgenommen, so daß ihm das Schicksal der Judenschast ganz erträglich schien. Ties glaubt allerdings Jeder, der die hiesigen Verhältnisse noch nicht gründlich kennen gelernt hat. Bald wird man aber eines Anderen belehrt, da hier beinahe täglich Fälle Vorkommen, durch welche der Haß und die Verachtung der Russen gegen die Juden gekennzeichnet wird. So waren z. B. neulich die Kinder eines armen Juden von dem Hunde einer reichen Wittwe gebissen worden. Auf eine Beschtverde des Vaters der Kinder wurde ihm bedeutet, daß er als Jude den Mund zu halten habe. Ein paar Tage darauf wurde sein jüngstes Kind von demselben Hunde gebissen und so schwer verletzt, daß cs erkrankte. Auf dem Wege zum Arzt traf der Jude den bissigen Hund und tödtete ihn in seinem verzweifliingsvollen Zorn durch einen Steinwurf. Die Folge davon war, daß der Stadthauptmann, bei dem sich die Hundebesitzerin beschwerte, lakonisch dekretirte, „der Jude hat in 24 Stunden die Stadt zu verlassen." Zum Glück fand der arme Mensch Fürsprecher und die Frist wurde um vier Tage verlängert. Er hätte nun die Stadt verlassen müssen, wenn nicht Jemand dem Stadthauptmann gegenüber geäußert hätte: „Einen Tyierschutzverein besitzen wir, Erellenz, > aber keinen Kinderschutzverein!" Schließlich mußte der Jude, > um in der Stadt bleiben zu dürfen, bei der Wittwe für den Tod des Hundes, der seine Kinder schwer verletzt hatte, um Verzeihung bitten! — Zwei andere in jüngster Zeit passirte ' Fälle entbehren nicht einer gewissen Komik. Ein alter Jude, welcher aus einer kleinen Stadt in Geschäften hierhergekommen war, begegnete im Schmucke seines Kaftans, Sammetkappe und Stirnlocken, auf dem Boulevard dem Stadthauptmann Kontreadmiral Seljonoi. Se. Excellenz liebt es nicht, wenn Juden auf dem Boulevard im Kaftan herumspazieren. Als nun der Hebräer, der ihn nicht kannte, ohne zu grüßen vorüberging, rief er: „Halt, Jude! Wachmann, verhafte den Juden und schneide ihm die Locken ab!" Und so geschah's. Der andere Fall ereignete sich aus der Pferdebahn. Auf einen völlig besetzten Wagen sprang ein Russe; bei dem Suchen nach einem Sitzplatz kam ihm einer der Fahrgäste sehr jüdisch aussehend vor. Er fuhr ihn daher sofort mit einem „Steh auf, Jude" an, bekam aber alt Antwort eine schallende Ohrfeige. Es entspann sich eine Prügelei, die mit Abführung der streitenden Parteien auf die Polizeiwache endigte; dort entpuppte sich dann der vermeintliche Jude als echter rechtgläubiger Vollblutrusse. Ter „Fr. Zeit." wird geschrieben: Die Moskauer Großindustriellen haben dem Kaiser während seines jüngsten Aufenthalts in der Kremelstadt eine Kollektivpetition überreicht, worin sie anseinandersetzten, daß die Entfernung der Juden aus Moskau Handel und Industrie außerordentlich schädigen und die nächste Zukunft bedrohen. Wenn diese Maßregel nicht baldigst inhibirt würde, so hätte man einer schweren Handelskrisis entgegenzusehen und die Handlungszahlungsunfähigkeit könnte riesige Ziffern erreichen, da den Industriellen, Dank der Abwesenheit der jüdischen Kommissionäre und Agenten ihre Waare auf dem Halse bleiben. Durch die jüdischen Vermittelung setzten die Moskauer Industriellen für 200 Millionen Rubel jährlich ihre Produktionen im Innern des Reichs ab und die Reduzirung dieser Umsätze wäre mit einem völligen Ruine gleichbedeutend. Der Kaiser erwiederte den Deputirtcn, die ihm die besagte Petition überreichte, daß die Sache vielfach erwogen werden müsse, daß man „vielleicht" eine Aenderung oder Milderung in denRepressenmaßregeln in Bezug auf die Inden eintreten lassen würde, daß aber an eine Aufhebung des Dekrets nicht gedacht werden könne. Ein hochgestellter Beamter war beauftragt worden, zu erforschen, ob in der That die gewaltsame Entfernung aus Moskau in der That eine so -weite Handelskrisis Hervorrufen könnte und in seinem Berichte kam dieser judenfressende fanatische Tschineweis zu folgender Schlußfolgerung: „Obwohl cs im Interesse der nationalen und orthodox-religiösen Interessen äußerst erfreulich sei, daß die Regierung sich zu dem Entschlüsse ausgerafft habe, die Feinde der orthodoxen Kirche und des gesummten Christenthums (die Juden) aus;der heiligen Stadt zu entfernen, so könne doch andererseits nicht in Abrede gestellt werden, daß die Juden für den Handel und die Industrie sehr wichtig seien und daß die meisten Maßregeln die materiellen Interessen des Landes höchlich schädigen können." Doch dieses Resumö hat auf den Prokonsul Rußlands, auf Herrn Pobedonozew, den Urheber der ganzen antisemitischen Bewegung, nicht den geringsten Eindruck gemacht und der Oberprokuratur des heiligen Spnods, der faktisch Rußland beherrscht, und auf seinen ehemaligen Zögling, den Zaren, einen unbeschränkten Einfluß hat, läßt sich durch solche Erwägungen nicht irre machen. Wenn auch einige Kaufleute ihre Zahlungen einstellen, was genirt das? Dahingegen werden die nationalen und religiösen Interessen gewahrt. Und Herr Pobedonozew möchte gern alle sechs Millionen russischer Juden bekehren, das ist feine Lebensaufgabe; er ist ein überzeugter Fanatiker und stellt den Juden die Alternative — entweder sich in den Schoß der alleinseligmachenden or-