Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1891)
- Date
- 1891-07-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1052 eilt uns eine Schrcckeusbotschat von neuen Brutalitäten. Was ist die Wahrheit? Schon drängt sich die Frage auf, zu welchem Zwecke denn überall gesammelt wird; was sott die Organisation von Lokal«, Provinzial- und Ccutral- Comitss? Was helfen den armen Flüchtigen, denen die Heimath zu einem Kerker geworden, die Reisen in die weite Welt, die plan-, ziel- und zwecklos unternommen werden, da kein Mensch augenblicklich im Stande ist, auch nur eine Vcrmuthung zu hegen, wo denn das Fleckchen Erde ist, das den Heimathlosen mitleidig gestatten will, sich auf ihm nicderzulasstn? Es herrscht über diese vitalste Frage eine heillose Verwirrung, und wir Alle, die berufen sind — und ein Jeder ist berufen und verpflichtet — zu Helsen, verstehen uns schccht auf diese unsere unabweisbare Pflicht. Es gibt nur eine einzige Erklärung für diese Verworrenheit und Planlosigkeit, für diese Scheu vor der Ocffentlichkeit. Niemand, auch nicht die Central-Stellen, weiß zu rathen, Keiner hat einen bestimmten ausführbaren Plan. Weil dem aber in der That so ist, so erwächst denjenigen, welche die Leitung des Ganzen in die Hand genommen haben, um so mehr die gebieterische Verpflichtung, ohne jeglichen Verzug, die Gesammtheit der Juden zu einer gemeinsamen Berathung anfzufordern über die schwere Frage: Wie h c l f e n w i r unfern r n s s. Brüdern? Es ist dringend erforderlich, daß Delegirte ans allen Erdtheilen und Ländern diese Frage zur Entscheidung bringen. Eine solche muß gefunden werden, wenn sie mit dem ganzen Ernste und mit der vollen Bruderliebe behandelt wird. Wir haben unsere Ansicht bereits in der vorigen Woche an dieser Stelle mitgetheilt. Möge recht baid auch hierüber ein international-jüdischer Eongreß beschließen. Wir fordern das deutsche Central-Comite in Berlin auf, einen solchen zu berufen. Eile ist geboten , jede Verzögerung gefährdet die Existenz Tausender. Wenn schon bei der Gefahr, die den Einzelnen droht, das göttliche Gesetz mahnt: by S»yn ab “jin, so gilt gewiß dieses Gebot angesichts der entsetzlichen Gefahr, in welcher Millionen unserer russischen Brüder sich befinden. Jsa ak Hirsch. Literarische Watiz. Soeben erschien ein von unscrm gelehrten Dajon, Rev. Mrs. B. Spiers »"j in London verfaßtes Werk: tm das einen faßlichen Auszug der drei talmudischen Tractate *037 njtsd toa ,i'Yiroo jona enthält. Am Schluffe ist noch eine Erklärung der Da'^mb o'p-e ruiop angefügt. Dieses int populären Style gehaltene Werk findet allgemeinen Beifall und ist dem Publikum warm zu empfehlen, da es viele bis jetzt unerklärte Stellen in genialer Weise beleuchtet. Zeitungsnachrichten und (5orrespondeuzen. Deutsch! and. Berlin, 13. Juli. Karl Paasch, Verfasser des Buches: „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft", wurde gestern hier im Unterfuchungsgcfängniß cingeliefert und auf der Station „Kleines Mäunergefängniß" in einer Jsolirzelle untergebracht. Sein Rechtsanwalt hat seine vorläufige Entlassung beantragt. Berlin. Die „Kreuz-Ztg.", welche bekanntlich besondere Anstrengungen macht, „jüdische R i t u a l m 0 r d e" ausfindig zu machen, glaubt jetzt wieder einen entdeckt zu haben und zwar in der türkischen Stadt Mustapha Pascha. Das Blatt schildert den angeblichen Hergang der Sache folgendermaßen: Am 27. Juni wurde in der Nähe von Mustapha Pascha aus dem Fluß die Leiche eines achtjährigen Mädchens gezogen, welche nach Aussage des untersuchenden Arztes etwa zwanzig Tage im Wasser gelegen hatte. Dieselbe wurde als Kind einer in der Stadt wohnenden christlichen, d. h. chricchisch - orttzodoxen Familie erkannt, nnd der chriechische Fleischhauer Stephanos erklärte, das Kind sei genau nach der bei den Juden üblichen Methode des Schlachtend getödtet worden. Die Christen nahmen daher sofort an, daß hier ein jüdischer Ritualmord vorliege; doch waren bei dem Zustande der Le!che weitere Merkmale hierfür nicht zu erkennen. Zwei Tage darauf, am 29. Juni, wurde nun auch der vorgenannte christliche Fleischhauer ermordet, und in einen Sack eingeschnürt, ail dem Ufer des Flusses gefunden, und die Untersuchung der Leiche ergab, daß der Fleischer durch Stiche mit breiten 'schlächtermessern getödtet worden war. Auch jetzt lenkte sich sofort der Verdacht ans die jüdischen Schlächter, welche bis vor Kurzem noch fast gänzlich den Fleischverkauf auch für die Christen und Muhammedaner in Händen hatten. Erst neuerdings hatte der christliche Schlächter Stephanos ein selbstständiges Geschäft in der Stadt eröffnet und durch dasselbe seinen jüdischen Berufsgenoffen einen großen Theil der Kundschaft entzogen. Hierdurch zog er sich bereits den Haß der letzteren zu, und nachdem er nun auch noch jenen Verdacht bezüglich der Ermordung des Kindes ausgesprochen