Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1891)
- Date
- 1891-07-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1040 von Kinderkarten. Herr v. Pagliarucci wurde sehr erregt und rief dem Conducteur die Worte zu: „Sie sind ein frecher Jude und ein kecker Kerl. Den Juden ist es angeboren, frech und keck zu sein. Sie stehlen den Leuten das Geld aus der Tasche, ich aber werde für meine Kinder nicht mehr zahlen als sechs Kreuzer." Der Conducteur verwies ihr« auf den Tarif, der im Waggon angebracht ist. „Das ist ein Judentarif", schrie v. Pagliarucci, „der geht mich nichts an." Dr. Leo Ehrenthal erhob wegen dieser Aeußerungen im Aufträge der Tramway-Direction die Ehrenbeleidigungsklage gegen Ritter v. Pagliarucci bei dem Währinger Bezirksgericht. Der Geklagte stellte alle Beschimpfungen in Abrede. Zeuge Anton Schwarz, Tramway-Kutscher, gab an, der Geklagte habe zum Conducteur auch noch gesagt: „Ich werde Ihnen schon zeigen, wie es ist, wenn man es mit einem Antisemiten zu thun hat". Der Richter Dr. v. Heidt verurtheilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von hundert Gulden, eventuell zehn Tagen Arrests. Der Verurthcilte meldete die Berufung an. Raab (Ungarn), 5. Juli. Die hiesige aus 70, zur Hälfte aus unbemittelten Mitgliedern bestehende orthod. Gemeinde gründete auf Veranlassung ihres Rabbiners, Herrn Jakob Snyders, voriges Jahr einen Talmud-Thora-Verein zur Erhaltung einer Talmud-Thora-Schule. Die Kosten werden theils von der Gemeindekasse, theils aus Privatmitteln bestritten. So gibt Herr Koloman König jährlich hierzu 100 fl. Aus dem 14,000 fl. betragenden Vermächtnisse des verstorbenen Herrn A. M. König, Vater des Vorgenannten, sind 2700 fl. der Schule bestimmt. An der Schule, die 22 Schüler zählt, wirken zwei tüchtige Lehrer für das Hebräische und zwei Professoren der Staatsoberrealschule für die profanen Unterrichtsgegenstände. Die dieser Tage stattgehabte erste Prüfung ergab ein glänzendes Resultat. Die 1. Abteilung lernte außer der laufenden Sidrah mit Raschi, 20 Psalmen und 24 Blatt Gemoroh (Gittin) rnit Raschi und Tosaphot; die 2. Abtheilung nahm Chumesch, Psalmen und 18 Blatt Gemoroh mit Raschi durch. Der Erfolg im profanen Wissen ist ebenso erfreulich; zwei der Zöglinge besta nden vorzüglich die Prüfung der ersten Klasse an der Preßburger Bürgerschule. Italien. Brindisi, 24. Juni. Die hiesige Munizipalität hat auf Antrag des Sindaco (Bürgermeisters) den 400 corfiotischen Juden, welche sich in Folge der Unruhen in Corfu hierher geflüchtet haben, das Ansiedelungsrecht verliehen und ihnen Grund und Boden auf Kosten des Munizipiums gewährt. Es soll dieser Schritt, wie der Sindaco bei Begründung seines Antrages ausdrücklich betonte, ein Versuch sein, der in Corfu zu Boden getretenen Menschlichkeit wenigstens in einem Theile wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Rußland. Moskau. Die Ausweisung zahlreicher jüdischer Handwerker aus Moskau hat, wie wir der „M. D. Z." entnehmen, im Moskauer Handwerkeramt eine Verminderung der Geschäfte, aber zugleich auch der Handwerkerabgaben zur Folge gehabt, so daß man im Amte 7 Angestellte, welche ohne Beschäftigung blieben, hat enllassen müssen. Die Angestellten bezogen insgesammt 1500 Rubel Gage pro Jahr. Den Betroffenen ist als Unterstützung bei ihrer Entlassung eine Monatsgage ausgezahlt worden. E n g l a n d. London. Der König von Rumänien hat Herrn Rev. Dr. Ga st er hier in Anerkennung der großen Dienste, die derselbe der rumänischen Liteteratur und Philologie durch die Herausgabe seines zweibändigen monumentalen Werkes, die „Chrestomatia Romana“ geliefert, den Orden Benemerentt 1. Klaffe, den höchsten Orden für Verdienste, verliehen. > Vermischtes. -4- Herrn Fritsch in Leipzig scheinen die Strafmandate nicht mehr zu behagen. Darum steckt er lieber für sein Blatt Geld ein, als daß er sich für dasselbe einstecken ließe. So melden die antisemitischen Blätter: Der „Leipziger Tagesanzeiger" ist von seinem bisherigen Eigenthümer Ingenieur Theodor Fritsch an Herrn Wilh. Wauer verkauft worden. Auch ein Redactionswechsel tritt ein. Als neuer Nedacteur soll dem Vernehmen nach Herr Dr. Erwin Bauer, der Herausgeber der Monatsschrift „Das zwanzigste Jahrhundert", eintreten. Könitz, (Westpr.) 30. Juni. In Folge eines Herzschlages verstarb hier gestern plötzlich der Stabsarzt a. D. Herr Dr. Wilhelm Joseph im Alter von 58 Jahren. Der Dahingeschiedene war am hiesigen Drte seit etwa dreißig Jahren als Arzt thätig, während welcher Zeit er in reichem Maße Gelegenheit fand, insbesondere in seiner Eigenschaft als städtischer Armenarzt, sein Wissen und Können in den Dienst der Menschenliebe zu stellen. So wirkte er in rastloser Thätigkeit bis zu seinem Lebensende. Das Vertrauen seiner Mitbürger hatte ihm mancherlei Ehrenämter übertragen, von denen wir hier nur das des stellvertretenden Vorstehers der Stadtverordnetenversammlung nennen wollen, welches er bis vor wenigen Jahren andauernd verwaltete. Der allzu früh Heimgegangene hat die Feldzüge von 1860 und 1870/71 als Stabsarzt in Feindesland mitgemacht und leitete u. A. auf französischem Boden, in Epernay, längere Zeit ein Feldlazareth; aus letzterem Kriege kehrte er mit dem Eisernen Kreuz zurück. Die Bevölkerung hiesiger Gegend wird dem Hingeschiedenen ein ehrendes Andenken bewahren. I. W. Preßbnrg. Der bekannte Wohlthäter, Herr Heinrich Berger in Wien, ein streng-orthodoxer Jude, hat dem hiesigen israelit. Waisenverein „Jeruchem-Josem" fl. 5000. - östr. W. gespendet mit der Bedingnung, daß der genannte Verein verpflichtet ist, für die Interessen dieses