Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1891)
- Date
- 1891-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1057 „Sag' selbst, Sch'lomoh, hast Du denn schon Derartiges gesehen? — Diese Augen! — diese Stirn — dieser Mund! — diese Nase! — dieses prachtvolle Haar — und dieser wunderherrliche Wohlgeruch! — Ich sage Dir, wie ich ihn gesehen habe, habe ich gleich zu mir selber gesagt: wenn das nicht der Messias ist —" Sch'lomoh schüttelte staunend den Kopf ob der Weisheit seiner Ehehälfte. „Aber Riivkah, mein Kind, daß Du nur zu unserer Nachbarin, zu der Pessel, nicht davon redest, die ist eine Trompete, Du weißt —" „Ob ich's weiß! — deßhalb bin ich ja auch nicht gut mit ihr. — Nein, Sch'lomoh, da sei Du unbesorgt, die Pessel erfährt von mir keine Silbe." Und fort rannte die wackere Frau, nicht zu ihrer Nachbarin zur Linken, zur Pessel, sondern zu ihrer rechtswohnenden Nachbarin, zu der Ehaje Kohn, und vertraute ihr unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit das große Geheimuiß an. Und daß Frau Chaje Kohn das ihr anvertrautc Geheimniß in derselben Weise zu wahren wußte, wie Sch'lomoh's edle Gattin, bedarf kaum der Erwähnung. Bis zu Mittag des folgenden Tages gab es in der zahlreichen Judengcmeinde in Salonichi sicherlich kein Kind, das nicht von dem Messias, der bei Sch'lomoh eingekehrt war, hätte reden hören. Das Haus, in dem Sabbatai Zewi weilte, war beständig umringt von Neugierigen, die des hehren Fremdlings ansichtig zu werden wünschten. Dieser ließ sich jedoch vor dem Sabbat nicht blicken. Eiugcschlossen in sein Zimmer, studirtc er unablässig in den ihm so thenren Büchern, in denen er unaufhörlich neue Beweise seiner Messianität entdeckte. Nicht einmal seine Hausleute bekamen ihn zu Gesicht, nur Jachini und sein eigener Diener durften sein Zimmer betreten. Doch allnächtlich, wenn die Menschen in tiefem Schlummer läget, und die Sterne hell am Himmel funkelten, daun öffnete sich Sabbatai's Thür und begleitet vor! seinem älteren Freunde, trat er den Weg zum Meere an, um seine Glieder in die schäumenden Wellen zu tauchen; doch bevor der Morgeti grauete, befand er sich wieder daheim in seinem Zimmer, und nur Wenigen ward das Glück zu Theil, auf seiner nächtlichen Wanderung seiner ansichtig zu werden; doch diese Wenigen konnten nicht genug erzählen von dem Zauber seiner hehren Erscheinung, einige wollten sogar einen Strahlenglanz auf seinem Haupte erblickt haben. Jachini hatte schon bei seinem früheren Aufenthalte wiederholt in den Synagogen Salonichi's gepredigt, es war ihm daher ein Leichtes, zu dem herannahenden Sabbat von den betreffenden Vorstehern eine Einladung zu erhalten, in der größten Synagoge einen Vortrag zu halten. Diese war gedrückt voll, denn allgemein hatte man gelwfft, daß auch Jachini's Begleiter, oder vielmehr derjenige, den Jachini begleitete, am Morgengottesdienftc sich beteiligen werde; in dieser Erwartung hatten sich jedoch Alle getäuscht. Dennoch bereute Keiner gekommen zu sein, denn Jachini war ein sehr beliebter Redner, er verstand es, durch seinen Bortrag nicht nur zu fesseln, sondern geradezu htnzurcißen, und in gespanntester Aufmerksamkeit lauschte die Versammlung seinen Worten. In glühenden Farben schilderte Jachini den Druck, der in der ganzen weiten Welt auf dem jüdischen Volke lastet und kam dann auf die von Gott verheißene Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter, auf die Erlösung, die ihrer harrt und auf den Erlöser, und als er dann inmitten seiner Rede eines Verses des kurz zuvor verlesenen Thoraabschnittcs erwähnte: „Es hat ein Stern von Jakob seinen Weg angetretcn und ein Scepter sich erhoben von Israel, der schlägt die Angeln Moabs und entmannt alle Söhne Seth's. — „Und Edom geht an einen Herrn über, an einen Herrn über Se'ir, seine Feinde, und Israel wächst an Macht —" Da hielt er plötzlich inne und wie gebannt hing sein Auge au Sabbatai's hoher, königlicher Gestalt, die, als wäre sie aus dem Boden gewachsen, plötzlich in Mitte der Synagoge sich befand. Aller Blicke folgten dem des Redners, Laute des Staunens, der Bewunderung wurden gehört, es herrschte ein Gemurmel, wie sonst während der Schmoneßre am Versöhnungstage. Da, mit einemmal hob Jachini beide Arme und mit seiner lauten, schmetternden Stimme rief er, alles übertöuend: „Heil dem Messias! Heil dem Davidssohn! Heil uuserm Erlöser!" Und hingerissen durch sein Beispiel rief die ganze große Gemeinde einstimmig: „Heil dem Messias! Heil dem Davidssohn! Heil uuserm Erlöser!" Es war wie das Brausen der brandenden Wogen, wenn sie der Sturm peitscht. Und Alles umdrängte die königliche Gestalt Sabbatai's und Alt und Jung schätzte sich glücklich, sein glänzendes Gewand von schwerer, schwarzer Seide an die Lippen drücken zu dürfen. Hochaufgerichtet unter den ihn Umdrängenden stand Sabbatai und lauschte wonnetrunken den nicht endenwollenden huldigenden Zurufen.